Bereits am Anfang des neuen großen Romans von Thomas Hürlimann zeigt sich die Welt im Abschiedslicht. Nach einem heftigen Crash auf einer Brücke kriecht der Erzähler aus den Überresten seines Fahrzeugs und gerät in einen Ausnahmezustand, der sich auf den 520 Seiten dieses fintenreichen Buches nie wieder in eine erträgliche Alltagsnormalität zurückverwandeln lässt.

Der unglückliche Romanheld, ein Tagträumer und notorischer "Pannenproduzent", will nach achtzehn grüblerisch verbrachten Jahren zu seinem Vater ins fiktive "Fräcktal" heimkehren – und verliert nach seinem Unfall nicht nur das Bewusstsein, sondern komplett die Kontrolle über sein außer Rand und Band geratenes Leben. In einem Essay über den Stationenweg in seiner Schweizer Heimatgemeinde Walchwil hat Thomas Hürlimann vor zwei Jahren die schockhafte Begegnung mit der eigenen Sterblichkeit als theologische Urszene beschrieben: "Wir müssen einen Tod erleben, um in der Erleuchtung wiedergeboren zu werden."

Ein tiefer theologischer Ernst dieser Art findet sich auch in anderen Essays, die Hürlimann nach seiner schweren Krebserkrankung in den vergangenen Jahren geschrieben hat. Biblische Motive und metaphysische Denkbilder verbinden sich hier mit der heiteren Gelassenheit eines Schriftstellers, der dem Tod ins Auge geschaut und dankbar die Chance zu einem zweiten Leben ergriffen hat. Von seinem "Lazarus-Erlebnis" und seiner Auferweckung auf der Intensivstation hat Hürlimann auch in einer ergreifenden Erzählung für die ZEIT berichtet.

Dieser theologische Ernst wird nun in seinem neuen Roman in eine karnevaleske Heiterkeit aufgelöst. Seinen metaphysisch animierten Grenzgang zwischen Leben und Tod hat Hürlimann hier als Burleske getarnt, als "sizilianische Commedia", die auf fast jeder Romanseite ein Feuerwerk an Pointen und Überraschungen zündet. Die Arbeit an seinem damals schon fast fertigen Roman musste der Autor 2013 unterbrechen, als ihn die Krebsdiagnose traf. Nach der Genesung fing er noch mal von vorne an.

Eine gewaltige Schreiblähmung

Als klugen Therapeuten und Lebensbegleiter hat Hürlimanns Protagonist nun den Kater Dada an seiner Seite, der nicht nur sprechen kann, sondern den verwirrten Helden in Grenzsituationen vor dem Untergang rettet. In fast überdeutlicher Signalgebung wird uns nahegelegt, dass es sich bei dem Helden Heinrich Übel um ein Alter Ego des Autors handelt. Er ist wie sein Erfinder am 21. Dezember 1950 geboren und seine Namensinitialen verweisen ostentativ auf den Autor.

Bereits bei der eher schlichten Aufgabe, einen Lebenslauf von einer Seite Umfang anzufertigen, verfängt sich der melancholieanfällige Heinrich in einer gewaltigen Schreiblähmung. Statt des knappen Lebenslaufs entsteht ein riesiger Katalog von Einzelartikeln, in dem das Leben des Helden alphabetisch geordnet werden soll. Auch dieser Katalog bleibt ein Torso.

Dass sein Protagonist als ein Abkömmling der jüdischen Schneiderfamilie Katz auftritt, kennen wir schon aus früheren Hürlimann-Romanen, etwa aus der langen Novelle Fräulein Stark (2001) oder seinem bislang letzten Roman Vierzig Rosen (2006). Damit enden aber schon die biografischen Parallelen zwischen dem Autor und seinem Helden. Heinrich Übel, ein Langzeitstudent, der als Gasthörer vierzig Semester an der Universität Zürich zubringt, fiel einst bei seinem Vater Heinrich Übel Senior, einem erfolgreicher Unternehmer der "Verhüterli"-Industrie, in Ungnade und will nun nach achtzehn Jahren heimkehren, in der Hoffnung, als verlorener Sohn endlich Gehör beim strengen Erzeuger zu finden.