Es beginnt mit einem Geständnis: Ich habe den neuen Roman von Michel Houellebecq nicht gelesen, und ich werde es auch nicht tun. Schon seine letzten Bücher waren nichtssagende Thesenromane, stilistisch allenfalls mittelmäßig. Die Strategie, Versatzstücke unappetitlicher Ideologien anzudeuten, um sich dann hinter fiktiven Figuren zu verstecken, aus deren toten Augen der reale Autor ständig ironisch zu blinzeln scheint, besaß, wenn überhaupt, um die Jahrtausendwende noch ein mildes Irritationspotenzial. Die Figur des Provokateurs, dessen Spiel mit dem Hässlichen und Verbotenen einen wohligen Grusel erzeugt, ist schlecht gealtert, sie diente vielleicht schon damals vor allem dazu, sich gefahrlos am Habitus intellektueller Verdorbenheit zu beteiligen. Dazu gehört auch die öde Drastik trauriger Sexualität. Spätestens nach der dritten Wiederholung wirkt sie verstaubt und beflissen.

Trotzdem wird der neue Houellebecq mit deprimierender Verlässlichkeit verkauft, gelesen, besprochen – kontrovers zwar, aber immer auch mit dem unterschwelligen Enthusiasmus über einen Autor, der Kontroversen zu erzeugen vermag. Es handelt sich um einen Fall, in dem die Tyrannei des Konzepts Skandalautor besonders augenfällig wird. Man liest den neuen Roman dieses Autors eben nicht nur in der Hoffnung auf ein gutes Buch, sondern vor allem, weil die Lektüre eine Eintrittskarte zu dem Gespräch ist, das mit Sicherheit über dieses Buch geführt werden wird. Man liest, um mitreden zu können, und ist dann verärgert über den Energieverlust, der damit einhergeht. Ein Beispiel ist die Kontroverse um Takis Würgers Roman Stella. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass hinter dieser Debatte, die mit offensichtlichem Gusto geführt wurde, immer wieder auch Trauer über die verschwendete Lebens- und Lesezeit aufschien.

Diese Trauer gehört zur Geschichte des Literaturskandals. Sie ist verbunden mit dem Ärger darüber, auf eine aufmerksamkeitsökonomische Maschine hereingefallen zu sein – eine Maschine, die durch die sozialen Medien ständig betankt wird und die uns dazu verleitet, ein Ereignis und nicht ein Buch zu konsumieren –, ein Ärger, der sich in regelmäßigen Polemiken gegen die Eventisierung und Skandalisierung der Literatur Luft macht. Allerdings sind diese kulturkritischen Interventionen selten ein wirksames Mittel gegen die Umstände, die sie kritisieren. Dafür sind Skandale als feuilletonistische Narrative zu verführerisch. Im Gegensatz zur textnahen Einschätzung eines literarischen Werkes erzeugen sie zuverlässig große Aufmerksamkeit und verleihen dem Gegenstand (der Literatur) den Anschein von Relevanz. Die Klage darüber, dass das Drama des Krawalls, den ein Buch auslöst, das komplexere, weniger verdauliche Drama etwa der literarischen Handlung überdeckt, gehört zum Spiel feuilletonistischer Komplizenschaft. Auch im erhabenen Gestus der Medienkritik ist man an der Aufmerksamkeit beteiligt, die das Ereignis erzeugt.

Ein Vollständigkeitsfetisch

Eine Möglichkeit, sich diesen Mechanismen zu entziehen, wäre die ostentative Nichtlektüre, ein offenes Eingeständnis, dass man ein Buch nicht lesen wird. Der Provokation, die unsere Lesezeit beansprucht, wird die Provokation des Nichtlesens als Verweigerung dieser Zeit entgegengestellt. Eine solche strategische Indifferenz wäre eine Möglichkeit, die Herrschaft darüber zurückzugewinnen, welche Bücher man lesen und welchen man Aufmerksamkeit schenken möchte. Allerdings kann das Nichtlesen sein emanzipatives Potenzial erst entfalten, wenn kulturelle Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Denn obwohl das Nichtlesen, das Querlesen, das Halblesen zum Alltag jeder Leserin und jedes Lesers gehören, ist es nach wie vor eine Art soziales Tabu. Noch schädlicher für den sozialen Status als das Lesen der falschen Bücher erscheint das Garnichtlesen, weswegen das Nichtlesen auch in den meisten Fällen mit Zerknirschtheit auftritt, verbunden mit dem verschämten Versprechen des Nochlesenwollens.

