Um die Wirklichkeit schärfer zu sehen, schieben sich viele Zeitgenossen eine Linse in den Blick, bei der es sich weniger um ein Objektiv handelt, denn um ein Subjektiv: einen persönlichen Filter, der ihre Sicht verengt, indem Komplexität ausgeblendet wird.

Gendersensible sprechen von Studierenden statt von Studenten und glauben, damit die Welt besser abzubilden. Nahrungssensible lassen einen Bestandteil ihrer Mahlzeiten weg, weil sie in ihm die Ursache ihrer Verlorenheit sehen; der Weizenkleber überholt gerade den Milchzucker.

Auch Schriftsteller lieben Filter. Nicholson Bakers verklemmter Held in Die Fermate aus dem Jahr 1994 kann die Zeit anhalten, wenn er sich auf eine bestimmte Weise an die Brille fasst. Dann steht die Welt um ihn herum still, und sein Autor kann in aller Ruhe die erstarrten Dinge beschreiben, vom Schamhaar mal angefangen. Patrick Süskind lässt 1985 in Das Parfum alles der Nase nach gehen – Übersetzungen in 48 Sprachen, 20 Millionen Auflage, der Autor hatte einen guten Riecher.

Dies sei vorweggeschickt, um jene Ideen ein wenig einzudämpfen, die die vielen Bücher des Franzosen Paul Virilio zu einer faszinierenden Lektüre machen. Der Philosoph, Architekt und Stadtplaner, 1932 in Paris geboren, entwarf seit Mitte der Siebzigerjahre eine gesellschaftliche Theorie des wachsenden Tempos. Seinen Schriften gab er knackige Titel:

Fahren, fahren, fahren (1978), Der Beschleunigungsstaat oder Vom Wohnsitz zum Schleudersitz (1978), Geschwindigkeit und Politik (1980), Rasender Stillstand (1992) oder sogar – der Singular tut es nicht mehr! – Revolutionen der Geschwindigkeit (1993).

Virilio zufolge hat die Geschichte über die Jahrtausende hinweg immer nur an Schwung gewonnen, und wer wollte das bestreiten. Gehen, segeln, reiten, fahren, fliegen, das ist der Vektor der Bewegung. Überreste von Stadtmauern, Bunkern und Landesgrenzen erinnern an gescheiterte Bremsversuche; heute dominieren Autobahnen und Flughäfen, und unsere Klage gilt dem Stau. Wir wohnen nicht mehr am Ort, sondern im Transport – das war einer seiner frappierenden Sätze.

Der Unfall wie die Sünde

Virilio kombinierte seine dynamische Substanz mit dem Akzidens, dem ihr anhaftenden Zufall, der sich in der Technik als Versagen zeigt. Mit dem Auto war das Aquaplaning erfunden, mit dem Flugzeug der Absturz, mit dem Stromnetz der Kurzschluss, von Atomkraftwerken nicht zu reden. Und wenn demnächst künstliche Intelligenz in unser Leben eingreift, mögen wir jetzt noch nicht abschätzen können, auf welche Weise, können aber sicher sein, dass unterwegs etwas ganz Dummes geschieht.

Schon 1983 – drei Jahre vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl – forderte Virilio in seinem Buch Der reine Krieg, erschienen wie so vieles von ihm bei Merve in Berlin, die Einrichtung eines Unfallmuseums:

"Jede Technik und jede Wissenschaft sollte den ihr spezifischen Unfall auswählen und als Produkt zeigen – und zwar nicht auf moralische Art, zur Vorbeugung (als Sicherheitsmaßnahme), nein, sondern als Produkt... Am Ende des 20. Jahrhunderts sollte man der gestalterischen Dimension des Unfalls in einem neuen Museum den gebührenden Platz einräumen. Es müßten darin Zugentgleisungen, Luftverschmutzungen, der Einsturz von Gebäuden etc. gezeigt werden. Ich glaube, daß der Unfall für die menschliche Wissenschaft das ist, was die Sünde für die menschliche Natur war. Er stellt ein bestimmtes Verhältnis zum Tod dar, das heißt, er enthüllt die Identität des Objekts."

Gibt es so ein Museum inzwischen? Ich wüsste nicht, wo. Dafür treibt die Schönrednerei der Marketingabteilungen prächtige Blüten, von Braunkohle bis Glyphosat.

Virilio entwarf seine Dromologie, die Wissenschaft von der Geschwindigkeit, zu einer Zeit, die aus heutiger Sicht ziemlich langsam war. Das Internet war noch so wenig erfunden wie der Shitstorm, und welche Hysterieeffekte die Rückkoppelungsschleifen der Echtzeitkommunikation auslösen, erleben wir gerade am eigenen Leib, von Washington bis Chemnitz.

Allerdings wachsen in der Welt nicht nur Raserei und Ausrasterei; es wachsen auch Sinn und Verstand, die im großen Durcheinander leicht übersehen werden. So könnte es sinnvoll sein und gut für das eigene Wohlbefinden, die Viriliosche Brille zwischendurch ebenso abzunehmen wie alle anderen Welterklärungsfilter, um mit unverstelltem Blick etwas zu erkennen, das uns bisher verborgen blieb.

Paul Virilio starb am 10. September 2018 in Paris.