Das ganze Unglück begann damit, dass Dimitri ein Lenin-Porträt aus dem Fenster des Schulzimmers geschmissen hat. So berichtet es Sascha, der Ich-Erzähler des Romans Du bist in einer Luft mit mir von Ruska Jorjoliani. Sascha ist zu Beginn des Romans ein alter Mann, der Bibliothekar des Provinzkaffs Miroslaw, der sich an früher erinnert. Die Familiengeschichte, die er erzählt, reicht weit zurück bis in Zaren- und dann Sowjetzeiten.

Saschas Vater Viktor hatte seinem Schachpartner Dimitri einst die Stelle als Lehrer an der Grundschule von Miroslaw verschafft. Doch dann hat Viktor den zunehmend staatskritischer werdenden Dimitri denunziert – wegen des aus dem Fenster geflogenen Lenin-Bildes, das zwischen solchen von Tschechow und Turgenjew gehangen hatte. Ein ordentlich direkter, schön grotesker Protest, der kaum verborgen bleiben konnte. Und der in den Verrat durch den Freund mündete, der womöglich nur geschah, weil Viktor ein Verhältnis mit Dimitris Frau Schoschana hatte. Viktor jedenfalls nahm dann Schoschana und Kiril, den Sohn des durch Viktors Schuld ins sibirische Lager verschleppten Dimitri, in die eigene Familie auf. Kiril und Sascha waren von nun an "Brüder" und wuchsen gemeinsam auf.

Eine komplexe, allzu menschliche Geschichte, könnte man meinen und einen schwerblütigen "russischen" Roman erwarten, zumal dessen Titel ein Zitat ist aus einem Liebesgedicht von Boris Pasternak. Doch Joriolianis Buch ist zwar seelenvoll, aber formal leichtfüßig. Lenins überraschender Fenstersturz ist das passende Bild für die einfallsreiche Ästhetik des Texts. Jorjoliani unternimmt assoziative Themensprünge, wechselt Zeiten wie Perspektiven, schiebt Briefe ein oder Kapitel, die nur aus Worterklärungen zu bestehen scheinen – und trotzdem schafft sie es, dass ihr Roman nicht chaotisch wirkt, sondern souverän und elegant. Mal todtraurig, mal amüsant, lässt Ruska Jorjoliani das russische 20. Jahrhundert bis in die Neunzigerjahre hinein wiederaufleben, immer wieder versetzt mit ironischen Seitenblicken auf die klassische russische Literatur.

"Und wenn er als Dichter geboren wird?"

Was sich vielleicht auch damit  erklärt, dass dies ein italienischer Roman einer Georgierin ist: Ruska Jorioliani wurde 1985 im Kaukasus geboren, ist aber bereits in ihrer Kindheit immer wieder in Italien gewesen und lebt seit 2007 in Palermo, wo sie Philosophie studiert hat; als Kind musste sie gemeinsam mit den Eltern aus dem Kaukasus fliehen. Du bist in einer Luft mit mir, ihren Debütroman, hat sie dann tatsächlich auf Italienisch verfasst. 

Jorjolianis Figuren blicken auf die Welt mit sarkastischem Humor, und der ist so lebendig wie der Text selbst. Als Schoschana noch mit Kiril schwanger ist, bedeutet sie Dimitri ohne nähere Angabe von Gründen, sie müsse abtreiben: "Oh Dima, es gibt keinen anderen Ausweg!" Dimitri aber entgegnet: "Und wenn er als Dichter geboren wird?" Also bleibt Kiril am Leben und will später selbstverständlich Dichter werden.

Immer wieder wechseln in Du bist in einer Luft mit mir Stile und Tonlagen, fällt sich der Text selbst ins Wort. Was ärgerlich wirken könnte, ist hier jeweils nur ein neuer Reiz im feinsinnigen Erzählspiel der Autorin. Ganz offensichtlich hat sich Jorjoliani vom romantischen Roman und der "romantischen Ironie" beeinflussen lassen.

Schon der Anfang des Romans ist ein Wagnis, er beginnt mit einer Notiz des Ich-Erzählers – zur Langeweile. "Seit Ewigkeiten kämpfe ich gegen die Langeweile, wie der Stein einer alten, moosbewachsenen Mühle, die nur noch ihren Träumen von Wasser nachhängt." Sollte einem als Leserin oder Leser das Bild gefallen, wird man gleich darauf vom Erzähler informiert: "Ich bin so gelangweilt, dass ich keine besseren Metaphern finde." Das Thema wird, noch immer auf der ersten Seite, ausgebaut: "Was, wenn mir eines Tages auch dieser Kampf gegen die Langeweile langweilig werden sollte?"

Jetzt ist es aber genug, denkt man. Und merkt doch, dass Jorjoliani genau weiß, was sie mit ihren Leserinnen und Lesern macht. Der nächste Satz lautet: "Hör schon auf, alter Witzbold, lass deinen absurden, flirrend blauen Federschopf sinken, stopfe das Guckloch über dem Abgrund ein für alle Mal zu und begieße die Sache mit einem Schluck Wodka." Literatur und Schnaps, eines der ältesten russischen Klischees. Prompt heißt das zweite Stichwort "Klischee".

Die Angst vor Schlingen und Seilen

Das ist ein großer Spaß. Beeindruckend wird Du bist in einer Luft mit mir dann aber vor allem dadurch, wie gut Jorjoliani Stimmungen zu mischen versteht. Dimitri hat seinen Großvater zum Beispiel einmal im Schuppen mit einem Seil hantieren gesehen und dachte sich bis zu einer späteren Entdeckung nichts dabei. Eine Weile spielt der Text mit Dimitris Angst vor Schlingen und Seilen, macht sich lustig darüber. Nichts geschieht. Bis gegen Ende klar wird, dass Kiril, der Sohn und Dichter, sich aufgehängt hat, lange nachdem Dimitri gestorben ist.

Um Kirils Mutter Schoschana die zweite Trauer zu ersparen, hat Sascha, der damals noch junge Bibliothekar, Kiril ganz einfach weiterleben lassen: Sascha hat Schoschana einfach ein paar Briefe geschrieben. Er ist nicht nur der Erzähler dieser Familiengeschichte. Er ist in Teilen auch ihr Erfinder. Die Fiktion, so lässt sich das lesen, kann auch für fiktionale Figuren ein Schutzraum sein.

Ruska Jorjoliani: "Du bist in einer Luft mit mir." Aus dem Italienischen von Barbara Sauser. Edition Blau im Rotpunkt Verlag, 2018, 216 S., 22 Euro.