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In der Kriminalliteratur kehrt der Verbrecher regelmäßig an den Ort seines Verbrechens zurück. Er nimmt in Augenschein, was er seinen Opfern angetan hat. Tot liegen sie da, und er zieht aus ihrem Anblick noch einmal Befriedigung. Er beseitigt die letzten Spuren, achtet darauf, dass niemand seine Fingerabdrücke findet und sein Verbrechen ausreichend perfekt ist. Aber dass man das Opfer an den Ort des Verbrechens zurückschickt, um es weiter zu quälen, hat es in der Kriminalliteratur noch nie gegeben. Einen Toten, den man sich selbst das Totenbett richten, auf seinem eigenen Grab die Blumen pflanzen oder sie gießen lässt.

Liebe Leserinnen, liebe Leser: Bedenken Sie bitte, dass der folgende Text nur den Versuch darstellt, etwas zu rekonstruieren, was nie geschehen ist. Trotzdem sind viele der geschilderten Ereignisse nicht ausgedacht. Wenn Sie Ihrer Wirklichkeitsblase Absurditäten ersparen möchten, dann lesen Sie ihn nicht.

Das gelbe Taxi fuhr durch den Kreisverkehr, unter dem weiten Torbogen hindurch in die Überreste dessen, was einmal Teil einer Hauptstadt gewesen war. Seit über fünf Jahren mein erstes Mal wieder an diesem Ort. Ewigkeiten, aber ich konnte mich noch an die Mauer mit dem Bild des Felsendoms darauf erinnern, die beiden Torbögen links und rechts davon wie Flügel. Beiden war einmal etwas eingeschrieben worden – dass der Kampf weitergehe, dass man am Rückkehrrecht festhalte, etwas über Männlichkeit und Standhaftigkeit. Im linken Flügel steckte wie ein Dolch ein Foto von Assad, dem Vater. Im rechten eines des Sohnes. Beschuss und Bombardierung hatten die Worte von den Torbögen radiert und die wichtigtuerische Mauer zerstört. Nur noch die beiden zerfledderten Assad-Fotos begrüßten nun die Besucher. Der Vater blickte mich mit seinem scheinfreundlichen Lächeln an, der Blick des Sohnes war auf den Horizont gerichtet; er wollte stark und unverwundbar wirken, was ihm nicht gelang.

Amin Al Magrebi wurde in Damaskus geboren und ist 20 Jahre alt. Seit 2015 lebt er in Berlin, derzeit bereitet er sich auf sein Abitur vor. © ZEIT ONLINE

Im wildesten meiner Träume hatte ich mich an diesen Ort versetzt. Galgen, hoch aufragend. Wir würden die Faschisten für ihre Gräueltaten hängen, frohlocken und tanzen und dann unser Utopia erbauen. Jetzt sehe ich zwei Soldaten, die dreist eine brandneue Fahne aufhängen, wo sie nicht hingehört.

Meine Augen sind offen. Meine Reiseroute ist nicht klar zu erkennen. Ich weiß nicht, wie ich hier gelandet bin, welche Wellen mich an meine Ursprungsgestade zurückgetragen haben. Die Straßen sind zu breit. Es stehen weniger Häuser als in meiner Erinnerung. Niedrig sind sie und wackelig. Lebendigkeit ist ein Wort aus den Wörterbüchern geworden, nichts davon ist sicht- oder spürbar.

Die Luft ist dick und grau. Fliegenschwärme am Straßenrand. Seit Wochen ist nichts mehr vom Himmel gefallen – außer Bomben, Granaten, Raketen, Waffen, die die Russen testen, und sogar einem Soldaten, der hingerichtet wurde, indem man ihn von einem Hausdach warf, nachdem man ihm einen Bombenzünder in den Helm gesetzt hatte. Es ist wolkig, aber es will nicht regnen.

