Ich lerne Sara Omar im Château de Lavigny kennen, einer alten Villa in einem kleinen Dorf in der französischen Schweiz. Am Tag vor ihrer Ankunft war sie noch auf einem Empfang bei der dänischen Königin, ihr Nachtflug hatte Verspätung, ihr Gepäck ist verloren gegangen. "Ich habe nur das, was ich am Leib habe." Sie lacht, als sie das sagt. Omar ist zierlich, sie ist schwarz gekleidet, hat manikürte Nägel, große dunkle Augen und langes schwarzes Haar. Die dänischen Medien nennen sie "woman in black". Auf dem Mittelscheitel prangt eine graue Strähne, wie bei der Heldin ihres Romans, der seit seinem Erscheinen ein ganzes Land elektrisiert.

Vor etwas mehr als einem Jahr war Sara Omar noch eine Studentin der Politikwissenschaften, die ein paar Gedichte veröffentlicht hatte. Sie verehrt persische Dichter, Rumi etwa, den Sufi-Mystiker: "Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eintritt." Das ist auch ihr Credo. "Ich glaube, dass wir Licht füreinander sein können", sagt sie.

Daniela Dröscher, Jahrgang 1977, schreibt Prosa, Theatertexte und Essays. Thema ihrer Arbeiten ist das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit sowie die Überlagerungen von Klasse, Kultur und Geschlecht. Im Herbst erschien der autobiographische Text "Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft" bei Hoffmann & Campe. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Stefka Ammon

Sara Omar hat viel erlebt. 1997 floh ihre Familie vor Saddam Hussein aus Südkurdistan, ihr Vater kämpfte in der Peschmerga-Armee. Nach einer Odyssee durch den Iran und Syrien fanden sie vier Jahre später in Dänemark Schutz. "Das Rote Kreuz hat das entschieden. Ich wusste nicht einmal, dass ein Land mit diesem Namen existiert." Da war Sara 15, ein Teenager. Mit 21 hat man sie gegen ihren Willen verheiratet. Über diese Zeit schweigt sie. Noch. Nur eines gibt sie preis. "Ich bin eine Mutter ohne ein lebendes Kind. Ich bin die Mutter eines toten Mädchens."

In Skandinavien steht Dødevaskeren (Dead Washer) seit dem Erscheinen im November 2017 auf den Bestsellerlisten. Schauplatz des Buches ist die kurdische Stadt Zamwa, heute Suleimanija oder Slemani. Hier wächst Frmesk ("Träne") heran, ein kleines Mädchen mit einer rätselhaften grauen Haarsträhne. Ihre Familie erachtet Frmesk von Geburt an als wertlos, einfach, weil sie ein Mädchen ist, kein Junge. Niemand beschützt sie (oder wagt es, sie zu beschützen), als ein religiöser Gelehrter, der dazu noch ein Verwandter der Familie ist, sie missbraucht.

Ich kenne lediglich die ersten 80 Seiten einer englischen Probeübersetzung – mehr waren noch nicht fertig, als ich sie traf. Erst die vollständige Übersetzung wird mir ihr Buch ganz erschließen. Aber schon die wenigen Seiten, die ich kenne, enthalten Bilder, die ich nie wieder aus dem Gedächtnis bekommen werde. Es ist ein gewalttätiges Patriarchat, das Sara Omar zeichnet. "Aber ich hätte diese Geschichte niemals erzählt, wenn ich nicht um die vielen hellen Seiten meiner Kultur und meines Glaubens wüsste."

Im Roman verkörpert diese helle Seite Frmesks Großmutter, Gawhar, ("Schatz"): eine gläubige Muslimin und Analphabetin. Sie lebt Frmesk vor, was es bedeutet, eine "mündige", selbstbestimmte Gläubige zu sein. Gawhar ist Totenwäscherin. Sie reinigt die Leichname der Frauen, die als entehrt gelten. Eine Arbeit, die wiederum selbst als unzüchtig angesehen wird. In ihrem Beharren auf der Würde der "gefallenen" Frauen wird Gawhar zum Vorbild für ihre Enkelin. Sie lehrt sie, was es bedeutet, die Anatomie des weiblichen Körpers besser zu verstehen: "Nicht jedes Mädchen, das noch Jungfrau ist, blutet in der Hochzeitsnacht."

