Angenommen, die Welt wäre doch ein Gruselroman, dann verfärbte sich der Himmel über Bergisch Gladbach nun blutrot. Das Schnurren der Rasenmäher wäre der Klagegesang eines Untoten und der Geruch von Kaffeeundkuchendeutschland bloß eine Hinterlist des Satans, um den Menschen in sein Reich zu locken, wo man auf Nimmerwiedersehen verschwindet.

Wenn die Welt so wäre, wie der Autor Jason Dark sie beschreibt, käme man vermutlich nicht heil bei ihm an.    

Man hätte Glück, wenn Jason Darks Held eingriffe: John Sinclair, Geisterjäger, ein Oberinspektor von Scotland Yard. Zieht seine Beretta und lädt sie mit geweihten Silberkugeln. Steigt aus seinem Bentley und entblößt das Kreuz der Erzengel an seinem Hals, woraufhin selbst der finsterste Teufel zu Staub zerfällt, und es am Ende wieder Licht ward. Sinclair, seit 40 Jahren im Dämonendauerdienst. Und mit ihm sein Schöpfer. Jede Woche ein Heft, immer 64 Seiten, am Kiosk neben den Kreuzworträtseln.    

Jason Dark heißt eigentlich Helmut Rellergerd. Er besitzt kein Handy und keine E-Mail-Adresse. Am Telefon meldete sich ein paar Tage zuvor eine kräftige, dunkle Stimme. Man könne ihn natürlich besuchen, doch bitte erst am Nachmittag, da habe er frei. Als Rellergerd nun öffnet, sagt er: "Ach, Sie sind's." Ein großer, leicht gebeugter Mann in Strickjacke geht voran ins Wohnzimmer. Rellergerd ist 73, seine Schritte schlurfen. Der Fürst der Finsternis, so nennen ihn viele seiner Fans. Und der Fürst der Finsternis setzt sich auf ein cremefarbenes Sofa.          

Gerade ist sein neues Taschenbuch erschienen, Engel. Zur Feier mietete sein Verlag kürzlich die Stadthalle in Köln, für die John-Sinclair-Convention, Podiumsdiskussionen und Signierstunden und Tausend Besucher. Einige ließen sich Rellergerds Autogramm tätowieren, das jeder kennt, der sein Werk kennt. "Jason Dark" in Schreibschrift. Rellergerd sagt: "Ich dachte, es käme keine Sau." 

Sein Verlag Bastei-Lübbe bezeichnet ihn als den meistgelesenen Romanautor des Landes. Gesamtauflage: 400 Millionen. Oder 300 Millionen. Oder 250 Millionen. Da gibt es unterschiedliche Angaben. Rellergerd weiß es selbst nicht genau. Seine Schauermärchenerzählerstimme sagt: "Sind ja nur Zahlen."    

Sie sind aber nicht unwichtig. Mehr als 2.000 Romanhefte, mehr als 300 Taschenbücher. Wenn Rellergerd mit seiner Frau hier auf dem Sofa sitze, raus auf den Garten schaue, da frage er sich manchmal, ob er das wirklich alles geschrieben habe. Er habe natürlich nie ausgerechnet, wie viele Seiten das seien, aber um die 400.000 seien es bestimmt. John Sinclair – die gelbe Schrift auf schwarzem Grund, leuchtender als die seiner Papiergenossen: Es gibt den harten Westernburschen Lassiter. Es gibt den Privatdetektiv Jerry Cotton und den Weltraumabenteurer Perry Rhodan. Und es gibt die Geschichten vom schönen Arzt und der schönen liebeskranken Oberschwester. An denen schreiben immer etliche Autoren, nur Rellergerd schrieb jahrzehntelang allein.

Wenn Killerpuppen das Urlaubshotel stürmen

Groschenromane. Na ja, heißt eben so, sagt er. Müsse ja deswegen nicht dumm sein. Er hat eine ziemlich genaue Beschreibung für das, was er seit 40 Jahren produziert: Krimis. Es sei doch schließlich egal, ob ein Mafiaboss auf dem Dach herumtappt oder ein Vampir. Beides Unterwelt.

Helmut Rellergerd stammt aus Dortmund. Und mit Krimis hat alles angefangen. Er war 20, Radarflugmelder der Luftwaffe. Sein erstes Manuskript hieß Ein Satan lässt Chicago zittern, und das schickte er an den Bastei-Verlag. Der lehnte ab, sagte aber, er habe Talent. Der nächste Krimi – Karate, Killer, Colthyänen – wurde gedruckt, der Verlag änderte aber den Titel. Wenig später stellte ihn Bastei als Redakteur ein, nach drei Tagen kam der Verleger in sein Büro: Alle machten Gruselgeschichten, sie brauchen auch welche. Rellergerds ersten Versuch hielt sein Chef für eine Schweinerei. Untote aus dem Grab! So etwas wolle doch niemand lesen.     

Die Leute lasen es. Es war 1978, als ihn sein Chef fragte, ob er eine Serie ganz allein schaffe. Ja, das kriege er hin.       

64 Seiten in der Woche sind 256 Seiten im Monat sind 3.072 Seiten im Jahr. Sinclair, Sohn des Lichts mit dem ausgeglichenen Gemüt. Er erinnert ein wenig an James Bond und ein wenig an den Kontaktpolizisten, den man jederzeit anrufen kann. Sinclair hat Liebeskummer, Sinclair auch mal einen Kater. Der Oberinspektor ist immer zur Stelle, wenn sich ein sachgrundlos mordender Todesfürst ausgerechnet in eine Wohnzimmerstanduhr verirrt hat oder Killerpuppen das Urlaubshotel stürmen. Wenn der städtische Vergnügungspark leider über einem Tor zur Verdammnis errichtet worden ist und forthin Kapuzenskelette in der Achterbahn sitzen.      

Wie er auf all das komme, kann man Rellergerd natürlich fragen. Er sagt: "Ach, das fällt mir eben ein." Das sei halt sein Beruf. Beamter der Fantasie. Nach dem Zombie ist vor dem Dämonenzwerg.