Teneriffa ist außerdem eine besondere Insel: lange Zeit vom spanischen Mutterland ignoriert, aber immer wieder den Eroberungsversuchen anderer Mächte ausgesetzt, die die geopolitisch ideale Lage als Brückenkopf erst nach Südamerika, dann nach Nordwestafrika genau erkannten. Der auf die Kanaren strafversetzte General Franco organisierte im Jahr 1936 von dort aus seinen zweiten entscheidenden Staatsstreich, der erst in den Bürgerkrieg und dann in die Diktatur führte. Wie im Brennglas lässt sich auf Teneriffa also spanische Geschichte betrachten, die vor allem im 20. Jahrhundert immer auch mindestens europäische Geschichte war, ob es um Kolonialismus, Faschismus oder den Klassenkampf geht. Überhaupt kann man Inger-Maria Mahlkes Roman als Verabschiedung nationaler Geschichtskonzepte verstehen, die vor dem Hintergrund dieses Romans absurd wirken.

Die 40-jährige Autorin hat sich sichtlich intensiv mit den Wechselwirkungen zwischen politischer, sozialer und individueller Geschichte auseinandergesetzt. Die Stammbäume der Bernadottes, Bautes und Morales verzweigen sich dabei nicht in die Gegenwart hinein, sondern beginnen im Jahr 2015 mit Rosa, der Tochter von Felipe Bernadotte und Ana Baute, und werden immer komplexer, je weiter man sich Kapitel für Kapitel in die Vergangenheit gräbt, bis zu einem Silvesterabend im Jahr 1919, als die vergangene Zukunft beginnt. Die Gefahr bei dieser Rückblendentechnik ist, Kausalität und damit auch Alternativlosigkeit von Geschichte und Lebensläufen zu vermitteln.

Eine magische Metamorphose

Inger-Maria Mahlke meidet diese Falle knapp und geht dafür ein anderes Risiko ein. Sie erzählt nicht in bequemen großen Bögen, federt den manchmal durchaus mühsamen Gang zurück in die Zukunft nicht durch Cliffhanger ab, sondern entwirft ihren Familienroman als hauchfeines Gewebe von Andeutungen. Das klingt dann zum Beispiel so: "Begonnen hat es vor einem Jahr, im Februar 1957, als Lorenzo abends mit einem länglichen Streifen Papier in der Hand aus dem Auto steigt. Dem Fahrer nicht zunickt, der ihm die Wagentür aufhält, an der Hilfe vorbei – sie wartet am Eingang, um Hut und Mantel entgegenzunehmen – die Empfangshalle durchquert."

In diesem Stil erzählt Mahlke davon, wie Rosas faschistischer Urgroßvater Lorenzo degradiert wurde, ohne den historischen Hintergrund der franquistischen Machtpolitik, der aber wesentlich ist, auch nur einmal zu erwähnen. Sie geht also sehr weit in dem, was sie ihren Leserinnen und Lesern zutraut. Anders ist aber die aufregende, auf die Intuition der Leser setzende Genauigkeit ihrer Charakterzeichnungen nicht zu haben. Ohne die elliptische, kleinteilige Erzählweise wäre sie vermutlich auch wie so viele Autoren vor ihr daran gescheitert, das Leben einer Politikerin wie Ana Baute zu skizzieren. Es wäre ihr sicher nicht gelungen, so vom Krankheitsverlauf von Rosas depressiver Großmutter zu erzählen, dass man ihn verzweifelt nah mitfühlen kann. Und niemals wäre ihr diese magische Metamorphose einer ästhetischen Erfahrung in eine existenzielle gelungen. Man liest nicht von der stumm gestellten Geschichte, sondern sie fährt einem in die Knochen. "Gelöscht ist auf ewig gespeichert", sagt Rosas Vater Felipe, der selbst vergeblich versucht hat, sich von seinem Erbe zu befreien.

Noch einmal: Es ist nicht neu, dass sich Literatur der Frage widmet, wie die unerzählten Erfahrungen von Menschen noch Generationen später fatal nachwirken. Es sind vor allem Frauen, die in den vergangenen Jahren danach fragten: Ines Geipel, Katja Petrowskaja, Anne Weber. Auch beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, der manchmal ein halbwegs aussagekräftiger Indikator für Tendenzen der jüngeren Literatur ist, war das Thema allgegenwärtig. Inger-Maria Mahlke erzählt davon mit Archipel auf besonders eindringliche Weise und führt so den Familienroman ins 21. Jahrhundert, unprätentiös, literarisch souverän und – vor allem – auch politisch relevant.

 Inger-Maria Mahlke: Archipel. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2018, 432 Seiten, 20 Euro.