Die Bringschuldigen abholen

Mutter muss weg heißt eine deutsche Fernsehkomödie aus dem Jahr 2012. Darin spielt Bastian Pastewka den Taugenichts Tristan, der einen Auftragskiller auf seine dominante Mama Hannelore (Judy Winter) ansetzt. Am Ende ist der Killer tot und Tristan trotzdem glücklich. Eine Komödie aus unschuldiger Zeit.

Sechs Jahre später sieht die Welt düster aus. Die Mutter aller Probleme ist laut Bundesinnenminister Horst Seehofer die Migrationsfrage – und eine einfache Lösung fern. Denn selbst wenn man jetzt mit hohen Mauern an den Grenzen die Mutter aus dem Spiel nähme, bliebe doch das wachsende Problem mit der Akzeptanz ihrer Kinder, den hier bereits lebenden Migranten und ihren Nachfahren. Wer nicht, wie es noch vor wenigen Jahren nur die NPD tat, über "Rückführungen" von "Passdeutschen" reden will, kommt daher am Thema Integration nicht vorbei. Nur hier liegt eine vernünftige Lösung für die Konflikte, die die Migration hervorgerufen hat. Aber wer hat sie genau?

Am ehesten vielleicht jemand, der selbst eine Migrationserfahrung und diese kritisch nach allen Seiten reflektiert hat. Ahmad Mansour kam 2004 als 28-jähriger Palästinenser von Israel nach Deutschland, wo er zuerst Psychologie studierte, dann zum Gruppenleiter des vielfach ausgezeichneten Neuköllner Gewaltpräventionsprojekts Heroes und bald auch als charismatischer Redner, Diskutant und Autor bekannt wurde. Spätestens seit seinem Bestseller Generation Allah von 2015 ist Mansour eine öffentliche Person. Nun hat der S.-Fischer-Verlag Klartext zur Integration auf das Cover seines zweiten Buches drucken lassen, fett und mit gelbem Marker unterstrichen. Etwas kleiner darunter: Gegen falsche Toleranz und Panikmache.

Gute Beispiele, schlechte Schlüsse

Was nach Buzzword-Bingo für besorgte Bürger aussieht, wurde von der FAZ soeben potenziellen Sarrazin-Lesern als die bessere Lektüre empfohlen. Und als Fall- und Anekdotensammlung ist Klartext zur Integration tatsächlich ein lehrreiches, nützliches Buch. Mansour ist eben nicht nur der notorische Talkshowgast, der in den vergangenen Jahren zum Stichwortgeber vieler islamkritischer Rechter und zur Reizfigur vieler rassismussensibler Linker geworden ist. Mansour ist auch der Diplompsychologe, der als junger Mann dem islamistischen Milieu in Palästina selbst sehr nahestand und inzwischen als Antiextremismus-Workshops leitet.

Wenn Mansour seine Rolle in den Fallschilderungen, die seinem Buch den Rhythmus geben, nicht idealisiert, dann müssen diese Workshops zur Deradikalisierung junger Muslime ziemlich gut sein. Sensibel und anschaulich erzählt Mansour von Migrationsschicksalen und bleibt dabei in seinem Urteil ausgewogen: Er äußert Verständnis für die hartnäckigen Fremdheitsgefühle, die viele Migranten in der distanzierten deutschen Gesellschaft empfinden können; kritisiert zugleich aber die Orientierungslosigkeit vieler patriarchal erzogener Männer, die ihre Frauen unterdrücken und ihre Familie oder ihre Community gegenüber der restlichen Gesellschaft am liebsten abschotten wollen.

Der Mehrheit nichts abverlangen

Leider sind die politischen Schlussfolgerungen, die Mansour aus seinen Beobachtungen zieht, viel undifferenzierter. Der Mehrheitsgesellschaft dürfte dieses Buch auch deshalb gefallen, weil es sich mit Forderungen an sie ganz und gar zurückhält. "Integration ist in erster Linie die Bringschuld der Zugewanderten" lautet Mansours Leitsatz, gleich eingangs des "Anleitung zur Integration" überschriebenen Zehn-Punkte-Schlusskapitels. Zwar schreibt er an einigen Stellen auch, "alle", inklusive der alteingesessenen Deutschen, müssten "umdenken". Doch für Letztere verbirgt sich hinter dieser Phrase nur ein Strauß von Forderungen, die fast ausnahmslos auf die politische Klasse abgewälzt werden können.

