Zu Beginn dieses außerordentlichen Romans steht eine Frau auf den Klippen über der aufgewühlten See und überlegt, ob sie hinunterspringen soll. Oder, um die Gischt nicht sehen zu müssen, sich rückwärts hineinfallen lassen könnte. Sie entscheidet sich, glücklicherweise und nicht zum ersten Mal, dagegen.

Seit drei Jahren bewohnt Sonja Bräuning mittlerweile das karg eingerichtete und von Gästen kaum frequentierte Hotel an der Küste von Wales. Wie und warum sie dorthin gekommen ist, davon erzählt Karl-Heinz Ott so detailreich und plausibel, dass man erst nach der Lektüre staunend den mit knapp 150 Seiten geringen Umfang registriert.

Und jeden Morgen das Meer lebt nicht von einer sonderlich raffinierten Erzählhaltung und schon gar nicht von einer spektakulären Geschichte: Betrachtet man den Plot, könnte man an einen ZDF-Fernsehfilm denken. Doch wie die einzelnen Bestandteile des Buchs unaufdringlich und kunstvoll zum Psychogramm einer zerbröselten Existenz arrangiert werden und wie in einer Gegenbewegung dargestellt wird, wie die Protagonistin eben diese Scherben aufliest und neu zusammenfügt, um sich zu retten, das ist große Kunst.

Bis unters Dach verschuldet

Sonja Bräuning ist eine Frau, die alles verloren hat. Gemeinsam mit ihrem Mann Bruno hat sie am Bodensee ein renommiertes Restaurant mit angeschlossenem Hotel geführt: Der Lindenhof war berühmt über die Landesgrenzen, Kohl und Chirac haben hier gespeist, die Küche wurde mit einem Stern ausgezeichnet. Doch Bruno, der große Abwesende des Romans, taugte nicht für den Showzirkus, der von einem Akteur der Spitzengastronomie verlangt wird: Er war ein Künstler am Herd, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Er lief nicht am Abend von Tisch zu Tisch, um mit den Gästen zu plaudern. Öffentliche Auftritte waren ihm eine Höllenqual. Eines Tages war der Stern weg. Bruno begann, seinen exzellent bestückten Weinkeller leer zu trinken. Ob er letztlich seinem Tod durch Tabletten nachgeholfen hat oder nicht, bleibt offen. Das Resultat allerdings ist eindeutig: Eine Witwe Anfang 60, die es stets gewohnt war, die charmante Gastgeberin zu spielen und ein Haus zu führen, das nun renovierungsbedürftig und bis unter das Dach verschuldet ist.

Schon in vorangegangenen Romanen hat Karl-Heinz Ott sich als ein subtiler Porträtist bürgerlicher Welten und deren Brüchigkeit gezeigt. Sein neuer Roman erreicht allerdings in Eleganz und Verdichtung eine neue Qualität. Im Grunde genommen zeigt Ott Sonja Bräunings Leben als eine lange Kette persönlicher Niederlagen und Demütigungen, die eben nicht erst mit dem Tod ihres Mannes begonnen haben. Dass dessen Bruder Arno den Lindenhof übernimmt, Sonja vor die Tür setzt und von ihr für diese feindliche Übernahme noch Dankbarkeit erwartet, ist nur der Höhepunkt.

Keine Metaphern aus dem Fertigbaukasten

Doch was war ihr Leben, an das sie sich aus der fernen walisischen Perspektive erinnert, zuvor? Eine Existenz in Zwängen. Eine Zurichtung auf ein Dasein hin, das nicht von ihr selbst beherrschbar war. Das Aufwachsen bei der Großmutter, die Erziehung in einem katholischen Nonneninternat, die Ausbildung zur Hotelfachfrau in der Schweiz, dann die Rolle als First Lady im Lindenhof. "Dich schlossen immer ziemlich enge Wände von der Geburt bis diesen Abend ein." So hat Gottfried Benn es einmal formuliert. 

Otts Roman leuchtet in jeweils kurzen Szenen einzelne Aspekte eines Lebens aus, das aus Pflichterfüllung und Lieblosigkeit zusammengesetzt war, das aber im Gegenzug dafür Sicherheit versprach. 30 Jahre Dienst im geschützten Raum deutscher Behaglichkeit. Ein trügerisches Gefühl, wie sich zu einem Zeitpunkt herausstellen sollte, als es für eine Alternative zu spät war. Fast zu spät.

Dort, wo sie immer gewesen ist, gibt es für Sonja Bräuning keine Zukunft mehr. Ihre Versuche, als Angestellte in der Gastronomie noch einmal Fuß zu fassen, scheitern kläglich. Also jener Ort in Wales, von der ein früherer exzentrischer Hotelgast immer wieder erzählt hat.

Karl-Heinz Ott kann so ungeheuer viel: Zum Beispiel zeigen, dass es ein Gewinn an Freiheit sein kann, alles zu verlieren, ohne dabei im Selbstfindungskitsch zu landen. Oder das Meer tatsächlich als einen äußeren Spiegel von Gemütszuständen einzusetzen, ohne in den Fertigbaukasten der Metaphern greifen zu müssen. 

Darüber hinaus hat Ott, und das ist keine literarische Kategorie, aber ein weiterer Vorzug, ein menschenfreundliches Buch geschrieben.

Karl-Heinz Ott: "Und jeden Morgen das Meer". Roman. Carl Hanser Verlag, München 2018, 144 S., 18,- €