Das Sachbuch Game over ist keine Science-Fiction, es ist eine plausible Extrapolation, was auf dem Planeten Erde politisch und sonst so geschehen könnte, wenn die Menschheit einfach so weitermacht: Wohlstand für Wenige, Demokratie für niemand, Nationalismus für Alle – so lautet der Untertitel. Das ist tatsächlich eine nicht so weit hergeholte Annahme, was global aus uns werden könnte, uns, den Erdenbürgern, vor allem aber uns Europäern. Von Oswald Spengler zu Pegida, einhundert Jahre Untergang des Abendlandes also, aber jetzt wirklich Game Over?

Wer will das hören? Wer will das lesen, in den einzigen halbwegs beschaulichen Tagen zwischen den Jahren? Chinas take over der Welt, Algorithmen, Roboter, die immer mehr Arbeit wegrationalisieren, Trump, Populismus, Flüchtlinge, Überwachung, autoritäre Tendenzen in der Politik: Wissen wir alles, aber der Mensch lebt nur in der Verdrängung gut! Keine Unkenrufe, die Leute haben schon genug Angst.

Hans-Peter Martins Buch, um gleich damit anzufangen, bleibt die Hoffnung schuldig, irgendein Quäntchen Hoffnung, dass sich an dieser menschengemachten Entwicklung noch ändern ließe. Vielleicht ist also der Titel der eigentliche Grund dafür, dass es nicht abhebt wie Martins damaliger Spiegel-Bestseller Die Globalisierungsfalle, ja, nicht einmal wirklich besprochen wurde, als es im September kurz vor der Frankfurter Buchmesse erschien. Dabei ist dieses Buch eine Art intelligente Fortschreibung, nämlich die steile These, dass die Menschheit tatsächlich in die Globalisierungsfalle getapert ist und da jetzt ebenso wenig herauskommt wie das Häschen aus der Grube. 

Soziale Gerechtigkeit als Kampfbegriff

Das aber wäre doch wirklich mal eine Debatte wert? Im Buch von Hans-Peter Martin geht es weder um Angstmache noch um Defätismus. Es besticht dadurch, dass es verschiedene gesellschaftliche Phänomene zusammenbringt, die nicht so oft zusammen gedacht werden: dass die derzeitige ungebrochene neoliberale Agenda und die Kapitalakkumulation fast zwangsläufig zum Abbau von Freiheitsrechten, zum Verlust der Demokratie und letztlich zu Krieg führen werden. Das ist die steile These des Buches.

Populismus und Nationalismus, schreibt Martin, würden mit dem "Opium von Identitäten" gezüchtet. Wo den meisten entweder schon lange oder in nicht ferner Zukunft der soziale Aufstieg verwehrt ist, wird mit Stolz abgegolten, was mit Geld nicht mehr erreicht werden kann. Populismus zu befördern, das ist die zynische Erkenntnis, sei für Geldeliten letztlich billiger als zu teilen, soziale Gerechtigkeit fast schon ein Kampfbegriff, mit dem die Roboter demnächst jeden ersetzen, der zu teuer ist.