In einem Kapitel mit dem dröhnenden deutschen Titel "Arbeit macht frei" holt Stanley am Ende seines Buches zum Schlag gegen die neoliberale US-Ideologie der "hard working people" aus, deren Ursprung er in der Ideologie eines Rechts des Stärkeren erkennt, die aus dem frühen 20. Jahrhundert stammt. Auch wenn sich der ökonomische Libertarismus in den USA nicht wie der Faschismus primär auf die Konstruktion einer fest gefügten Wir-Gruppe konzentriere, sondern vielmehr den Individualismus betone, sei er nichts weiter als das "New Yorker Dinnerpartygesicht des Sozialdarwinismus".

In einer Demokratie, erinnert Stanley in entwaffnender Lakonie, sollten nicht nur "hart arbeitende" Menschen die gleichen Rechte haben. Die Idealisierung eines Kampfs ums Überleben auf dem freien Markt zwecks Aussortierung nutzloser Esser spiegelte sich laut Stanley schließlich bereits in Adolf Hitlers Angriffen auf die Gewerkschaften wider. Der Autor erinnert nicht zuletzt an die sich ökonomisch rational gebende Politik der Eliminierung "lebensunwerten Lebens" in der sogenannten Aktion T4, nach deren Ende im "Dritten Reich" insgesamt über 200.000 behinderte Menschen vergast worden waren. Es wäre zu ergänzen, das dies im NS-Deutschland der logistische Probelauf für die industrielle Vernichtung von sechs Millionen europäischer Juden war.

Im Epilog seiner Studie erklärt Stanley den Pessimismus seiner jüdischen Mutter, die wie sein Vater den Zivilisationsbruch der Vernichtung der Juden in Europa durchstehen musste, zur grundlegenden Inspiration seines Buches. Der Autor schreibt aus der Perspektive eines Sohnes jüdischer Schoah-Überlebender. Stanleys Ausführungen beruhen auf den Erfahrungen seiner Eltern und seiner Großmutter Ilse Stanley, die den Horror des Antisemitismus während des "Dritten Reiches" in Deutschland, aber auch im Polen der Nachkriegszeit erlebten, bevor sie als Flüchtlinge nach Amerika kamen. Ihre kritische Perspektive ist es, aus der ihr Nachkomme gegen die historisch vielfach beobachtete gesellschaftliche Tendenz anschreibt, das einst Undenkbare schnell als Alltäglichkeit wahrzunehmen und so sorglos auf den Abgrund zu zulaufen – sowohl auf Täter- als auf Opferseite.

Das Undenkbare wird alltäglich

Eine solche Normalisierung ermögliche die Tolerierung des einst Untolerierbaren und erwecke den Eindruck, der Status quo repräsentiere lediglich Verhältnisse, die schon immer so und nicht anders gewesen seien, schreibt Stanley. Was noch vor Kurzem zu einem Aufschrei der Empörung führte oder undenkbar wirkte, wird unter der pausenlosen Wiederholung propagandistischer Behauptungen über die Gefährlichkeit von "Fremden" und der schrittweisen Verschärfung faschistischer Politik schnell zur akzeptierten Realität. Genau das ist es, was den Faschismus so gefährlich und seine Vollendung in der Vernichtung dämonisierter Anderer erst möglich macht.

Stanley verweist nicht zuletzt darauf, wie mühelos sich diese Mechanik des Genozids seither weltweit in unterschiedlichen Abstufungen und Abwandlungen in verschiedenen Teilen der Welt wiederholen ließ, etwa 1994 bei dem Völkermord in Ruanda und zuletzt mit den nach wie vor ungesühnten beziehungsweise andauernden Massakern und Vertreibungen in Myanmar. Alle diese Vergleiche verstellen bei Stanley aber eben nicht den Blick auf den Holocaust. Sein Buch ist randvoll mit alarmierenden Parallelen zwischen aktuellen Auswüchsen rechtsextremer Politik in Deutschland, der Schweiz, Ungarn, Polen, der Türkei, Indien, den USA und den schrittweisen Ausgrenzungsstrategien des Nationalsozialismus.

Vielleicht aber ist das Erstaunlichste an dieser entschlossenen Philippika gegen die neuen Faschismen unserer Zeit – wie knapp und kurz sie ist. Jason Stanley hat ein für Laien leicht zugängliches, mal persönliches, mal polemisches, stets gut fundiertes und transparent argumentierendes Buch geschrieben, mit dem sich der Philosoph als kritischer politischer Denker unserer Zeit einem Massenpublikum anempfiehlt. Es besteht keinerlei Anlass, deswegen die Nase zu rümpfen. Deutschsprachige Akademiker können anhand dieses luziden Textes vielmehr lernen, wie das gehen könnte: einfach zu schreiben, ohne dadurch Abstriche bei der intellektuellen Komplexität machen zu müssen.