Ein dreizehnjähriger Internatsschüler in der österreichischen Provinz. Er hat in diesem Roman nicht nur mit der Pubertät und verrückten Eltern, sondern auch mit starkem Übergewicht zu kämpfen, er verliebt sich in den Ferien ausgerechnet in die deutlich ältere Elsa. Das macht sein Leben noch schwerer, zumal die attraktive Frau mit dem ruppigen Lastkraftwagenfahrer Tscho verheiratet ist. Doch was kümmert den jungen Mann das Eheversprechen der anderen, wenn das eigene Herz wild schlägt. So beschließt er eine besonders radikale Abmagerungskur, auf dass die Angebetete ihn endlich angemessen würdigt, nicht als übergewichtige Aushilfskraft an der Tankstelle des Dorfes, sondern vielleicht doch als interessanten Typen, den frau gerne mal auf eine verbotene Spritztour im Wagen des Gatten einlädt.  

Die Anlage der Geschichte, die der österreichische Autor Wolf Haas in Junger Mann erzählt, ist denkbar einfach konstruiert, und man sollte auch das, was der Text in der zweiten Hälfte bereithält, nicht auf einen originellen Plot untersuchen.

Nachdem Elsa den fastenden Knaben nämlich endlich wahrgenommen hat, gibt es auch sanfte Annährungen in Form von verunglückten Gesprächen. Doch die Unfähigkeit des gehemmten Ich-Erzählers, die Gefühle zu gestehen, machen weitere Annährungen unmöglich, selbst wenn Elsa durchaus Interesse zeigt. Wenn jetzt Tscho nicht kommen und ausgerechnet dem Nebenbuhler eine Reise nach Griechenland vorschlagen würde, wäre der Roman auch schon zu Ende. Aber so fügt sich nach den durchaus amüsanten Provinzepisoden, die noch mal den ganz besonderen Charme des österreichischen Kleinbürgertums der Siebzigerjahre aufleben lassen, eine Art Roadmovie durchs südöstliche Europa an, inklusive Slapsticknummern im Grenzgebiet sowie Besuch einer ehemaligen Geliebten und der gemeinsamen Tochter. 

Das Publikum muss grölen

Dabei geht es Haas weniger um eine originell konstruierte oder sprachlich überraschende Inszenierung dieser Themenmuster, der erfolgreiche Schriftsteller setzt auf ein bekanntes Erfolgsrezept, das auch er in früheren Arbeiten schon durchgespielt hat. Seine dialektal gefärbte Comedyprosa besteht aus kleinen Szenen mit erstaunlicher Pointendichte, die von mehr oder weniger lustigen Wortkombinationen, selbstironischer Austria-Satire und dem wohlkalkulierten Überraschungsmoment leben, nach einem Witz noch einen draufzusetzen. 

Und das liest sich dann folgendermaßen: "Einer war aus dem Internat geschmissen worden, weil er ein interessantes Buch namens Kamasutra eingeschmuggelt und nicht gut genug versteckt hatte. Ähnlich komplizierte Stellungen nahm ich auf der Badezimmerwaage ein. Es begann mit nur leicht veränderter Fußstellung, ging über zu willkürlichen Randbelastungen und asymmetrischen Experimenten, die sich schnell zu immer stärkeren Schieflagen des gesamten Körpers in sämtliche Windrichtungen steigerten, bis ich bei immer akrobatischeren Schräglagen schließlich von der Waage fiel. Doch mein gesamtes Badezimmerwaagenkamasutra brachte nichts. Am ehesten noch 94 Kilo."

Ja, das ist schon komisch, aber noch grölt das Publikum nicht, daher lautet der nächste Satz: "Gegen mein Gewicht war der Benzinpreis seit Ausbruch der Energiekrise nur sanft gestiegen."         

Es ist kein Zufall, dass Wolf Haas auch sein neues Buch vor allem auf Theater- und Kleinkunstbühnen vorstellt. Es ist tatsächlich für die Rampe geschrieben, und wer sich über Lektüren freut, die sich wie die Performance eines professionellen Komikers anfühlen, wird auch mit diesem Roman heitere Stunden verleben. Vor allem wenn Haas seine Scherze mit der damaligen Grenzbeamtenkultur treibt: "Der Italiener hat uns keine Probleme gemacht, aber der Österreicher war schlecht aufgelegt. Er war angefressen, dass er noch knapp vor Sendeschluss beim Fernsehen unterbrochen wurde." 

Literatur im engeren Sinne sind solche Sätze nicht. Komplexe Charaktere, eine halbwegs filigrane Figurenentwicklung, eine etwas anspruchsvollere Bildsprache, die sich nicht im Witz auflöst – all das stört in diesem Unterhaltungsgenre, dessen sprachliches Risiko vor allem darin besteht, mal eine Pointe zu verhauen. So haftet der gewiss liebgemeinten Parodie des österreichischen Kleinbürgermilieus wiederum auch etwas seltsam Spießiges an. Als hätte es sich der Autor auf dem Schoß eines restlos begeisterten Fans bequem gemacht. 

Das ist schade. Wolf Haas ist mit seinen legendären Kriminalromanen um den Privatdetektiv Simon Brenner, aber auch mit Romanen wie Das Wetter vor 15 Jahren und Die Verteidigung der Missionarsstellung ein dermaßen erfolgreicher und allseits gefeierter Autor, dass er es gar nicht nötig hätte, unter seinen eigenen Möglichkeiten zu bleiben. Junger Mann wird daher jene Leserschaft enttäuschen, die zwar literarischen Humor schätzt, nicht aber als gedrucktes Pendant einer Kabarettveranstaltung.  

 Wolf Haas: "Junger Mann", Roman, Hoffmann und Campe, 22 Euro