Würde man die deutsche Gesellschaft mit einem Tisch vergleichen, dann hätte Mansour es sich am Kopfende bequem gemacht, um von dort aus zu entscheiden, wer sich schon setzen darf und wer sich noch mal die Hände waschen muss. Die Funktion eines solchen Achtgebers ist zweifellos wichtig, wenn die Finger schlimm besudelt sind, zum Beispiel mit Antisemitismus. Sie wird anmaßend, wenn sie die Akzeptanz von persönlicher und religiöser Freiheit ständig unter Vorbehalt stellt. Wenn etwa eine Muslima mit Kopftuch von Mansour wieder und wieder gesagt bekommt: Du darfst vielleicht hier sitzen, aber: "Trotzdem ist das Kopftuch immer ein Ausdruck von Geschlechterungleichheit, Patriarchat und Unterdrückung."

Die Tischmetapher ist einem anderen neuen Buch zum Thema entlehnt. In Das Integrationsparadox will der Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani laut Untertitel erklären, Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt. El-Mafaalan kam 1978 als Sohn eines aus Syrien eingewanderten Arztes in Bochum zur Welt, er war Professor an der Fachhochschule Münster, seit 2018 arbeitet er im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration. Wie kommt jemand mit diesem Hintergrund auf eine derart widersinnige These?

Die Gesellschaft als Tisch

Was provozierend klingt, lässt sich am Tisch plausibel machen: Während es dort zumindest äußerlich meist harmonisch zugeht, wenn dort nur eine kleine Familie sitzt, die klar auf ein Oberhaupt ausgerichtet ist, wird es immer enger und konfliktreicher, je mehr Menschen dort einen Platz, sprich gesellschaftliche Teilhabe, erlangen. Wenn diese Teilhabe nun zum Beispiel in der zweiten, dritten oder vierten Generation einer Zuwandererfamilie dazu führt, dass man sich eben nicht mehr in der von Mansour postulierten "Bringschuld"  sieht, dann kommt es zu grundsätzlichen Konflikten um die Gestaltung der Tafel.

Dementsprechend sieht El-Mafaalani gegenwärtige gesellschaftliche Krisensymptome eher als eine Bestätigung von Integrationserfolgen. Für "Menschen mit internationaler Geschichte" gebe es heute Aufstiegsmöglichkeiten, die den Gastarbeitern früherer Tage völlig verschlossen geblieben seien, schreibt er. Aus der gegenwärtigen Unzufriedenheit vieler Menschen mit dem Status quo und radikalen "Schließungstendenzen" am rechten Rand der Mehrheitsgesellschaft ebenso wie unter radikalen Muslimen folgert El-Mafaalani nicht, dass die Lebenswelten innerhalb der deutschen Bevölkerung unvereinbar wären, sondern dass sie sich inzwischen so nahe gekommen sind, dass Reibung entsteht. "Der Anspruch" aller Beteiligten sei nur deutlich schneller gestiegen als "die reale Verbesserung".

"Superdiversität"

Ausgehend von diesen Annahmen kommt El-Mafaalani zu ganz anderen Schlüssen als Mansour: Während bei Mansour muslimische Migranten als relativ homogene Problemgruppe in Erscheinung treten, spricht El-Mafaalani von "Superdiversität" der Herkünfte, Generationen, Sprachaneignungsmodellen. Während Mansour sagt, das Kopftuch habe "mit Freiheit nichts zu tun", konstatiert El-Mafaalani, junge Muslima müssten "hart im Nehmen" sein und eine "gehörige Prise Selbstbewusstsein" besitzen, um dieses Symbol im Alltag zu tragen.

Während Mansour in unterschiedlichster Form die "Bringschuld" derjenigen betont, die vergleichsweise neu im Land sind, nennt El-Mafaalani Assimilation "Blödsinn" und illustriert dies mit einem weiteren Gedankenspiel: Die Leser sollen annehmen, sie seien mit ihrer Familie nach Japan gezogen. Würden sie sich nun wünschen, dass die Kinder unmittelbar alle Zeugnisse der deutschen Kultur vergessen, auch mit den Eltern nur Japanisch sprechen und schnellstmöglich jeden Bezug zu Deutschland verlieren? Oder dass sie in Japan gut zurechtkommen, erfolgreich sind, aber gleichzeitig noch so viel wie möglich mit ihren Eltern gemein haben? "Sie entscheiden sich natürlich für Variante 2. Denn Variante 1 ist ein Hinweis auf eine psychische Störung ..."