Ich bin weder bestürzt noch empört. Nicht mehr. Jegliches Gefühl des Entsetzens hat sich längst abgenutzt. Als in einigen deutschen Städten Bürger im Rentenalter die Fassung verloren und ohne jede Selbstbeherrschung durch die Straßen marschierten, vulgär und primitiv die Kanzlerin beschimpften oder vor "dem Islam" warnten, war ich einigermaßen froh, dass das nicht meine Eltern waren. Ich hätte nicht gewusst, wohin mit meiner Scham. Nie war ich so verstört wie nach diesen Bildern.

Ich bin, wie sicher viele in diesem Land, durch eine Phase tiefen Grolls gegangen, eine Phase, die zugleich geprägt war von der Lust auf Widerspruch. Man hätte mich jederzeit nachts aufwecken und mir das demagogische Zitat eines rechtspopulistischen Politikers zurufen können, und ich hätte aus dem Stand einen Text getippt, der sich klar gegen die Volksverführer positioniert. Es war mir ein Leichtes nachzuweisen, wo sich in einem Satz verräterische Begriffe befinden, die darauf hindeuten, dass der Schreiber oder die Rednerin rechtsextreme Fantasien hegt, ohne explizit zu werden.

Zehn Jahre lang, Woche für Woche, wurde ich merkwürdigerweise nicht müde, diese Nachweise immer und immer wieder abzuliefern. All die Jahre meinte ich, durch meine Tätigkeit als politische Kommentatorin unmittelbaren Einfluss auf den Meinungsbildungsprozess nehmen zu müssen. Ich demaskierte antidemokratische, rassistische oder schlicht alberne Einstellungen von Politikern, sobald sie ausgesprochen wurden. Ich konnte genau belegen, wer wann Inakzeptables von sich gab. Ich warnte leidenschaftlich (fünfzig Prozent meiner früheren Texte bestehen nur aus Warnungen – wie peinlich!). Jedenfalls dachte ich allen Ernstes, ich gehörte zur Speerspitze des antifaschistischen Widerstands. Schließlich hatte ich es in meiner westdeutschen Schulzeit so gelernt: Wir dürfen den antisemitischen oder xenophoben Müll nicht einfach hinnehmen oder unkommentiert stehen lassen. Erst werden sie reden, dann werden sie handeln. Wir müssen Rassisten, wo immer sie auftauchen, entlarven. Auf keinen Fall schweigen, nicht wegducken.

Langsam stellt sich aber heraus, dass die Dynamik des Rechtsrucks gerade aus diesem Reaktionsmuster erwächst. Weil sie genau wissen, dass wir anderen darauf konditioniert sind zu reagieren, werfen die Menschenfänger und Angstverbreiter ständig Köder aus, um Empörung und damit allgemeine Aufmerksamkeit zu generieren. Je mehr wir uns über ihre Provokationen entrüsten, umso mehr fühlen sich die Rechtspopulisten bestätigt und umso mehr gewinnen sie Sympathien in neuen Wählerschichten. Schließlich können sie sich so als Opfer von Zensur darstellen. Ihnen wird angeblich das Wort verboten. Ach Gottchen.

Schweigt man dazu, käme es einer Duldung gleich. Wenn man reagiert, hat man das Spiel in Kenntnis der Methode mitgespielt. Wie also Einspruch erheben? Der Schlüssel ist, die Methode Widerspruch ohne Konsequenz in Widerspruch durch Konsequenz zu ändern. Nur so lässt sich die Dynamik durchbrechen, indem man die Grenzüberschreitung als nicht hinnehmbare Haltung auch sichtbar macht.

Ächtung wäre eine solche Konsequenz, zum Schweigen verdonnern, Demonstrationen sofort auflösen, sobald ein Regelverstoß stattfindet. Es gibt viele Möglichkeiten, den Ermessensspielraum der bestehenden Gesetzeslage so zu ihren Ungunsten anzuwenden, dass es nur so quietscht und kracht.

Die demokratischen Parteien versuchen die Gefahr vonseiten der Rechtspopulisten aber ausgerechnet dadurch zu bannen, dass sie ihnen thematisch mehr oder weniger nacheifern. Das ist fatal, denn damit legitimieren sie überhaupt erst die Anliegen von rechts außen. Außerdem ist es zutiefst unglaubwürdig: Einerseits ist man empört über das Treiben der Demokratiefeinde und traut sich nicht, ihre faschistoiden Reden unkommentiert stehen zu lassen. Andererseits wird jede Provokation von rechts durch das Medienecho darauf geadelt. Und dann greifen drei Tage später die demokratischen Parteien exakt das gleiche Anliegen auf und wollen nun alles "ehrlich und ohne Denkverbote ansprechen", aus Sorge, es könnten sonst wieder ein paar Tausend Wähler nach rechts abwandern.