Die Vergangenheit ist unendlich. Sie ist mächtig und vielgestaltig. Die meisten Menschen sind ihr hilflos ausgeliefert. Warum das so ist? Die Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke hat dafür ein gutes Bild gefunden: Wir glauben, sagte Mahlke in einem Gespräch, auf einem schmalen Pfad in die Gegenwart gelangt zu sein. Dabei sei die Vergangenheit mindestens ein genauso weiter Raum wie die scheinbar unendlich offene Zukunft.

Dass Menschen blind sind für diesen Raum, in dem sie schwankend einen festen Stand suchen, ist keine neue Erkenntnis. Die Literatur findet in dieser Blindheit und dem Ringen um Souveränität seit jeher einen umso verlässlicheren Grund. Und wer jetzt einwenden möchte, nichts sei aber doch heutzutage so gut ausgeleuchtet wie die Vergangenheit, der lese Inger-Maria Mahlkes für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman Archipel.

Eine der Szenen des Entrées, die allein die Lektüre dieses Buches zu einer beglückenden macht, spielt in einem Asilo, einem Altenheim in La Laguna, der früheren Hauptstadt der Kanarischen Inseln auf Teneriffa. Mit sicherem Gespür hat Mahlke eine ihrer Hauptfiguren an dem dramaturgisch plausibelsten aller Posten platziert: an der Pforte. Julio Baute – "el portero" – ist selbst schon 95 Jahre alt und hat die Aufgabe, die dementen Bewohnerinnen und Bewohner daran zu hindern, zu entfleuchen: "Zwei der Damen, Demetria mit ihrem Gehstock und Trini mit dem Papagei, lehnen bereits am Patiofenster. 'Hola Chicas', hört Julio Baute die Freiwillige sagen, und wie hübsch sie doch beide heute aussehen. Die Damen kichern, aber Julio ist sich sicher, sie haben nur den kleiner werdenden Spalt der Tür im Auge."

Ein ideales Terrain für Literatur

Es sind solche einfachen, aber genau beobachteten und reflektierten Szenen, die Inger-Maria Mahlkes Können zeigen, ihr Verständnis für eine Sprache der Gesten und für die vielsagenden Schattierungen des Schweigens, die Fülle, aus der sie schöpfen kann. Aber das ist nicht der Grund, warum diese Szene hier erwähnt werden muss. Sie hat in diesem komplex konstruierten Roman noch eine andere Bedeutung: Sie ermöglicht Zeiterfahrung.

Einige der Nebenfiguren, die an Julio Bautes Pforte rütteln, werden im Verlauf der Handlung in nur von aufmerksamen Lesern wahrnehmbaren beiläufigen Bemerkungen aufblitzen und so aus der Anonymität, aus der Zeit auftauchen. Die Schrecksekunde, in der man als Leserin dann realisiert, ertappt worden zu sein in seiner eigenen Blindheit für die in den Lebensgeschichten der unmittelbarsten, alltäglichsten Umgebung geronnene Zeit, hat das Potenzial, ganz unspektakulär Leben zu verändern.

Inger-Maria Mahlke spielt dieses Thema der für ihren Kontext blinden Existenz immer wieder in Variationen durch. Unauffällig geschieht das, weil auf der Handlungsebene der politischen und der Familiengeschichte ja auch einiges zu verarbeiten ist. Dabei ist die grundlegende Form dafür ziemlich plakativ: die eines umgekehrten Stammbaums. Archipel erzählt von drei Familien, die für drei soziale Klassen stehen. Die aristokratischen, großbürgerlichen Bernadottes mischten im Kolonialismus mit und gehörten zu den Gründern der Falange, der rechten Partei, die später von Franco entmachtet wurde. Die Bautes repräsentieren den Mittelstand, der die Sozialisten unterstützte. Und die Frauen der Familie Morales leben am Fuß der sozialen Pyramide: ausgestoßen, benutzt und ganz auf sich gestellt. Dass die tragischen, teils auch traumatischen Geschichten dieser Familien sich auf einer Insel abspielen, ist wichtig. Von einer Insel aus, sagte Mahlke in einem Interview, sieht man die Welt nicht und doch spielt sich das gesamte Weltgeschehen en miniature hier ab. Ideales Terrain für Literatur.