Im Sommer 2006 erklärte Edmund Stoiber den Unterschied zwischen Normal- und Problembären und dann wurde Bruno erschossen. Kurz darauf verglich das Satiremagazin Titanic Kurt Beck mit dem vogelfreien Bären und wurde daraufhin vom SPD-Politiker verklagt, der eine einstweilige Verfügung erwirkte. In der anschließenden Stellungnahme zeigte Titanic sich irritiert, Beck sei doch gar kein Bär, sondern ein "lieber, netter Mann".

Für die Human-Animal Studies ist dieser albern anmutende Schlagabtausch ein gefundenes Fressen. Er rührt nämlich an Grundfragen der jungen kulturwissenschaftlichen Disziplin: In welchem Verhältnis stehen das Menschliche und das Tierische? Sind diese Kategorien überhaupt sinnvoll? Kann ich eine Identität ausbilden, entgegen oder trotz oder mithilfe der Tiere? Und überhaupt, wer ist schuld am Schlamassel: Stoiber, der Bären problematisiert, die Titanic, die Beck problematisiert, oder Beck, der die Titanic problematisiert?

Die zunehmende Beachtung, die dem Forschungszweig zukommt, spiegelt sich wider in einer wachsenden Zahl an literarischen Werken, die sich ebenfalls dieser Fragestellungen annehmen, darunter Teresa Präauers jüngst erschienenes Essaybuch Tier werden. Bereits in ihrem ersten Roman Der König von Übersee war der glücklichste Mensch jener gewesen, der oben mit Vögeln die gemeinsame Flugformation geübt hatte. Für ihr viertes Buch verringert Präauer nun die Entfernungen beträchtlich. Sie geht davon aus, dass "eine Definition, die versucht, den Menschen vom Tier scharf abzugrenzen, dabei wohl immer in Gefahr ist, beiden Unrecht zu tun".

16 historische Tierbiografien

Nun will die österreichische Autorin auf gut 100 Seiten beiden gerecht werden, indem sie die Grenzverwischung zum kulturgeschichtlichen Programm erklärt. Krude Wesen werden bei ihr zutage gefördert, darunter Zentauren, Harpyien und Hermaphroditen. In Enzyklopädien, Grafik- und Märchensammlungen, überall in der europäischen Kunstgeschichte lauern diese "hübschen Monster", diese "Bastarde aus Mensch und Tier". Aber Präauers belesener Ritt auch durch jüngste theoretische Schriften ist kein Selbstzweck, ganz im Gegenteil: Sie unternimmt in Tier werden den kühnen Versuch einer grenzüberschreitenden Anthropologie, bei ihr wird die Wissenschaft des Menschen prekär. Dabei gilt ihr besonderes Interesse den Kunstwerken, die den kreativen Durchbruch wagen und das Paar Mensch – Tier nicht als Gegensatz, sondern als Erwiderung und Erweiterung erachten: Designertassen, die mit Tierhaar bezogen sind, Fotoserien, in denen Hunde in typisch menschlichen Posen abgelichtet werden.

In diesem Sinne geht es der Autorin, wenn sie von hybriden Kreaturen wie der mythischen Harpyie spricht, auch um das Wissen von einem Ende der Kategorien, um einen paradiesisch weit entfernten und sehnsüchtig nahen Ort, "wo Mensch, Tier und Wort noch verklebt sind miteinander". Naive Tierlobhudelei betreibt ihr Essay mitnichten, vielmehr legt Präauer eine belesene Streitschrift gegen identitäre Festlegungen vor. Die Kulturgeschichte des Tieres wird ihr zur Wunderkammer, aus der heraus sie ein Plädoyer für "ein Drittes" und dessen "riskante Existenz" anstimmt. 

Im Zoo, an der Leine

Zur Bearbeitung des gleichen Themas hat sich die US-Amerikanerin Elena Passarello eine etwas leichtere, zugänglichere Form ausgesucht. In insgesamt 16 erzählenden Essays von nicht mehr als 30 Seiten zoomt sie in Berühmte Tiere der Menschheitsgeschichte auf historische Tierbiografien, etwa auf den Vogel Stahrl, einen Star, den Mozart sich hielt, um die verspielt-chaotische Gesangsrhythmik des Vogels mit den eigenen Kompositionen kurzzuschließen. Dieses Beispiel selten gewordener Kooperation steht nicht nur in diesem (auch musikwissenschaftlich interessanten) Kapitel im Vordergrund.  

Beide Autorinnen beziehen sich auf einen klassisch gewordenen Aufsatz der Human-Animal Studies, auf John Bergers Warum sehen wir Tiere an?. Mit kulturkritischer Stoßrichtung rekonstruiert Berger frühere Zeiten, als das Tier das spirituelle Gegenüber des Menschen gewesen sei, etwa als angebetete Gotteskreatur oder respektierte Jagdbeute. Allerspätestens mit der industriellen Revolution sei dieses symbiotische Miteinander zerstört worden, in den letzten Jahrhunderten sei es mehr und mehr degeneriert. Tiere harren nunmehr in Zoos aus, warten in Schlachthöfen oder werden an der Leine geführt. Andere Räume, wie sie etwa Mozarts Vogelkomponist durchschreitet, werden ihnen nur mehr selten zugestanden.

Welches umwälzende Potenzial der Erscheinung eines Tieres einst zukam, welchen auch psychischen Raum es einnehmen konnte, verdeutlicht wiederum eine mediengeschichtliche Episode, die beide Autorinnen referieren. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts fertigte Albrecht Dürer nach einer Erstzeichnung, die ihm aus Lissabon zugeschickt worden war, einen Kupferstich namens Rhinocerus an. Bei ihm wird ein dekorativer Kringel, wie er auf der Vorlage zu sehen war, zu einem Zweithorn, dass es so nie bei einem der Tiere gegeben hat. Aber das Flugblatt ist gedruckt und verteilt, die imaginative Gier Europas nach dem Exotischen losgetreten. So angsteinflößend, so anziehend anders können Gottes Geschöpfe aussehen?