Mit etwa 26 Jahren zieht sich Amos Oz an einen ungewöhnlichen Ort zurück, um zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt hat er als Kibbuznik kein Arbeitszimmer und kommt nicht ohne Zigaretten aus. Also schließt sich der Vater zweier Töchter aus Rücksicht auf seine Familie "in das winzige Bad ein, das in etwa die Größe einer Flugzeugtoilette" hat. "Ich setzte mich auf den heruntergeklappten Toilettendeckel und legte mir einen Band mit van-Gogh-Reproduktionen auf die Knie." Auf dem Kunstband schlug er sein Schreibheft auf. Auf engstem Raum entsteht so der Roman Mein Michael.

Oz erzählte diese Anekdote 2008 in einem Vorwort, 40 Jahre nach Erscheinen des Werks. Die in Jerusalem spielende Ehegeschichte aus der Sicht seiner Protagonistin Hannah schrieb er damals "überzeugt, alles zu wissen, was es über Frauen zu wissen gibt", wie Oz im Vorwort zugab. Inzwischen, so bekannte er weiter, würde er es nicht mehr wagen, "einen ganzen Roman aus der Sicht einer Frau zu verfassen".

Oz beendet das Werk im April 1967 – einen Monat vor Ausbruch des Sechstagekriegs. Der erste Satz darin lautet: "Ich schreibe dies nieder, weil Menschen, die ich geliebt habe, gestorben sind." Als der Autor das Manuskript einem Lektor des Verlags Am Oved übergibt, meinte dieser, es sei bedauerlicherweise "nicht verkäuflich". Doch das Buch wurde zum Bestseller – in Israel und der Welt.

Die Entstehungsgeschichte von Mein Michael erzählt auch viel über den Menschen Amos Oz: von seiner Kompromissbereitschaft, seiner Leidenschaft für die Literatur und der Entschlossenheit, sich auch in widrigen Umständen auf sein Werk zu konzentrieren. Wo ein Wille ist, da sind auch Worte.

Poesie statt Pathos   

Amos Oz war zugleich Dichter und Denker, Autor und Aktivist. Über seine politischen Ansichten hat er immer wieder Artikel verfasst, Essays geschrieben, Vorlesungen gehalten. Er veröffentlichte unter dem Titel Man schießt und weint Gespräche mit israelischen Soldaten nach dem Sechstagekrieg, er war Mitbegründer der Bewegung "Frieden Jetzt".

Der israelische Schriftsteller bezog Stellung, ohne sich von einer Seite vereinnahmen zu lassen. Heimisch fühlte er sich, wie er einmal schrieb, in "der Atmosphäre der Ambivalenz". In einem konfliktträchtigen Umfeld bewahrte sich Oz intellektuelle Unabhängigkeit. Und wurde von Widersachern aus verschiedenen Lagern als Verräter beschimpft.

Oz setzte sich für die Zweistaatenlösung ein und schrieb etwa in seinen Vorlesungen aus der Tübinger Poetik-Dozentur 2002, die unter dem Titel Wie man Fanatiker kuriert erschienen sind: "So habe ich die Ahnung, so sagt mir meine mich prägende Erfahrung, dass der Konflikt zwischen den israelischen Juden und den palästinensischen Arabern nicht die Geschichte von 'den Guten' und 'den Bösen' ist. Es ist eine Tragödie: ein Konflikt zwischen Recht und Recht."

"Amos Klauser, Schriftsteller"

Trotz des politischen Engagements des Autors sind seine Romane weder Plädoyers noch Pamphlete. Oz liebte die Poesie und mied das Pathos. Literarische Charaktere dienten ihm nicht als politische Botschafter, sondern bewahrten sich ihre Widersprüchlichkeit. "Jedes Mal, wenn ich denke, dass ich mit mir selbst in jeder Hinsicht übereinstimme, dann schreibe ich keine Erzählung", sagte er in einer Vorlesung. "Ich schreibe einen verärgerten Artikel, in dem ich meiner Regierung sage, was sie zu tun hat, manchmal auch, wohin sie sich allesamt scheren sollen, nämlich zur Hölle."

Leben und Literatur fließen zusammen in Oz' großem Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Der Autor kam am 4. Mai 1939 in Jerusalem als Amos Klausner zur Welt. Schon mit fünf Jahren schreibt er auf eine Karteikarte, die er dem Schreibtisch seines Vaters entnommen hat: "Amos Klausner, Schriftsteller". Als er zwölf Jahre alt ist, begeht seine Mutter Selbstmord. Zwei Jahre später zieht Amos bis 1986 in den Kibbuz Hulda in Nordisrael und beginnt, zu schreiben. Einige seiner Romane spielen in einem Kibbuz, etwa Ein anderer Ort oder Der perfekte Frieden. Während der Zeit im Kibbuz ändert er auch seinen Nachnamen in Oz – das hebräische Wort für "Kraft".

Amos Oz war ein Weltliterat, der auch eindringlich über die schwierige Beziehung zwischen Israel und Deutschland schrieb. Anlässlich des 40. Jahrestags der Aufnahme diplomatischer Beziehungen verfasste Oz im April 2005 den Essay Israel und Deutschland. Eine im besten Sinne lehrreiche Lektüre, die auch viel von Oz' persönlicher Geschichte offenbart.