Es gehört zu den wiederkehrenden Erfahrungen, dass nach Romananfängen, die beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt überzeugen können, enttäuschende Gesamttexte vorgelegt werden. Der auf kurze Lesedauer und verständlicherweise auf gewisse Effekte konzipierte Ausschnitt gibt in aller Regel keine valide Auskunft über die Qualität der längeren Prosa. Wer mit einem eigens für den Wettbewerb verfassten Text antritt, ist meist erfolgreicher, weil die nötigen inhaltlichen und formalen Leerstellen zu Beginn eines umfänglichen Romans nicht zu Stolperstellen in der Jurydiskussion werden.   

Als Eckhart Nickel, Journalist und Autor sehr unterschiedlicher Bücher, im vergangenen Jahr in Klagenfurt antrat, gehörte er zu den interessantesten Kandidaten, weil er als Teilnehmer des legendären popliterarischen Quintetts Tristesse Royale ein sprachliches Programm zu vertreten schien. Nickel war so schlau und öffnete in Klagenfurt die Schublade der Popliteratur nur einen Spalt, um dann im Stile deutscher Schauerliteratur eine mysteriöse Geschichte über einen hypersensiblen Mann namens Bergheim vorzutragen, der auf einem Biobauernmarkt seltsame Veränderungen an den dargebotenen Früchten zu erkennen glaubt. "Mit diesen Himbeeren stimmte etwas nicht", lautet der schlichte und in seiner Lakonie bedrohlich wirkende erste Satz. 

Was mit diesen Himbeeren nicht stimmt und wer für diese unappetitlichen Farbveränderungen verantwortlich ist, wurde im Klagenfurter Auszug, für den der Autor den Kelag-Preis erhielt, allerdings nicht geklärt. In Nickels erschienenem Roman Hysteria ist dieser Satz nun der Einstieg in eine durchkomponierte Dystopie, deren Plot und tiefere Pointe sich erst am Ende erschließen. Dass mit den Himbeeren bloß etwas nicht stimmt, wird sich als schreckliche Untertreibung herausstellen, denn mit diesen Früchten stimmt rein gar nichts mehr. Wer nach der Lektüre von Hysteria eine Schale Himbeeren sieht, wird bestimmt einen Moment lang zögern und sich fragen: Sind die echt? Dieses Innehalten ist gewiss das Gegenteil von Hysterie, nämlich wohldosierte und angebrachte Skepsis.

Alles aus dem Labor

Dass der Roman diesen Moment der Verunsicherung tatsächlich ins alltägliche Leben zu überführen vermag, liegt in der erzählerischen Finesse begründet, mit der Nickel eine politisch-moralische Grenzüberschreitung erfindet, die so unrealistisch leider nicht ist. Zunächst aber ist man erstaunt über Bergheims Beobachtungen: Dass nicht nur die Farbe der Früchte obskur ist, sondern irgendwann auch noch Spinnenköpfe aus den Himbeeren herausschauen sollen, wirkt genauso unglaubwürdig wie die seltsam transparente Haut von Rindern, die nicht bluten, obwohl sie sich an den alten Nägeln eines Zauns verletzt haben. Handelt es sich um den Trip eines Drogensüchtigen? Der Erzähler bleibt in vornehmer Halbdistanz und schickt seinen geschockten Helden auf die Suche nach den Gründen für derlei Grauen.

Bergheim landet in einer landwirtschaftlichen Kooperative, die "Sommerfrische" heißt und deren Firmenlogo in Sütterlin gesetzt ist. Doch in diesem Betrieb, für den auch "Dermoplastiker" arbeiten, wird alles andere als traditionelle Landwirtschaft betrieben. Sie gehört zu einem "Kulinarischen Institut", das einem geheimnisvollen Hochsicherheitstrakt gleicht und in dem lauter Dinge zum Verzehr hergestellt werden, die nur so aussehen wie die einstmals natürlichen Himbeeren oder die Wagyu-Rinder, die in einer anderen Epoche noch zur Schlachtbank geführt wurden. In der Zukunft, von der Hysteria erzählt, kommt die Nahrung aus dem Labor, was die Menschen aber nicht zu wissen scheinen oder nicht wissen wollen.