So würde man normalerweise im Fall eines nicht gelesenen Buches, über das viel gesprochen wird, auf eine Kulturtechnik zurückgreifen, die mit der Zeit wohl jede routinierte Leserin und jeder routinierte Leser beherrschen lernt und die im Titel eines Buches des französischen Autors Pierre Bayard pointiert benannt wird: Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat. Bayards satirischer Ratgeber bezieht seinen Humor vor allem aus der Tatsache, dass unsere Kultur, was das Lesen von Literatur angeht, unter einem Vollständigkeitsfetisch leidet. Die herrschende Illusion ist, dass man alles gelesen hat (oder zumindest im Begriff ist, es zu tun).

Lesezeit ist eine knappe Ressource

Was aber, wenn man, anstatt über ungelesene Bücher zu sprechen, offen darüber sprechen würde, welche Bücher man nicht lesen wird? Jeder Versuch, das Nichtlesen zu kaschieren, reproduziert ja den Anspruch, den aufdringlich sichtbare Bücher auf unsere Aufmerksamkeit erheben. Am Ende liest man dann doch wieder nur die Bücher, über die alle reden, um sich beim Mitreden nicht zu blamieren. So stolpert man während der Auswahl der eigenen Lektüre von einem Buchereignis ins nächste. Offenes Nichtlesen wäre eine Möglichkeit, diesen Mechanismus zu unterbrechen und dabei auf den doch allen bekannten Umstand aufmerksam zu machen, dass das Lesen von Literatur zeitökonomischen Zwängen unterliegt. Jedes Buch, das wir lesen, verweist auf ein Buch, das wir nicht gelesen haben. Es gehört zu den traurigen Erkenntnissen jeder Lesebiografie, dass man im Verlauf eines Lebens nur einen Bruchteil all dessen, was veröffentlicht wurde und was veröffentlicht wird, tatsächlich lesen kann.

Das offene Nichtlesen macht aus zeitökonomischen Bedenken einen kulturpolitischen Akt. Wir erkennen an, dass Lesezeit eine knappe Ressource ist, über die wir verfügen und die wir selektiv vergeben können. Der Habitus der Allbelesenheit wird dann ersetzt durch einen Habitus des informierten Nichtlesens. Es handelt sich um eine Kulturtechnik, die etwa im Rahmen der politischen Revision des Kanons bereits – wenn auch oft unausgesprochen – praktiziert wird. Wenn man fordert, dass mehr Bücher von Mitgliedern marginalisierter Gruppen gelesen werden sollen, heißt das zwangsläufig, dass man weniger Bücher von weißen Männer lesen kann. Auch in diesem Zusammenhang wäre ein offenes Bekenntnis, dass man einem zu Unrecht gelesenen Werk die Lektüre verweigert, effektiver als der Verweis auf zu Unrecht ungelesene Werke.

Nichtlesen als kulturpolitischer Akt

So enthält die Forderung, mehr Bücher von Mitgliedern marginalisierter Gruppen zu lesen, zwangsläufig auch die Forderung, weniger Bücher von weißen Männer zu lesen. Da Nichtlesen aber nach wie vor mit dem sozialen Stigma mangelnder Belesenheit verbunden ist, werden diese naheliegenden Folgen einer Umgestaltung des Kanons selten offen ausgesprochen: Wir werden nie die Zeit haben, alles zu lesen, und deshalb müsste für jedes Buch einer Frau, das in den Kreis bedeutender Werke aufgenommen wird, ein Buch eines Mannes entfernt werden. In diesem Zusammenhang ist der Verweis auf zu Unrecht ungelesene Werke fast weniger effektiv als das offene Bekenntnis, dass man einem zu Unrecht gelesenen Werk die Lektüre verweigert.

Literarische Ereignisse wie Skandale, Kontroversen oder aggressive Marketingkanonaden üben einen ähnlichen Druck auf unsere Lesegewohnheiten aus wie der herrschende Kanon. Nichtlesen ist auch in diesem Fall ein kulturpolitischer Akt, um medialen Zwangsmechanismen zu entgehen. Dafür muss eine Form der Wachsamkeit entwickelt werden, die Anzeichen dafür, dass es sich um ein Ereignisbuch handelt, erkennt, bevor kostbare Lesezeit investiert wurde. Zu diesen Anzeichen gehört, wenn in der Vorberichterstattung die Autorin oder der Autor und nicht das Werk in den Mittelpunkt gestellt wird. Müssen wir vermuten, dass uns eine große Persönlichkeit präsentiert werden soll, die einen breiten Schatten auf ein schmales Werk wirft? Auch Nachrichten aus dem Bereich des literaturbetrieblichen Hochleistungssports, beispielsweise das Gemunkel über märchenhafte Vorschüsse oder riesenhafte Auflagenzahlen, sind Warnzeichen.

