Vorab eine kleine Entschuldigung: Das Buch ist aus der vergangenen Saison. Die Literaturkritik, auf der Suche nach neuen Sensationen, ist schon längst wieder woanders, so gesehen ist dieser Text spät dran. Doch vielleicht wiegt das peinliche Eingeständnis, ein Buch verschlafen zu haben, weniger schwer, wenn das Buch selbst vom Verschlafen handelt. Ottessa Moshfeghs Roman Mein Jahr der Ruhe und Entspannung beginnt nämlich damit, dass eine überaus reiche und überaus schöne New Yorkerin beschließt, sich ein Jahr lang von Psychopharmaka und Schlafmittel zu ernähren (zwischendurch auch Hustensaft). Es endet damit, dass zwei Flugzeuge in die Twin Towers des World Trade Centers fliegen.

Dazwischen verliert die Erzählerin ihren Job in einer Galerie, wo Künstler ihre läppische Aktionskunst zeigen. Sie besorgt sich bei einer obskuren Psychiaterin mehr und mehr Tabletten, die fortan meist ihre einzige Gesellschaft sind, sie dämmert auf dem Sofa und schaut Filme mit Whoopi Goldberg oder "zwölf Mal nacheinander Air Force One". Ihre Mutter hat sich umgebracht, ihr Vater ist an Krebs gestorben, hin und wieder kommt ihre neurotische Freundin Reva vorbei. Viel mehr passiert nicht. Was vielleicht klingt wie eine popliterarische Affäre zwischen Graf Oblomow und Dornröschen vor schicker Manhattankulisse wird auf mehr als 300 Seiten zu einem der sonderbarsten Romane der vergangenen Monate.

Die 1981 geborene Ottessa Moshfegh gilt in den USA bereits vielen als der größte Star einer neuen Generation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Ihr voriges Buch stand auf der Liste des Man Booker Prize. Selbst der sonst eher vornehme New Yorker vergaß kürzlich einen Moment lang seine Zurückhaltung und widmete ihr ein zuweilen recht verliebtes Porträt.

Megatonnen an Weltekel

Es ist verblüffend, was Moshfegh in ihrem nunmehr dritten Roman offenbar mühelos gelingt. Wie sie in oft nur wenigen Zeilen eine soziale Taxonomie der New Yorker Upperclass erstellt. Wie ihre Erzählerin anfangs mit präziser Garstigkeit und Komik die Männer beschreibt, die sich in Manhattans Kunstgalerien herumtreiben ("Er hatte kaum Bartwuchs und roch wie ein Kaufhaus.") und Oberschichtenzicken mit ihren Diätlimos und ihren High Heels, die aussehen wie "tote Krähen". Ihren Ennui und ihre Megatonnen an Ekel kann die Erzählerin jedoch bald nur noch im erschlafften Sprechblasenton ausdrücken: "Mir geht's gerade nicht so gut." Mit der Daseinsverweigerung der Figur kommt das Verstummen. "Anfangs wollte ich nur ein paar Downer, um meine ewig kritischen Gedanken zu ersticken", sagt Moshfeghs Erzählerin, schon bald geht es darum, "völlig zu verschwinden".

Wollte man diesen Roman lediglich an seinem aktuellen, politischen Gehalt messen, käme man vermutlich nicht sehr weit. Als Massageprosa für sozialmüde Millennials taugt er letztlich ebenso wenig wie zur literarischen Illustration zeitgenössischer Geschlechts- oder Körperdebatten – selbst wenn die Erzählerin ("Ich sah aus wie ein Model, das gerade mal freihat") sich andauernd über die Dressur des eigenen früheren Körpers lustig macht.