"Das Land, in dem Gott mit der Schöpfung nicht fertig wurde", so nennen die Waldindianer den Urwald im peruanischen Amazonasgebiet rund um die Stadt Iquitos. Und: Sie sagen auch, dass Gott erst nach dem Verschwinden der Menschen zurückkommen werde, um sein Werk zu vollenden. Diese beiden als Glaubensgrundsätze formulierten Überzeugungen hat Werner Herzog seinem legendären Film Fitzcarraldo aus dem Jahr 1982 in den Vorspann gesetzt. Der Film, dessen berühmteste Szene wahrscheinlich jener am Rand der Dreharbeiten mitgefilmte Streit zwischen Hauptdarsteller Klaus Kinski und dem Produktionsleiter Walter Sachser ist, wurde unter Entbehrungen und Verlusten an den Originalschauplätzen gedreht.

Für den 1980 geborenen Schriftsteller Florian Wacker, Absolvent des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig, sind diese Dreharbeiten der Ausgangspunkt für seinen Roman Stromland, eine gekonnt ausbalancierte Erzählung zwischen Abenteuergeschichte, metaphysisch aufgeladener Sinnsuche und einer geografisch-historischen Erkundung eines unwegsamen Geländes. Die große Leerstelle des Romans ist tatsächlich ein Verschwundener: Thomas Mazek, ein junger Mann aus der Nähe von Frankfurt am Main, ist im Jahr 1982 mit Werner Herzogs Filmteam nach Iquitos aufgebrochen und hat die Dreharbeiten als Kameraassistent begleitet. Unmittelbar danach hat er sich von der Crew getrennt; seine Spur verliert sich im undurchdringlichen Amazonasgebiet. Zwei Jahre später macht sich seine um zwei Minuten ältere Zwillingsschwester Irina gemeinsam mit ihrem Freund Hilmar ebenfalls auf nach Iquitos, einer Stadt, die nur per Flugzeug oder Schiff zu erreichen ist, um ihren Bruder zu suchen; im Gepäck einige Briefe Thomas', deren Duktus von Brief zu Brief rätselhafter und nebulöser klingt.

Diesen Haupthandlungsstrang hat Florian Wacker ergänzt durch Passagen, in denen er die Besiedelung des Amazonasgebiets durch europäische Siedler und jesuitische Priester um das Jahr 1750 beschreibt. Und erst mit fortschreitender Lektüre wird deutlich, wie geschickt und sinnfällig die beiden Erzählebenen miteinander verzahnt sind. Denn im Jahr 1751 kommt eine Familie Wilhelmi aus dem Hunsrück an, deren Oberhaupt Johann Wilhelmi, aus der Not geboren, mitten im Dschungel eine Plantage errichtet. In dieser Enklave wird die Familie über knapp zweieinhalb Jahrhunderte ausharren und den Anfechtungen der Zeit trotzen, den Strauchdieben, Goldsuchern, Missionaren, Abenteurern und Kautschukspekulanten.

Gier und Träume scheinen die Antriebsmotive der Menschen quer durch die Jahrhunderte zu sein. Wobei zu den Träumen auch der Wunsch nach Entgrenzung zählt: "Der Urwald ist voll von Lügen und Träumen", sagt der Kapitän der Molly Aida in Fitzcarraldo vor dem Aufbruch. Und, im Fall von Stromland, voll von halluzinatorischen Gewächsen, die die Träume anregen und blitzschnell in Alpträume verwandeln können. Von Geistern und Seelen ist oft die Rede. Und von Sinnsuchenden, die in der Schönheit und in der Gefahr, die von der tatsächlich oft noch unberührten Natur des Amazonasurwalds die Nähe zum eigentlichen, noch nicht zivilisatorisch entfremdeten Leben vermuten.

Das Fieberdelirium

Florian Wacker war, das mag man nach der Lektüre von Stromland nicht glauben, nie an den Schauplätzen seines Romans. Aber er hat mehrere Jahre lang aufwendig recherchiert, und es ist seine wohl größte Leistung, dass dem Roman nichts Enzyklopädisches anhaftet, sondern dass Wacker die Menge an angelesenem Stoff und Details in konkrete Sinneseindrücke zu verwandeln vermag. Es knistert und rauscht, es riecht, wuselt, flattert in Stromland, und über alldem liegt die schwüle Hitze, die die Wahrnehmungssensibilität in gleichem Maße steigert wie auch die Reizbarkeit. Im Hintergrund vermeint man Jim Morrison ganz leise "This is the end" singen zu hören.

Wacker hat seine Figuren auf der Gegenwartsebene akribisch aus ihrem kleinbürgerlichen Milieu heraus entwickelt. Irina und Thomas, geboren 1962, aufgewachsen in einem Frankfurter Vorort, nehmen in ihrer Sozialisierung selbstverständlich alle Klischees und Stereotypen mit, die in den 1970er- und 1980er-Jahren von Südamerika und kursieren. Der magische Realismus als Sehnsuchtsprojektion des künstlerisch ambitionierten und politisch engagierten Bildungshungrigen. Diesen Filter hat Florian Wacker Irina auf ihrer Reise ins Amazonasgebiet quasi vor die Augen gesetzt, um ihn dann Stück für Stück mit der Realität abzugleichen. Irina und Hilmar dringen in den Urwald vor, und die Suche nach dem Zwillingsbruder wird zur Nebensache, weil die Spuren immer diffuser und die Auskünfte immer verwirrender werden, bis schließlich noch nicht einmal mehr gewiss ist, ob Thomas' Briefe, die Wacker als Zitate einstreut, tatsächlich von ihm geschrieben wurden oder nur als Text in Irinas Kopf ablaufen. Das Fieberdelirium eines Jesuitenpaters namens Sommervogel, gebürtig in Friedberg in der hessischen Wetterau, der kurz nach seiner Ankunft im Jahr 1751 stirbt, schneidet Wacker gegen die schicksalhafte Begegnung Irinas und Hilmars mit der Wilhelmi-Sippe, die ihnen das Leben rettet und dafür, wie sich herauskristallisiert, eine Gegenleistung erwartet, die in einer Art von Genauffrischung besteht.

All diese Handlungs- und Bewusstseinsebenen sind technisch so gekonnt zusammengehalten, wie sie in der Lektüre einen gezielten Prozess der Destabilisierung hervorrufen. Anders gesagt: Jeder, der in Stromland, wann auch immer und aus welchen Motiven auch immer, in den Dschungel aufbricht, muss sich früher oder später von der Utopie des Neubeginns verabschieden. Wie aber Florian Wacker die Bilder dieser Utopien skizziert und ausmalt, ist bemerkenswert.

 Florian Wacker: Stromland. Roman; Berlin Verlag, München 2018, 346 S., 20 €