Am Abend des 20. Juli 1969 sitzt eine Gruppe von Menschen vor einem Farbfernseher in der Peripherie von Köln: Herr und Frau Ahrens mit dem elfjährigen Sohn Tobias; Herr und Frau Leinhard mit ihrer Tochter Rosa, die ein gutes Jahr älter ist als Tobias. Dazu dessen Onkel und Tante. Sie blicken auf den Bildschirm und warten darauf, dass das Raumschiff Apollo 11 sich dem Ziel seiner Mission nähert: der Mondlandung. Alle sind sie nervös, wenn auch möglicherweise, wie sich später herausstellen wird, aus unterschiedlichen Gründen. Die Männer rauchen ununterbrochen; Herr Ahrens Stuyvesant mit Filter, Herr Leinhard Gitanes ohne, und schon mit der Wahl ihrer Zigarettenmarken ist im Grunde fast alles über die beiden Männer gesagt.

Aber eben auch nur vermeintlich. Denn so einfach Ulrich Woelks neuer Roman an der Benutzeroberfläche daherkommt, so komplex sind die Spannungsverhältnisse und vor allem die inneren Widersprüche, die darunter liegen. Woelks Roman tarnt sich als nostalgischer Bilderbogen aus der Blütezeit der in die Liberalität aufbrechenden Bundesrepublik. Alles, wirklich alles, was dazu gehört, findet sich auf noch nicht einmal 200 Seiten wieder: Die Neubausiedlung am Rand der Stadt mit dem modernen Haus, das Tobias' Vater, ein Ingenieur, der Familie gebaut hat (mit Fußbodenheizung!). Die progressiv angehauchten Nachbarn, die im Frühjahr 1969 einziehen: Herr Leinhard lehrt Philosophie an der Universität, fährt einen Volvo, trägt einen schwarzen Rollkragenpullover und bezeichnet sich selbst als Kommunisten. Zuvor haben sie in Griechenland gelebt; Frau Leinhard kocht mit exotischen Zutaten und schlägt emanzipatorische Töne an. Rosa schließlich nimmt Tobias, den Ich-Erzähler des Romans mit auf ihr Zimmer, redet über den Vietnamkrieg, spielt ihm Janis Joplin und The Doors vor und zeigt ihm auch sonst so einige Dinge, die er bislang nicht nur nicht kannte, sondern für die er auch noch keine Begriffe entwickelt hat.

Könnte alles so schön sein. Wäre da nicht der erste Satz des Romans: "Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben." Ulrich Woelk ist ein versierter Autor. Der Sommer meiner Mutter ist bereits sein 13. Roman. Für sein Debüt Freigang wurde er 1990 mit dem aspekte-Preis ausgezeichnet. Woelk weiß genau, was er tut, wenn er sein Buch mit der Vorwegnahme eines tragischen Endes eröffnet: Er taucht das vermeintlich harmlose Geschehen – Nachbarschaftsplausch, erste Jugendliebe, Statussymbole – ins Zwielicht und lädt jeden Dialog, jede Handlung mit Bedeutung auf.

Schneebälle, die zu einer Lawine werden

Wer Woelk vorwirft, er mache es sich mit seiner detailreichen, vom Zeitkolorit beseelten Beschreibung der Oberflächenwelt zu einfach, geht dem dialektisch versierten Autor auf den Leim: Die Tiefe der Figuren ist zum einen exakt auf der Höhe mit dem identitätsstiftenden Potenzial der Dinge, mit denen sie sich umgeben. Und zum anderen verhindern die damit verbundenen Konventionen gleichzeitig die Möglichkeit zur individuellen Entfaltung. Woelk ist allen seinen Figuren gegenüber gnadenlos, dem wacker-fantasielosen Ingenieur ebenso wie dem von Freiheit und Selbstbestimmung daher schwafelnden Philosophen, der letztlich, wenn es darauf ankommt, moralisch versagt. Nur hat er dafür eine schlau klingende Begründung. Es gibt keine Psychologie in diesem Buch; alles ist indirekt vermittelt. Aber wie es Woelk beispielsweise gelingt, sein gesamtes Romanpersonal in einer einzigen Szene anhand des Verhaltens während eines Krocket-Spiels im Garten charakterlich zu spiegeln, ist gekonnt.

In seinem Inneren wird Woelks Roman angetrieben von Sexualität und Einsamkeit. Eines Nachts belauscht Tobias unfreiwillig ein Gespräch zwischen den Eltern, das er selbst gar nicht durchdringt. Die Eltern streiten sich über ihr Sexualleben; darüber, dass die Mutter angeblich nie will und der Vater immer; dass sie sich unter Druck gesetzt und er sich abgewiesen fühlt. Dieser Streit ist eine der vielen Fährten, die Woelk in das Buch hineingelegt hat. Ein Schneeball, der sich am Ende mit vielen anderen Schneebällen zu einer Lawine ausweiten wird.

Tobias' Mutter ist eine kluge und attraktive Frau, noch nicht einmal 40 Jahre alt. Als sie merkt, dass ihr Leben aus mehr bestehen könnte als aus dem Haushalt, gerät die Welt ins Rutschen. Jeder in diesem Buch will alles richtig machen: Tobias' Vater kontrolliert seine Impulse und verlangt das auch von allen anderen; Herr Leinhard will die ganze Welt umstürzen und bemerkt nichts von den Umstürzen in seiner Nachbarschaft. Tobias hat den Kopf im Himmel und begreift das, was im All vor sich geht, wahrscheinlich besser als seinen eigenen Unterleib. Einen Zeitraum von knapp fünf Monaten umfasst das Buch, mehr nicht. Danach, ein großer Schritt für die Menschheit, ist die Welt des Jungen auf den Kopf gestellt. Tobias' Summer of 69 erzählt Ulrich Woelk als erotisch grundierte Mentalitätsgeschichte der alten BRD.

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter. Roman, C.H. Beck Verlag, München 2019, 190 S., 19,95 €