Michelle Obama berichtet erstmals ausführlich über ihr privates und politisches Leben. Die Autobiografie Becoming. Meine Geschichte der früheren First Lady der USA ist am Dienstag erschienen. Die deutsche Fassung umfasst 544 Seiten und ist unterteilt in drei Kapitel: "Becoming Me – Ich werden", "Becoming Us – Wir werden" und "Becoming More – Mehr werden". Im Vorwort erklärt Obama, wie lebenslanges Lernen und stetige Veränderungen sie geprägt haben; ein Hinweis darauf, dass sie ihr gesellschaftliches Engagement in immer wieder neuen Rollen weiter vorantreiben wird.

Die ersten beiden Teile des Buches erzählen von Obamas Jugend, ihrer Herkunft, Erziehung, wie sie sich zum Jurastudium entschloss und später mit Barack eine Familie gründete. "Ich bin als ganz normaler Mensch auf einen außergewöhnlichen Weg geraten." Und weiter: "In der National Portait Gallery in Washington hängen jetzt Porträts von Barack und mir, ein Umstand, der uns beide demütig macht. Ich bezweifle, dass irgendjemand angesichts unserer beider Kindheit, unserer beider Herkunft jemals prophezeit hätte, dass wir einmal in diesen heiligen Hallen landen würden." Michelle Obama schreibt in einem sehr lebensnahen, verbindlichen Ton.

Das letzte Drittel behandelt die Jahre seit dem Einzug der Obamas ins Weiße Haus 2009. In den USA war die Autobiografie mit Spannung erwartet worden. Wohl weniger wegen der Privatansichten, sondern vielmehr aus politischen Gründen: Lässt sich herauslesen, ob Michelle Obama nicht doch, entgegen ihren bisherigen Äußerungen, für das Präsidentinnenamt kandidieren wird? So wie sie den politischen Betrieb beschreibt und ihren Widerwillen, sich den dort herrschenden Regeln zu unterwerfen, ist eine Kandidatur nach wie vor unwahrscheinlich: "Ich war niemals ein Fan von Politik, und meine Erfahrungen in den vergangenen zehn Jahren haben wenig dazu beigetragen, das zu ändern. Die Gemeinheit stößt mich weiter ab."

Zu dieser Haltung beigetragen hat möglicherweise auch der Umgang der Öffentlichkeit mit Hillary Clinton. "Gnadenlos verwendete man Hillarys Geschlecht gegen sie, bediente die fürchterlichsten Vorurteile. Man bezeichnete sie als tyrannischen Drachen, als olle Zippe und als zickige bitch. Ihre Stimme fand man zu schrill, ihr Lachen zu gackernd. Hillary war Baracks Gegnerin, weshalb ich damals nicht gerade große Sympathien für sie hegte, und doch konnte ich nur bewundern, wie sie sich inmitten all dieser Frauenfeindlichkeit im Ring hielt", schreibt Obama.

Entsprechend deutliche Worte findet sie zur Wahl Donald Trumps zum Präsidenten: "Ich bin keine Politikerin und werde mich gar nicht erst an einer Analyse des Ergebnisses versuchen. (...) Ich würde mir nur wünschen, es wären mehr Menschen zur Wahl gegangen. Und ich werde nie begreifen, was vor allem so viele Frauen bewogen hat, eine außergewöhnlich hochqualifizierte Kandidatin abzulehnen und stattdessen einen Frauenfeind zum Präsidenten zu wählen." Über Donald Trumps Kampagne, Barack Obama sei in Kenia geboren und damit kein rechtmäßiger US-Präsident, schreibt sie: "Mit seinen bösartigen Unterstellungen gefährdete Donald Trump die Sicherheit meiner Familie. Und das werde ich ihm nie verzeihen."

Trotz aller Verwunderung über politische und gesellschaftliche Dynamiken in den USA bleibt Obamas Kritik versöhnlich: "Amerika ist kein simpler Ort. Mir wird schwindelig von seinen Widersprüchlichkeiten." Sie bleibe einer Kraft verbunden, "die größer und wirkmächtiger ist als eine einzelne Wahl, ein einzelnes Staatsoberhaupt oder eine einzelne Nachricht – dem Optimismus".