Schließlich muss ein Instrumentarium entwickelt werden, um sich dem Sog der bewussten Provokation zu entziehen. Es gibt auch in dieser Hinsicht Erfahrungswerte: Hat der Autor die Angewohnheit, Menschen aus seinem Umfeld gegen deren Willen in seine Romane zu zerren? Hat er eine Vorliebe für Normverstöße in Bezug auf die Darstellung von Sex, Gewalt oder Politik? Pflegt er eine Autoreninszenierung, die sich durch wilde Gebärden und lautes Krakeelen auszeichnet? All das sind deutliche Zeichen dafür, dass die Qualität der Texte in keinem Verhältnis stehen wird zu dem Geräusch, das um sie gemacht wird. Man könnte sagen, je lauter dieses Geräusch, desto mehr erscheint die Geste des offenen Nichtlesens gerechtfertigt.

Weniger Lärm

Ein solches Plädoyer für Indifferenz ist kein Plädoyer für Ignoranz. Die Debatten, die um kontroverse Bücher und Autorinnen oder Autoren geführt werden, sollten natürlich weiter aufmerksam verfolgt werden, gerade weil es genug Bücher gibt, die gegen ethische und ästhetische Grundsätze verstoßen. Allerdings stellt sich die Frage, ob man einem Buch, das es bereits darauf anlegt, ein Ereignis zu werden, nicht eher gerecht wird, indem man das Ereignis konsumiert und nicht das Buch.

Die eingesparte Zeit kann man dann den Büchern widmen, deren Funktion sich nicht darin erschöpft, ein Schlachtfeld für die Austragung literarischer Kämpfe zu sein. Vor allem geht es darum, das Tabu zu überwinden, über ein Buch zu urteilen, das man nicht gelesen hat, denn das offene Nichtlesen würde ja auf einem solchen Urteil beruhen. Offenes Nichtlesen ist der Ausdruck eines informierten Vorurteils, das sich an der Lautstärke orientiert, mit der nach unserer Aufmerksamkeit geschrien wird. Anstatt aber dem Lärm eines Buchereignisses hinterherzulaufen, flüchtet das Nichtlesen vor diesem Lärm.

Die Kulturtechnik wird damit auch einer Verantwortung gerecht. Buchereignisse funktionieren nachfrageorientiert. Wenn man bedenkt, dass sie nur deshalb Erfolg haben, weil es genug Leserinnen und Leser gibt, die einem Buch ihre Aufmerksamkeit schenken, wenn es sich um ein Ereignisbuch handelt, dann wäre es Aufgabe einer Ethik des Nichtlesens, Regeln aufzustellen, die diese Mechanismen unterlaufen. Wer in diesem Sinne offenes Nichtlesen betreibt, begreift sich als Teil eines Kollektivs, dass die Verteilung von Aufmerksamkeit steuert. So ließen sich auch die Nachteile der sozialen Medien, die skandalisierenden Strategien Auftrieb verschaffen, umkehren. Auf Twitter und Facebook finden die einzelne Leserin und der einzelne Leser die Öffentlichkeit, die das offene Nichtlesen überhaupt erst möglich macht. Eine Stellungnahme der Nichtlektüre wäre dann Ausdruck einer weithin sichtbaren Indifferenz.

In einer solchen Ethik des Nichtlesens deuten sich auch die Konturen einer allgemeinen Medienethik der Verweigerung an. In einer Medienöffentlichkeit, die immer mehr von Strategien der Skandalisierung und Polarisierung beherrscht wird, in der in immer schnellerer Abfolge eine Causa nach der anderen um unsere Aufmerksamkeit buhlt, geraten die wirklich relevanten Probleme und Fragen zuweilen aus dem Blick. Eine Form des Medienkonsums, die sich dem ein oder anderen Skandal verweigert, würde den Kräften, die davon profitieren, einen Teil ihrer Macht entziehen und sich bewusst die Möglichkeit offenhalten, danach zu fragen, was die relevanten Probleme eigentlich sind, die unsere Aufmerksamkeit verdienen.