Eines der wenigen lustigen Ereignisse an jenem kalten 20. Januar 2017, als die Trump-Bagage das Weiße Haus übernahm, war ein Twitterfoto: Man sieht Michelle und Barack Obama, wie sie durch einen Garten davonlaufen. Sie wirken wie Teenager, die abhauen. Was trägt sie? Ein Sommerkleid? Wieder dieses rasante weiße lange Kleid von Jason Wu, in dem sie sich acht Jahre zuvor, am 20. Januar 2009, in Baracks Armen in die Obama-Ära hineindrehte, zu Beyoncés Song At last – "At last love has come along ... life is like a dream …". Keine Ahnung, egal, eingebrannt in die Erinnerung hat sich ein anderer Tweet, der Schrei eines Kindes: "Hey, Mom and Dad. When are you coming back from vacation? This new babysitter is real weird." Die Retweets und Likes rollten sich vor Vergnügen in Ekstase. 

Der Tweet hatte ein Zeitgefühl aufgespießt, dieses Gefühl von Verlassensein, die Ungläubigkeit angesichts dessen, was sich vollzog, das Ende einer Ära, die viele als Höhepunkt des amerikanischen Traums empfunden hatten. Der erste schwarze Präsident im Weißen Haus, die erste schwarze First Lady. Zwei Menschen, super cool, mit Ivy-League-Lorbeeren geschmückte Weltverbesserer. Und dann dies. Ein teigiger weißer alter Populist. Ein misogyner Rassist. Obama hilf! Was machte der eigentlich unterdessen? 

Es tauchten bald Schnappschüsse auf, die Barack beim Wasserski zeigten. Rumtollen auf den British Virgin Islands! Body wie ein Model. Breites Grinsen. Als habe er alles hinter sich gelassen. Und Michelle? Saß, wie man jetzt vermuten kann, schon über den ersten Entwürfen ihrer Autobiografie, ganz die unermüdliche, zähe, die Fleißkärtchen sammelnde Klassenbeste. Jetzt ist ihr Buch erschienen, und schon bevor man es liest, ist da dieses Glücksgefühl: Sie ist wieder da. Man liest das Buch – und bingo! She did it again! Es ist das Buch einer klugen Autorin, anrührend, politisch und privat, nie voyeuristisch. Ein Pageturner von mehr als 500 Seiten. In diesem Buch hat Michelle Obama sich und das Genre auch ein wenig neu erfunden. Na, weniger hätte man von ihr natürlich auch nicht erwartet.

Autobiografieschreiben ist eine uramerikanische Übung. Wie könnte es anders sein, in einem Land, das den Individualismus vergöttert. Benjamin Franklin, John Adams – ihre Autobiografien sind die Klassiker des Genres. Die Gründungsväter Amerikas begründen sich selbst in ihren Autobiografien als wahre Amerikaner. In der Folge haben ihnen viele Generationen nachgeeifert, die sich auch in ihren Autobiografien dem amerikanischen Traum als zugehörig bekannten, Einwanderer aus der ganzen Welt. Native Americans, Frauen, Schwarze natürlich. Die Autobiografie von Frederick Douglass, 1845, und die Lebensberichte von Sojourner Truth, 1850, sind beides Erzählungen ehemaliger Sklaven und Meilensteine im Kampf um Bürgerrechte. Die Autobiografie von Malcolm X, dem Black Panther. Die wundervolle Sequenz von Autobiografien von Maya Angelou, der schwarzen Sängerin. Und jetzt also Becoming, und es hat etwas von all diesem: eine Geschichte des individuellen triumphalen Aufstiegs. Ein Beharren darauf, dass sie als Schwarze ihren Weg gegangen ist. Ein politisches, ein Frauenbuch, das nicht ohne Bitterkeit ausbuchstabiert, zu welchen Knäulen sich die Ambitionen einer Karrierefrau, die Hingabe zu den Kindern, der Support für die Liebe ihres Lebens verdichten können. Eine Frau, die alles wagt, indem sie diesen Weg, ihren Weg, kritisch befragt. Genau das ist das Neue daran.

Alles gegeben, aber auf der falschen Spur

Wer nach News-Krümeln sucht, ist hier falsch. Die Herkunft aus der armen South Side von Chicago, die aufrechte, arme Familie, ihr Zusammenhalt. Alles schon mal gehört. Ihr kometenhafter Aufstieg als Juristin bis in das Office im 45. Stock einer Kanzlei, und wie dort der süße Sommerpraktikant Barack Hussein Obama auftaucht. Es ist planvoll durchgesickert, dass auch diese Ehe ihre Holperstrecken hatte und dass die wundervollen Töchter mithilfe des Fortpflanzungslabors entstanden sind und jaja, immer wieder die Bemerkung, dass sie für eine Kandidatur für das Präsidentenamt nicht zur Verfügung steht. Es ist aber das Gewebe dieses Textes, die Struktur, die so bemerkenswert ist. Michelle Obama schaut ihr Leben an und in einer rückhaltlosen Selbstbefragung entsteht, vor ihren und unseren Augen, ein neues Muster. 

Wie viele Male hat man lesen müssen, in diesen Büchern über den amerikanischen Traum, in feministischen Pamphleten, dass man sich doch nur reinhängen muss, "Lean in!" – wie es der Bestseller von Sheryl Sandberg, der Facebook-CEO, in die Welt schrie: gerade Frauen, Mann! Und man liest nun, wie dieses kleine Mädchen, Miche genannt, Tochter eines schwer kranken Vaters, des Hüters der städtischen Wasserpumpen, sich in der Schule anstrengt, fleißig Tonleitern am maroden Instrument ihrer alten Tante übt, später an der Uni die Themenmappen farbig sortiert, die Freundinnen ermahnt, nicht so rumzuflippen, es bis zum Designerkostümchen von Armani und dem obligatorischen Saab schafft, eine von nur drei Prozent an schwarzen Mitarbeiterinnen einer hochkarätigen Kanzlei ist – und unglücklich ist. Immer brav Ziele gesetzt, alles fleißig abgehakt. Viel, ja alles gegeben. Aber auf der falschen Spur.

Eine der berührenden Szenen des Buches zeigt die Autorin im Auto mit ihrer Mama, die wie ihr Mann für die beiden Kinder, Miche und Craig, alles geopfert hat. Michelle gesteht ihr in dieser Blechkapsel, dass das alles, der Erfolg, sich leer anfühlt. Da ist Scham. Aber auch der unbedingte Wille, der Wahrheit ins Auge zu sehen, übrigens das allein schon keine Kleinigkeit und hochpolitisch, in Zeiten von Fake-News.