Manchmal ist es ganz lustig und aufschlussreich, einen Blick in Bücher zu werfen, die man in den Achtzigerjahren gelesen hat, von wegen: gute alte Zeit. Früher war alles besser. Zumindest anders. Aber war es das wirklich?

Rechtzeitig zu Beginn der neuen Fußballsaison suche ich nach einem alten Krimi, der Fußball zum Thema hat, eine Sportart, der man gemeinhin rasanten Wandel nachsagt. Überraschenderweise ist Fußball selten Thema belletristischer Bücher, dabei gibt die Kickerei doch wirklich etwas her: 22 Leute, ein Ball, ein Schiedsrichter. Dazu ein Stadion (mehr oder weniger) voll mit Zuschauern. Ein Trainer, ein Manager, ein Präsident. Viele Leute mit vielen Interessen also, die sich nicht immer decken müssen. Das ergibt viele Hoffnungen mit vielen Enttäuschungen, und also einen guten Krimistoff.

Der große Julian Barnes schuf 1980 unter dem Pseudonym Dan Kavanagh den Ermittler Duffy, einen bisexuellen ehemaligen Bullen, der nun im Securityfach tätig ist und den die Angst umtreibt, sich mit HIV infiziert zu haben. Wie gesagt: Es sind die Achtzigerjahre, und der Krimi von 1985 heißt Abblocken. Auf Englisch: Putting the Boot in.

In seiner Freizeit ist dieser Duffy Torhüter bei einer Sonntagstruppe namens Reliables ("Die Verlässlichen") in London, kein guter, aber ein nachdenklicher: "Es heißt, Torwarte neigen dazu, nachdenkliche Typen zu sein", steht im Buch, und weiter: "Als Torwart bist du exponiert. Zehn Leute können ein Spiel gewinnen, aber ein Trottel kann es vermasseln." Genau das passiert, als ihm "der Rotblonde" die Pille ins Tor haut. Da beklagt sich Duffy: "Das war's dann wohl mit sauberer Kasten."

Haben wir alles schon mal gehört? Na klar, in jeder Sportschau, in jedem Spielbericht. Denn das Buch ist voll mit "Weisheiten" und "Gemeinplätzen" über Fußball, die sich in den mehr als 30 Jahren, die Duffy mittlerweile auf dem Buckel hat, nicht wesentlich verändert haben. Der eigene "saubere Kasten" ist der ewig große Wunsch jedes Trainers und aller Spieler, und dass "ein Torwart" allein ein Spiel vermasseln kann, das weiß auch heute jedes Kind.

Meint übrigens jemand, dass "verschieben" das neue Modewort des Fußballs wäre, eines, das die sogenannten Laptop-Trainer eingeführt hätten? Falsch, hatte früher nur einen anderen Vokal: "Dann, wenn sie ihre Leute vorschieben und nur auf Barney aufpassen, versuchen wir, euch fix zum Konter vorzuschieben", gibt der Trainer Jimmy Lister die Losung aus.

Und hören wir heute nicht verlässlich aus dem Mund jedes Trainers, dass "das Spielfeld eng gemacht" werden muss? Bitte, vor 33 Jahren las sich das so: "Wenn sie in den ersten zehn Minuten eng spielen, spielen wir auch eng." Oder: "Eng spielen, hart spielen und die wichtigen Leute nach vorn werfen, wenn ihr einen Eckball kriegt. Zurück zu den einfachen Wahrheiten!"

Kommt uns auch bekannt vor? Bei der zurückliegenden WM gab es eine vermeintliche Renaissance der Standardsituation. Und wenn nichts mehr läuft, dann wollen auch heute selbst die größten Taktikfüchse wieder zurück zu den "einfachen Wahrheiten".

Ach ja, weiteres Modewort "System": Mehmet Scholl beklagte unlängst, dass jeder Jungkicker, der aus einer Nachwuchsakademie kommt, "18 Systeme rückwärts laufen kann", aber keinen Ball um den Gegner herum spielen. Hätte er Abblocken gelesen, dann hätte er verstanden, dass auch "Systeme" gar nicht so einfach zu lernen sind: "Du weißt ja, wie schwer es ist, wenn man in eine neue Mannschaft kommt, die nach einem anderen System spielt."

Jimmy Lister, der Trainer, trägt übrigens "einen blauen Blazer, gestreiftes Hemd, rote Krawatte und stets weiße Schuhe, auch bei Regen". Er ist also "ein Typ", wie es sie heute angeblich nicht mehr gibt – bis dann wieder irgendwo Peter Neururer auf der Trainerbank Platz nimmt. Von dem hören wir dann bestimmt wieder Sätze wie: "In gewisser Weise war Fußball einfacher, als man sich das vorstellte. Man trainierte viel, ging aufs Spielfeld und gab sein Bestes, sein Allerbestes." Das wusste schon Jimmy Lister, das wissen wir alle. Und: "Wir müssen halt weiter kämpfen, oder?" Und: "Wenn wir jedes noch verbleibende Spiel gewinnen, liegt die Zukunft in unseren eigenen Händen." Und: "Die Jungs wissen, was sie zu tun haben, wir brechen nicht in Panik aus." Und: "Der Präsident und die Geschäftsleitung stehen hinter ihnen." Und: "Die Saison ist nicht zu Ende, bevor nicht das letzte Spiel abgepfiffen ist."

Der Kampfgeist, die ehrliche Arbeit, das Schicksal, das in den eigenen Händen liegt, und die ewige Treue des Präsidenten bis zum letzten Spiel – all das wird auch heute noch verlässlich beschworen, wenn eine Mannschaft in den Abstiegsstrudel gerät. Bruno Labbadia weiß das. Gewinnt die Gurkentruppe dann tatsächlich mal ein Spiel, heißt es wie vor 33 Jahren: "Die Spieler haben irren Charakter bewiesen."