Mansour fordert Paten- und Mentorenprogramme, eine bessere Bildungs- und Sozialarbeit, eine größere Distanz des Staates zu erzkonservativen Islamverbänden sowie ein Einwanderungsgesetz. Sicher wäre es um Deutschland besser bestellt, wenn es all diese Dinge gäbe. Doch der Gedanke, dass die Hiesigen auch ihre lebensweltlichen Einstellungen und Reflexe überdenken könnten, ja dass es in der deutschen Gesellschaft insgesamt an positiver, inkludierender Akzeptanz von Fremdheit fehlt, sucht man in Mansours Buch vergebens. Was man der paternalistischen "Das ist Deutschland hier"-Pose entgegenstellen könnte, die auch in der gesellschaftlichen Mitte um sich greift, hat Mansour sich offenbar nicht gefragt. Schlimmer noch: Er scheint gar kein Bewusstsein dafür zu haben, dass es diese Pose gibt und dass sie problematisch ist. Nicht zuletzt, weil sie auch aufgeschlossene Migranten in eine Abwehrhaltung und – Mansour beschreibt das selbst eindrücklich – zum Rückzug in die eigene Community bringen.

Erst Konflikte zeigen, dass Integration stattgefunden hat

Würde man die deutsche Gesellschaft mit einem Tisch vergleichen, dann hätte Mansour es sich am Kopfende bequem gemacht, um von dort aus zu entscheiden, wer sich schon setzen darf und wer sich noch mal die Hände waschen muss. Die Funktion eines solchen Achtgebers ist zweifellos wichtig, wenn die Finger schlimm besudelt sind, zum Beispiel mit Antisemitismus. Sie wird anmaßend, wenn sie die Akzeptanz von persönlicher und religiöser Freiheit ständig unter Vorbehalt stellt. Wenn etwa eine Muslima mit Kopftuch von Mansour wieder und wieder gesagt bekommt: Du darfst vielleicht hier sitzen, aber: "Trotzdem ist das Kopftuch immer ein Ausdruck von Geschlechterungleichheit, Patriarchat und Unterdrückung."

Die Tischmetapher ist einem anderen neuen Buch zum Thema entlehnt. In Das Integrationsparadox will der Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani laut Untertitel erklären, Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt. El-Mafaalan kam 1978 als Sohn eines aus Syrien eingewanderten Arztes in Bochum zur Welt, er war Professor an der Fachhochschule Münster, seit 2018 arbeitet er im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration. Wie kommt jemand mit diesem Hintergrund auf eine derart widersinnige These?

Die Gesellschaft als Tisch

Was provozierend klingt, lässt sich am Tisch plausibel machen: Während es dort zumindest äußerlich meist harmonisch zugeht, wenn dort nur eine kleine Familie sitzt, die klar auf ein Oberhaupt ausgerichtet ist, wird es immer enger und konfliktreicher, je mehr Menschen dort einen Platz, sprich gesellschaftliche Teilhabe, erlangen. Wenn diese Teilhabe nun zum Beispiel in der zweiten, dritten oder vierten Generation einer Zuwandererfamilie dazu führt, dass man sich eben nicht mehr in der von Mansour postulierten "Bringschuld"  sieht, dann kommt es zu grundsätzlichen Konflikten um die Gestaltung der Tafel.

Dementsprechend sieht El-Mafaalani gegenwärtige gesellschaftliche Krisensymptome eher als eine Bestätigung von Integrationserfolgen. Für "Menschen mit internationaler Geschichte" gebe es heute Aufstiegsmöglichkeiten, die den Gastarbeitern früherer Tage völlig verschlossen geblieben seien, schreibt er. Aus der gegenwärtigen Unzufriedenheit vieler Menschen mit dem Status quo und radikalen "Schließungstendenzen" am rechten Rand der Mehrheitsgesellschaft ebenso wie unter radikalen Muslimen folgert El-Mafaalani nicht, dass die Lebenswelten innerhalb der deutschen Bevölkerung unvereinbar wären, sondern dass sie sich inzwischen so nahe gekommen sind, dass Reibung entsteht. "Der Anspruch" aller Beteiligten sei nur deutlich schneller gestiegen als "die reale Verbesserung".

"Superdiversität"

Ausgehend von diesen Annahmen kommt El-Mafaalani zu ganz anderen Schlüssen als Mansour: Während bei Mansour muslimische Migranten als relativ homogene Problemgruppe in Erscheinung treten, spricht El-Mafaalani von "Superdiversität" der Herkünfte, Generationen, Sprachaneignungsmodellen. Während Mansour sagt, das Kopftuch habe "mit Freiheit nichts zu tun", konstatiert El-Mafaalani, junge Muslima müssten "hart im Nehmen" sein und eine "gehörige Prise Selbstbewusstsein" besitzen, um dieses Symbol im Alltag zu tragen.