Sara Omar nennt ihr Buch eine "Kampfschrift" gegen einen patriarchalen Islam. Sie selbst ist eine gläubige Muslimin. Die aber nicht betet; jedenfalls nicht für andere sichtbar. "Ich bete in meinem Herzen", sagt sie. Und: "Ich kenne meinen Koran von A bis Z. Ich lasse mir von niemandem vorschreiben, was darin steht." Ihr liebstes Beispiel ist das Kopftuch, das sie mit etwa 16 Jahren abgelegt hat. Sie ist keine Gegnerin des Kopftuchs, es gibt viele Gründe, eines tragen zu wollen, sagt sie. Aber, so fügt sie hinzu, "da steht: Es muss ein 'Schleier' zwischen Mann und Frau sein. Das bedeutet: Es muss eine Grenze zwischen den Geschlechtern geben. Einen – Respekt füreinander." Das Kopftuch ist also eine Erfindung des Patriarchats? Sie lacht. "Ja. Hätte Gott gewollt, dass Frauen immer ein Kopftuch tragen, kämen Mädchen mit einem Kopftuch auf die Welt." Eine andere Lieblingsstelle betrifft die Homosexualität. "Da steht, dass die Familie einverstanden sein muss mit dem Mann oder der Frau, den oder die eine Frau oder ein Mann wählt. Aber da steht nicht, welches Geschlecht der jeweils andere haben soll. Also – gibt es kein Verbot."

Seit fast einem Jahr muss Sara Omar sich gleich in drei Richtungen zur Wehr setzen: gegen religiöse Extremisten in Skandinavien, gegen konservative kurdische Medien und gegen die dänischen Rassisten, die versucht haben, ihr Buch für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Gegen Letzteres hat Omar sich in Videobotschaften verwahrt. "Unterdrückung, Kindesmissbrauch, Inzest und Gewalt sind ausnahmslos zu bekämpfen", sagt sie im Gespräch. "Sie existieren nicht allein in muslimischen Gesellschaften." Sie lasse nicht zu, sagt sie, dass die Opfer patriarchaler Gewalt erneut missbraucht werden: für die Agenda der Rechten, die in den Tragödien der Frauen und Kinder "sonnenbaden".

"Ich brauche gute Erinnerungen. Damit sie die schlimmen verdrängen"

Skandinavische Frauenrechtler*innen zeigen sich ebenso solidarisch mit ihr wie Menschenrechtsaktivist*innen. Der Imam ihrer Gemeinde hat mit seinen beiden Töchtern eine Lesung besucht. Tausende von Menschen kommen, um Sara Omar zu hören. Es ist unglaublich, was sie in Dänemark auslöst. "Das ist Literatur, die unsere Gesellschaft verändern kann", schrieb die Kritikerin Anne Sophia Hermansen. In den Gymnasien des Landes steht das Buch inzwischen auf dem Lehrplan. Es gibt Stimmen, die es zur Pflichtlektüre im dänischen Parlament machen wollen. Letztes Jahr durfte sie eine Silvesterrede im dänischen Fernsehen halten.

Diese mündlichen Botschaften sind ihr wichtig. Die meisten sind auf Kurdisch untertitelt. So kann sie auch von denjenigen Frauen und Mädchen gehört werden, die kein Dänisch verstehen oder lesen können. Und auch: von Männern. In einem ihrer Videos heißt es: "Ein ehrbarer Mann ist kein Mann, der Frauen und Kinder unterdrückt. Ein ehrbarer Mann ist ein Mann, der Frauen und Kinder mit Liebe und Loyalität begegnet." Einer ihrer größten Fans ist ein in Belgien lebender Muslim. Er hat sich öffentlich als einer jener Patriarchen bekannt, die Sara Omar beschreibt. Dødevaskeren habe ihn "bekehrt": Seit Erscheinen des Buches ist es seine Bibel, er nimmt es überallhin und lässt sich mit der schwedischen Ausgabe unter dem Arm fotografieren. Sara Omar zeigt mir die Bilder mit leuchtenden Augen.

