Die heile Welt ist eine Illusion. Es gibt sie nicht, nicht einmal in Liebesromanen oder ZDF-Romanzen. Selbst dort finden sich Schicksalsschläge, Trennungen und Konflikte. Aber sie sind manchmal heilbar, zum Beispiel in den Geschichten von Rosamunde Pilcher. In der Nacht vom 6. Februar ist die Schriftstellerin im Alter von 94 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Wir als Leser verdanken ihr die Hoffnung auf Genesung.

Ihren ersten großen belletristischen Erfolg feierte Pilcher 1987 mit der Familiensaga Die Muschelsucher. Sie war damals schon 63 Jahre alt. Solange ich mich erinnern kann, war sie da, im Bücherregal meiner Oma, im Fernseher meiner anderen Oma, als Liebesromanlegende an der Uni Hildesheim, wo ich mich gegen Dostojewski und Jelinek und für Trivialliteratur entschied. Rosamunde Pilcher war der Leuchtturm im Küstennebel des Literaturbetriebs, in dem ich kleines Kitschlicht auf der Suche nach einer Identität herumstocherte. Es ist ein weites Feld, dieser Nebel, in dem Kitsch allzu oft verachtet und dazu benutzt wird, um sich über andere zu erheben. "Das Grottigste aller Genres ist der Liebesroman", hat der Literaturkritiker Denis Scheck einmal gesagt. Rosamunde Pilcher hingegen hat die Unterscheidung zwischen Hoch- und Trivialliteratur abgelehnt.

Anna Basener, geboren 1983, schreibt Romane und Hörspiele. Sie war die jüngste Groschenheftautorin Deutschlands und moderiert den Adelspodcast "GALA Royals". Im Januar 2019 ist ihr zweiter Roman "Schund und Sühne" bei Eichborn erschienen. © Jens Oellermann

Die Muschelsucher hat sie fünf Millionen Mal verkauft, und es gibt wohl kaum eine andere Autorin, deren Erzählungen fürs deutsche Publikum so zahlreich verfilmt wurden wie ihre. 140 ihrer Werke sind es, meistens waren ihre Kurzgeschichten Vorlage. Es heißt, das ZDF schicke einmal im Jahr einen Hubschrauber in den Himmel Cornwalls und mache dann in einem Rutsch die kompletten Luftaufnahmen für alle anstehenden Pilcher-Produktionen: Die Traumlandschaft ist mehr als eine Kulisse für die herzbewegenden Liebesgeschichten, sie ist eine Entschuldigung dafür, am Sonntagabend einschalten zu dürfen. Nur die ganz Mutigen geben zu, dass sie Pilcher schauen, und die meisten brauchen dafür Cornwall. Die südenglische Grafschaft an der Küste ist wie diese hochwertigen Lesestücke im Playboy, wegen derer Männer das Magazin kaufen. Pilcher wurde 1924 in Cornwall geboren. Beschrieben hat sie ihre Heimat immer wieder vor allem wegen des Lichtes, das nirgendwo so sei wie dort.

Im ZDF wurde Rosamunde Pilcher zur Marke für Liebesgeschichten. Kitsch und Happy End in der Oberschicht? Ohne sie nicht denkbar. Sie erzählt von Ackerland, das ernteschwer im Sonnenschein mit schwellenden Früchten brütet, von Holzhäusern, die in der Hitze vor sich hin dösen und rösten, grau und staubig wie aufgespießte Falter. In der Hochliteratur hätten die starken Verben mehr als gereicht, aber Pilcher stellte ihnen Adjektive und Vergleiche zur Seite. Warum sollen die armen Verben auch alles allein machen? Ist doch niemand gern allein.

Und wenn Rosamunde Pilcher schon die Landschaft in Ende eines Sommers in den herrlichen Farben der Trivialliteratur malt, müssen die Liebesszenen natürlich ein Feuerwerk der Wie-Wörter sein. Kitsch ist schließlich berechenbar, nicht wahr? In Wilder Thymian befinden sich Viktoria und ihr Kavalier John in einem unbewohnten Herrenhaus. Die Möbel sind abgedeckt, der Kamin ist unbeheizt. Victoria trägt ein dünnes Kleid und fröstelt, was John nicht verborgen bleibt. Also zieht er den Staubschutz von einem der Stühle, legt ihn ihr um die Schultern und setzt sich neben sie. Es ist der Beginn einer großen Liebe, von Pilcher auf den Punkt gebracht: "Seine Nähe war ebenso wohltuend wie der Schonbezug, den er ihr umgehängt hatte, und nach einer Weile fror sie nicht mehr."

Gerade hat das ZDF "Die Muschelsucher" mit Maximilian Schell (rechts) und Maisie Dimbleby verfilmt. © Bill Kaye/ZDF/dpa

Rosamunde Pilcher war kein romantischer Mensch, sie konnte nicht gut mit Gefühlen umgehen. Wenn ihr Sohn sie zur Begrüßung auf die Wange küssen wollte, drehte sie den Kopf weg. Sie habe in ihrem Leben mehr gebügelt als geliebt, hat sie oft gesagt. Schreiben war ihr wichtiger als die Familie. "Ich wäre eine schlechte Mutter, wenn ich nicht schreiben würde, ich wäre frustriert und gelangweilt", sagte sie in der ZDF-Doku Lebensbilder. Mehr als 60 Millionen Bücher hat sie verkauft, ihr Name ist ein Romanzen-Franchise, aber um Romantik ging es ihr gar nicht. Sie wollte bloß über das Leben und Beziehungen zwischen Menschen schreiben. Vielleicht war sie deshalb so erfolgreich. Weil sie sich nicht für das Genre interessiert hat, sondern für ihre Figuren. In Die Muschelsucher beschreibt sie jede Mahlzeit, jedes Haarebürsten ihrer Hauptfiguren – vielleicht wäre der Roman besser, wenn er ein paar hundert Seiten kürzer wäre. Andererseits wären wir dann um viele schöne Adjektive gebracht.

Sex hat Rosamunde Pilcher nie explizit dargestellt, ihn in Worte zu fassen fand sie fade. Sie deutet in Die Muschelsucher milchweiße Brüste an. Ich hätte gern eine heiße Liebesszene aus ihrer Feder gelesen. Wenn schon das Ackerland brütet und die Holzhäuser rösten, was soll dann nur mit diesen milchweißen Brüsten geschehen … Oder wären sie etwa am Ende genau so prosaisch berührt worden wie Victorias bibbernde Schultern? Leider werden wir es nie erfahren.

Literatur, die einen mit Fragen anstatt mit Antworten zurücklässt, ist große Literatur. Und es gibt bestimmt grottige Liebesromane, es gibt schließlich auch miserable Krimis oder grauenvolle Hochliteratur. Nur eben nicht von Rosamunde Pilcher.