Solch eine Fülle an Gedanken, Ideen und Empfindungen, versammelt auf gerade mal rund 110 Seiten, ist selten: Der schmale Band Bluets der US-amerikanischen Autorin Maggie Nelson ist der Glückfall einer klugen und poetischen Verdichtung. Fast entschuldigend ruft sie Ludwig Wittgenstein auf, dessen philosophisches Hauptwerk Tractatus Logico-philosophicus knapp hundert Seiten umfasste: "Was die Kürze des Buches angeht, tut mir das sehr leid; aber was kann ich machen?!" schrieb dieser seinem Übersetzer. "Selbst wenn Sie mich wie eine Zitrone auspressen wollten, käme nichts mehr heraus."

Maggie Nelson hat ein Buch über die Farbe Blau geschrieben. Womit sowohl Wesentliches als auch wenig über diese schöne, eigenwillige Mischung aus Essay, Autobiografie, philosophischer Reflexion und lyrischen Miniaturerzählungen gesagt ist. Sie hatte sich vorgestellt "einen blauen Wälzer zu erschaffen", um sich schließlich zu fühlen, als wäre sie "auf einer Bühne auf einen verstreuten Haufen dünner blauer Folienfilter gestoßen, nachdem die Show längst begonnen hat und beendet worden ist; das Set, abgebaut." Aber so ist es natürlich nicht.

Nelson schreibt über Blau und über Liebe. Über ihre Liebe zu der Farbe Blau, zu allen möglichen blauen Objekten, die Freundinnen und Freunde aus aller Welt ihr zukommen lassen oder die sie selbst aufstöbert. Eine Verliebtheit in eine Farbe, ein "Wahn aus freien Stücken", wie sie hinzufügt.

Und sie schreibt über ihre Liebe zum "Prinzen des Blauen": ein Geliebter, der sie vor über einem Jahr verlassen hatte. Der Schmerz und die Trauer wollten auch nach dieser Zeit kaum abklingen, und sie waren wahrscheinlich die treibenden Kräfte, die es der Autorin ermöglichten, den lang gehegten Plan endlich umzusetzen, ein Buch über die Farbe Blau zu schreiben. Diese Art der Produktivität, die seelischer Schmerz bewirken kann.

Die Depression, die Einsamkeit

Bluets ist im Original bereits 2009 erschienen. In Deutschland wurde die 1973 geborene Autorin im vergangenen Jahr durch die Übersetzung ihres Memoirs The Argonauts bekannt, das lange nach Bluets entstand. Sie schreibt darin über ihre Liebesbeziehung mit Harry Dodge, einem Menschen, der sich nicht auf ein Geschlecht festlegen lassen will, sich als genderfluid versteht. Sie gründeten eine Familie, bekamen zusammen ein Kind.

Wie in den meisten ihrer Bücher – eine Ausnahme sind die Lyrikbände – legt Nelson sich hier nicht auf ein Genre fest, verbindet autobiografisches Erzählen mit theoretischer Reflexion und schöpft hier vor allem aus der feministischen, queeren Theorie. Für ihre grenzüberschreitende Schreibweise, deren Ausgangspunkt immer das Persönliche ist, wird sie in den USA seit einiger Zeit geschätzt. Es gibt nicht viele Autorinnen, geschweige denn Autoren, bei denen intime Erfahrung und theoretische Durchdringung so gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Sechs derart freischwebende Bücher und drei Lyrikbände sind in ihrer Heimat bereits erschienen.

So eröffnet auch Bluets ein schillerndes Kaleidoskop, in dem Nelson sich aus unzähligen Perspektiven ihrem Sujet, dem Blau, annähert. In Form von 240 Paragrafen – einige nur eine Zeile, die längsten eine Seite lang – entspannt sich ein zirkuläres Netz von Verweisen und Bezügen.

Zentral ist dabei das Motiv des Schmerzes. Allein von hier aus ergeben sich zahlreiche Abzweigungen: der Schmerz des (Liebes-)Verlusts, die damit verbundene Trauer, die Depression, die Einsamkeit. Das Weinen wird unter die Lupe genommen, das Selbstverständliche nimmt Nelson nicht als selbstverständlich, ein weiteres Charakteristikum ihres Schreibens. Betrachtet man ein Phänomen aus jener Perspektive, unter diesem Aspekt, so wirft es ganz neue Fragen auf. Es ist nicht ihre Sache, abschließende Antworten zu liefern.