Während Mansour in unterschiedlichster Form die "Bringschuld" derjenigen betont, die vergleichsweise neu im Land sind, nennt El-Mafaalani Assimilation "Blödsinn" und illustriert dies mit einem weiteren Gedankenspiel: Die Leser sollen annehmen, sie seien mit ihrer Familie nach Japan gezogen. Würden sie sich nun wünschen, dass die Kinder unmittelbar alle Zeugnisse der deutschen Kultur vergessen, auch mit den Eltern nur Japanisch sprechen und schnellstmöglich jeden Bezug zu Deutschland verlieren? Oder dass sie in Japan gut zurechtkommen, erfolgreich sind, aber gleichzeitig noch so viel wie möglich mit ihren Eltern gemein haben? "Sie entscheiden sich natürlich für Variante 2. Denn Variante 1 ist ein Hinweis auf eine psychische Störung ..."

Es braucht einen anderen Klartext

Was Aladin El-Mafaalani in seinem eher schmalen Band macht, taugt somit wunderbar, um lebensweltlichere Bücher wie Mansours auf den Sinn und Zweck ihrer Ansprache zu befragen. Denn dass der Integrationsprozess für El-Mafaalani notwendig zu mehr Konflikten führt, bedeutet ja gerade nicht, dass man diese Konflikte auch noch unnötig befeuern muss – etwa mit redundanten Assimilationsforderungen.

Wo Klartext wohlfeil wird, wird Abraten zur Pflicht. Und auch wohlmeinende Bücher können, zur falschen Zeit am falschen Ort, eine fatale Wirkung entfalten. So mag es durchaus Ahmad Mansours persönlicher Lebenserfahrung entsprechen, dass digitale Hassnachrichten, die er im Buch als Problem benennt und ausführlich zitiert, vor allem von Muslimen kommen. Doch ist nicht ein anderes Problem derzeit viel drängender? Nämlich, dass zum Beispiel ein Aladin El-Mafaalani allein aufgrund seines Namens unter wachsendem Vorbehalt steht, wenn er differenziert über Integration schreibt? (Ebenso erginge es übrigens Mansour selbst, wenn er der Mehrheitsgesellschaft ernsthaft etwas abverlangen würde.)

Wohlfeiler Paternalismus

Braucht es nicht gerade eine ganz andere Gedankenwende, einen ganz anderen Klartext? Einen, der nicht das Fremde als Grundübel ausmacht, sondern die Unfähigkeit, mit ihm umzugehen? Es braucht keinen "Klartext zur Integration" aus der Feder eines Überfliegers mit Migrationshintergrund, der sich die deutsche Gesellschaft als Erwachsener aufgeschlossen hat. Nicht weil es keine Integrationsprobleme gäbe, sondern weil die paternalistische Geste, das altklug mitschwingende "Mach es doch einfach so wie ich" keine einzige junge Muslima denken lassen wird: "Ja, stimmt, warum tue ich mir den Quatsch mit dem Kopftuch eigentlich an?"

Mansours Buch ist damit – als Streitschrift, nicht als Beispielsammlung – im besten Fall verzichtbar. Die Beschäftigung mit ihm und El-Mafaalani macht aber etwas deutlich: Was es tatsächlich bräuchte, wäre eine vor muslimischem Hintergrund geschriebene Antwort auf Desintegriert euch! von Max Czollek. Der 31-jährige Autor hat im dritten und wichtigsten "Integrationsbuch" dieses Spätsommers die Forderung nach einer Abkehr vom ewigen "Wir" und "Ihr" der Deutschen bereits nahegelegt, zugunsten eines Orts "der radikalen Vielfalt". Allerdings tat er das vor dem Hintergrund einer jüdischen Familiengeschichte – und damit in gewisser Weise geschützt durch die deutsche Selbstinszenierung als geläuterte Täter, gegen die Czollek selbst polemisiert.

Was daher noch fehlt, ist die Erkenntnis, dass die deutsche Gesellschaft sich explizit für die Lebensentwürfe der hier verwurzelten türkei- und arabischstämmigen Familien öffnen muss – nicht zuletzt, weil die sich ihr sonst verschließen. Klartext zur Integration wäre ein toller Titel für ein Werk, das dies zum Thema macht. Leider ist er schon vergeben.

Ahmad Mansour: "Klartext zur Integration". S. Fischer, 303 Seiten, 20 € (E-Book 16,99 €)

Aladin El-Mafaalani: "Das Integrationsparadox". KiWi, 240 Seiten, 15 € (E-Book 12,99 €)