Zunächst die beunruhigende Nachricht: Kollegah, hauptamtlich sogenannter Skandalrapper, hat 256 Seiten geschrieben, die von maskuliner Seinsveredlung handeln. Der beste Satz dieses zumindest an Sätzen nicht armen Buchs geht so: "Viele meiner Leser befinden sich gerade vielleicht in der Pubertät." Ob mental oder altersmäßig, ist wohl egal. Wichtig ist, dass Kollegah seine Kernzielgruppe ziemlich genau zu kennen scheint. Auf Amazon, wo Das ist Alpha! – Die 10 Boss-Gebote schon auf Platz eins steht, erfährt man, es sei das "beste und motivierendste Buch", das man je gelesen habe und stecke voller "knallharter Weisheiten". Mehr als 100 Kundenrezensionen, bislang 4,5 Sterne im Schnitt.

Erfahrungsgemäß wird die Frage, inwieweit das Buch lediglich Rollenprosa sei, wie angeblich ja Kollegahs Musik, in nächster Zukunft sicherlich etliche Bachelorarbeiten alimentieren. Und falls Kollegah, der in Wahrheit Felix Blume heißt, tatsächlich eine Kunstfigur ist, sollte man sich schon einmal freuen auf Batmans Anleitung zum Einparken und Dr. Udo Brinkmanns Abschleppbibel ("Schätzchen, deine Umgebung ist mir zu gefährlich"). Bis diese Frage abschließend geklärt ist, kann man Das ist Alpha! beim Wort nehmen, wie es Kollegahs Anhänger schon lange tun. Und wieso nicht von deutschen Gangsterrappern lernen, wie das Leben endlich gelingt?

Es hat sich schließlich herumgesprochen, dass die erfolgreichsten unter ihnen große Häuser im Grünen bezogen haben, auf gestutzte Hecken und Doppelgaragen schauen und mit ihrem Heilpraktiker grillen, der möglicherweise sogar nebenan wohnt. Und wenn man den kernig aufgepudelten Bordsteinsound abzieht, die Männlichkeitsfolklore ("Sei ein Mann!") großzügig überliest, ist es, als sei man in den Sendebereich dieser Selfmanagementfibeln hineingeraten, die sich an jene richten, die es weiter bringen wollen als vom Tellerwäscher zur Geschirrspülmaschine. Die Bilder in Das ist Alpha! jedenfalls sind besser als bei dem Zeug, das man als Aboprämie bei Focus Money dazubekommt: Kollegah steht mit Zigarren auf Dächern, sitzt in güldener Rüstung auf einem Stuhl herum oder spannt mal den Latissimus an. So etwas sieht man bei Carsten Maschmeyer zum Beispiel nie.

Zur Selbstinszenierung gehört ein cartoonesker Sozialdarwinismus, ein Survival-of-the-McFittest, was im Wesentlichen bedeutet, wer heult, ist ein Lauch, ein Fridolin oder eine Muschi – wobei der genretypische Sexismus, der von Feministinnen sogar gelegentlich als "identitäre Strategie" verteidigt wird, sich hier überraschenderweise auf ein Mindestmaß beschränkt. Kollegah schreibt sogar, dass Frauen bereits wüssten, was er seinen Lesern noch predigen muss: dass Probleme bloß Herausforderungen seien und im Scheitern eine Chance läge.

Von Gangsterrap-Freunden wird ja behauptet, dass es weniger auf den Inhalt ankäme, sondern auf die Skills, also auf die sprachliche und technische Darbietung. Abgesehen davon, dass man dieses Argument von ihnen zu, sagen wir, Céline Dion auch gern mal hören würde, kann man sagen, dass das Buch stilistisch meist nach der leeren Eloquenz des Frühstücksfernsehens klingt, wenn Kollegah sich zum Beispiel mit "schmackhaften Gerichten" oder "á la Bonne Heure" "verwöhnt" oder findet, das Leben müsse gelebt werden, weil man nur eins habe.

Ohnehin sind die Instruktionen aus dem schwer gelebten Leben von mit Askese überbackener Banalität: Übe dich in Geduld, arbeite an deinem Händedruck, sei selbstständig, sei nicht perfekt, sei kreativ, mach Fehler, zieh dir was Ordentliches an, lern kochen, probier's mal mit Yoga, lies ein Buch, red keinen Scheiß, benimm dich, achte aufs Karma, meditiere und lass die Hände über der Bettdecke. In der Summe ist das so furchterregend wie Scarface am Altglascontainer. Dies wäre die abschließend überaus beruhigende Nachricht an alle, die sich wieder Sorgen machen, was die 13-jährigen Söhne gerade lesen. So gesehen: Alles wird gut, ihr Fridoline.