Soldaten in Uniform und Söldner plündern Hand in Hand, schleppen davon, was immer sie in die Finger bekommen; Fernseher, Kühlschränke, Waschmaschinen, Gasflaschen, Sofas, Teller, Löffel, Gabeln, sogar die Elektrokabel werden aus den Wänden gerissen. Wertvolles Kupfer. In den Tagen darauf würden selbst dicke Kabel aus der Erde gezogen werden. Dabei würde man aus Versehen die Telefonleitungen ins Nachbarviertel kappen. Niemandem würde das absurd vorkommen. Die Zyniker würden es komisch finden. Der größte Teil der Beute würde in ein paar Tagen auf den Sunni-Märkten verkauft werden. Niemandem würde das absurd vorkommen. Wie viele dieser Basare hatte es schon gegeben? Ich weiß es nicht. Wie viele würden noch kommen? Ich weiß es nicht. Wie fühlt es sich an, wenn einem der Hausrat gestohlen und verkauft wird? Das werde ich bald erfahren. Wie viele Kühlschränke mag ein Söldner wohl brauchen? Ich weiß es nicht. Wie viel würde er rauben? Ich weiß es nicht. So viel er kann, vermutlich. Wie viele Söldner braucht man, um eine Glühbirne zu plündern? Drei. Einen zum Zusehen. Einen zum Plündern. Einen, der die Plünderung abstreitet, seine eigene Beteiligung, die Existenz der Glühbirne an sich. Er würde von den Amerikanern in Vietnam anfangen. "Haben nicht auch sie Glühbirnen geplündert?" Einen Heuchler würde er dich nennen, dass du ihm den Raub deiner Glühbirne vorwirfst, wo du dich doch lieber für die Vietnamesen einsetzen solltest.

Ein seltsamer Geruch nach verdorbenem Fleisch erinnert mich daran, dass ich nicht in Indochina bin. Dichte Fliegenmassen drängen sich am Straßenrand, ein Festmahl vermutlich. Das ist der Geruch der unter den Trümmern vergessenen Toten, sie beneiden die Waschmaschinen.

Die Straße ist breit, es gibt aber kaum noch ein Durchkommen. Ruinen dessen, was einmal Häuser waren, sind nun Teil der Straße geworden – mancherorts nehmen sie sie ganz ein. Die Häuser sind entweder eingestürzt oder voller Löcher. Den Häusern zur Straße hin fehlen ein, zwei Außenmauern. Ich gehe durch eine Straße aus Puppenstuben. Ein paar Mauern stehen noch. Die Graffiti darauf kann man noch lesen. Ich kann mich noch an alle Mauern und alle Graffiti erinnern, aber ich kann sie nirgends sehen. Ich suche nach "Jetzt sind Sie an der Reihe, Doktor" und finde es nicht. Ich suche nach "Tel al-Zaatar bleibt unvergessen" und finde mich in einem anderen Land wieder, in einem anderen Jahrzehnt, in einem anderen Tel al-Zaatar*, exekutiert von einem anderen Assad. Ich suche nach dem allereinfachsten Freiheitsruf und finde nichts als Mauern, die entweder mit "Assads Männer waren hier" oder mit "Gottes Männer waren hier" versiegelt wurden. Beides von denselben Soldaten hingesprüht. Manchmal sogar über die Schatten von Märtyrern. Wenn ich eine Wand wäre, ich wäre lieber eingestürzt. 

Ich versuche, nicht daran zu denken, dass ich über Häuser hinwegsteige. Mir wird unwohl bei der Vorstellung, jemand könnte über mein Haus hinwegsteigen. Die Menschen hier haben sich in riesigen Massen versammelt und stolpern durch die Ruinen wie in einem postapokalyptischen Film. In der vergangenen Woche hat das Bombardement den Himmel in Flammen gesetzt, eine endzeitliche Szenerie. Für Palästinenser war ein flammender Himmel noch nie ein gutes Omen. Die Russen brachten die Hölle auf die Erde und verkündeten ein vorgezogenes Jüngstes Gericht. Anders als beim göttlichen Jüngsten Gericht regiert beim russischen Jüngsten Gericht das Unrecht, und man nimmt die Zivilbevölkerung und die Krankenhäuser ins Visier. Die in den vergangenen fünf Jahren Geborenen und gleich wieder Getöteten haben ihr Leben lang das Unrecht der Russen und Assadisten erlebt. Wer hat den Mut, einem Kind zu sagen, die Nacht sei zum Schlafen da, wenn sie heller leuchtet als der Morgen? Wie bringt man einem Kind den Unterschied zwischen einem Park und einem Friedhof bei, wenn die Toten immer wieder in den Park vordringen? Wie überzeugst du Kinder, dass sie nicht verhungern oder verdursten werden, wenn du doch genau das befürchtest? Wie kannst du vom Himmel als Verheißung sprechen, wenn eine Belagerung dich von der Welt abschneidet?