Gerade ist sie dabei, ihr Buch ins Kurdische zu übersetzen. Einen Selbstverlag hat sie schon. 40 Millionen Kurd*innen gibt es weltweit, die große Mehrheit davon sind Frauen und Mädchen. Für die Analphabet*innen unter ihnen plant sie ein Hörbuch. "Mein Buch ist inspiriert von der Realität, aber die Realität gehört nicht allein mir, sie betrifft Millionen von Frauen und Kindern auf der ganzen Welt." Die Mädchen und Frauen aber finden oftmals keine Worte für die Gewalt, die sie erfahren, oder werden nicht gehört (eine viel diskutierte, obskure Kategorie in Dänemark ist der "ethnische Schmerz").

"Diese Frauen sind stark"

Wenn es nötig ist, sagt Omar, wird sie an jede Tür einzeln klopfen, hinter der eine kurdische Frau oder ein Mädchen verborgen lebt, und ihnen ihr Hörbuch vorspielen. Sie werde so lange an diese Türen klopfen, sagt sie, bis diese Frauen und Kinder erkennen, wie stark sie seien. "Ich habe Frauen erlebt, die neun, zehn, elf Kinder großziehen. Die nach Hausgeburten mit aufgerissenem Unterleib aufstehen, um Essen zuzubereiten und Hausarbeiten zu verrichten. Diese Frauen sind stark, nicht schwach. Sie brauchen nur jemanden, der ihnen das sagt." Die Mütter sind es, sagt Sara Omar, die den Zirkel der Gewalt durchbrechen können; indem sie aufhören, ihre Söhne und Töchter nach traditionellen Rollenbildern zu erziehen.

Beim Spaziergang durch die Schweizer Weinberge fotografiert Omar alles, was sie schön findet: sonnenbeschienene Weintrauben, Weinblätter, Wasserstellen, den See. "Manchmal ist es, als würde ich den Herzschlag von Ameisen hören." Und: "Erinnerungen sind alles, was ich habe. Ich brauche gute Erinnerungen. Damit sie die schlimmen verdrängen." Wir lachen viel und diskutieren im Gehen, und manchmal weinen wir. Sie selbst beschreibt ihre Geburt als Autorin als Verwandlung "von einem Schatten in ein menschliches Wesen". Wenn sie schreibt, bedeute das, ihre kaum verheilten Wunden zu öffnen. Auch deshalb bezeichnet der schwedische Psychoanalytiker und Journalist Finn Skårderud Sara Omars Literatur als posttraumatische Literatur.

Kein Tag ist seit dem Tag der Veröffentlichung vergangen, ohne dass sie über das Buch gesprochen hat. Wird es einen zweiten Teil von Frmesks Geschichte geben? Woran arbeitet sie? Sie lächelt. "Im Moment notiere ich meine Gedanken." Sara Omar träumt von einem Ort im europäischen Süden. Ihr Körper brauche Wärme, sagt sie, er sei nicht kompatibel mit der skandinavischen Kälte. Wir überlegen zusammen und spinnen herum: Griechenland, Spanien, Portugal? Und als wir das tun, ist Omar für einen kurzen Moment einfach eine junge Frau mit einer Schwäche für Kekse, Sonne und Salat.

Sara Omar geht es nicht um Ruhm. Ich spüre an ihr keinerlei Dünkel. Sie kann mit den Obdachlosen auf Dänemarks Straßen genauso unbefangen reden wie mit der dänischen Königin. Darin, in dieser sozialen Beweglichkeit, liegt ihre Kraft.

Das Geld, das sie mit Dødevaskeren verdient, nutzt sie, um gemeinsam mit vertrauenswürdigen Organisationen kurdische Frauen und Kinder zu unterstützen. Ob sie vorhat, selbst eine Organisation zu gründen? Eher nicht. "Ich bin selbst wie eine kleine Organisation", sagt sie.

Was sie von den Menschen in der westlichen Welt fordert, ist: genauer hinzusehen. Die muslimischen Frauen und Mädchen wahrzunehmen, die hier wie Unsichtbare leben. Sie anzusprechen, ihnen Hilfe anzubieten, falls sie Hilfe brauchen, doch ohne sie zu bemitleiden oder ihren Glauben generalisierend zu kritisieren: "Viele muslimische Familien in Europa leben einen reformierten Glauben."

Was würde Sara Omars Buch in Deutschland auslösen? Auf welche Wunden unserer Gesellschaft würde ihr Licht fallen? Wie viele Frauen und Mädchen würden ihre Lesungen besuchen? Und wie viele Patriarchen würde ihre Literatur wohl "bekehren"?