Wir haben den Schriftsteller Zaza Burchuladze gebeten, uns die Faszination seiner Heimat Georgien zu erklären, dem Gastland der 70. Frankfurter Buchmesse. Alle Beiträge zur weltweit größten Literaturschau finden Sie auf unserer Themenseite.


Schön ist Georgien von oben, wenn man aus dem Flugzeugfenster drauf schaut. Schön ist die Natur, die Wiesen, die Felder, die Berge, die Flüsse … aber ich weiß, diese Schönheit ist vermint. Sie ist mit der georgischen Kirche vermint.

Die georgische Kirche war nie so reich, so stark und so gefährlich wie heute. Es klingt vielleicht paradox, aber dazu hat ihr jene Regierung verholfen, die in der georgischen Geschichte als die prowestlichste gilt. Zur Amtszeit des Präsidenten Michail Saakaschwili stieg die Dotation der georgischen Kirche um mehrere Millionen. Bei seinem Vorgänger Eduard Schewardnadse betrug die gleiche Ausstattung nur einige Hunderttausend georgische Lari. Heutzutage verkehren die georgischen Priester mit so teuren Wagen, leben in so teuren Stadtvierteln und Wohnungen, dass sogar die Rauschgiftbarone darüber staunen würden. Sie sind zumindest genauso gefährlich wie die Drogenbosse. Diese Männer mit ihren langen Gewändern haben in der Bevölkerung eine absolut feste Reputation. Dieselben Geistlichen führten vor einigen Jahren ihre wutentbrannte Gemeinde an, um sexuelle Minderheiten niederzuschlagen.

Die Situation kann anhand der Geschehnisse am 17. Mai 2013 in Tbilissi sehr gut illustriert werden. An diesem Tag hatten sich auf dem zentralen Platz der Stadt (wo früher das Lenin-Denkmal stand und heute der Obelisk des Heiligen Georg steht) bis zu dreißig junge Leute versammelt, um den Internationalen Tag gegen Homophobie zu begehen. Diese Menschen wurden von mehr als fünftausend zombierten Gläubigen überfallen, angeführt von Priestern, wie eine Armee von Fahnenträgern. Nur dass die Priester anstelle der Fahnen mit ihren Fäusten, Holzbänken und riesigen Kreuzen gerüstet waren. Dabei schimpften und fluchten sie auf übelste Weise. Die georgische Polizei versuchte die sexuelle Minderheit mit wenig Erfolg zu beschützen. Einige verletzte Polizisten mussten sogar ins Krankenhaus gebracht werden. Diese Bilder kann man heute auf YouTube finden. Und die Gewalttäter können sehr leicht identifiziert werden. Aber es wurde bis heute keiner zur Verantwortung gezogen. Diese Priester drohen immer noch in der Kirche, auf der Straße und in den Medien.

Immer aufgedreht

Ein weiteres Thema sind die gesegneten Autos in Georgien. In der Regel segnen die Georgier alles: das Auto, das Büro, die Wohnung, das iPhone usw. Erst vor Kurzem wurde in Tbilissi ein Laden eröffnet, in dem es nur gesegnete Gadgets zu kaufen gibt. Keine Ahnung, ob der Verbraucher bei der Anwendung dieser Gadgets  ge-i-segnet wird.  Bei der Segnung der Wohnung verliest der Priester das Gebet, schreitet dabei von Zimmer zu Zimmer und besprüht die Wände und Decke mit Weihwasser. Zum Schluss klebt er an die Eingangstür (von innen und außen) einen speziellen Sticker. Damit sich in die Wohnung nicht zufällig ein Teufel verirrt. Auch die Autos werden mit Weihwasser bespritzt und am Gepäckträger mit Extrasticker versehen. Es ist selbstverständlich, dass die schwarzen Land Cruiser der Geistlichen die Verkehrsregeln weniger beachten, nicht bei Rot stehenbleiben, Unfallsituationen schaffen und wie die apokalyptischen Reiter durch die Straßen der Stadt rasen.

Mich hat schon immer interessiert, wozu ein Auto gesegnet werden muss und wie sich ein gesegnetes Auto von einem nichtgesegneten unterscheidet? Vielleicht kann es in besonderen Fällen besser manövrieren? Vielleicht ist der Bordcomputer sicherer ausgestattet? Oder werden nach dem Segen die Airbagkissen weicher? Was bedeutet das am Gepäckraum angeklebte Kreuz? Vielleicht eine göttliche Versicherung? Vielleicht ist die Segnung wie eine himmlische Impfung, die vor dem bösen Blick und allem Übel bewahrt? Vielleicht verwandelt sich ein gewöhnlicher Wagen nach der Segnung in einen besonderen? Ein einfaches Auto (machina), das zum Gottesauto (Deus ex machina) wird.

Wir haben Kirchen und Kirchenläden, aber keinen einzigen Sexshop. Das sei ja kein besonderes Hindernis, immerhin würden wir uns vermehren. Aber das tun die Tiere doch auch. Ich kenne keine einzige europäische Hauptstadt, in der es keine Sexshops gibt. Wir scheuen uns, über Sex zu sprechen. Wir schämen uns irgendwie beim Erwerb von Kondomen in Apotheken und Supermärkten. Wir können uns schwer vorstellen, dass unsere Mütter mit unseren Vätern Sex hatten. Was aber Tatsache ist!

Erstaunlich, wenn man beobachtet und herausfindet, wie viele sexuell nichterfüllte Menschen durch die Straßen von Tbilissi laufen. Ihre betrübten Mienen und hysterischen Blicke sind schon mit dem unbewaffneten Auge zu erkennen. Die Mehrzahl, sowohl Frauen als auch Männer, ist immer irgendwie aufgedreht. Sie ist leicht reizbar und explosiv und überhaupt allseitig negativ geladen.