Mein Großvater schluckt. Er schluckt alles hinunter, was sie ihm hineinstopfen. Den Kaffee und die Kekse, die Medikamente am Morgen, zu Mittag, am Abend. Er isst, wenn er keinen Hunger hat, trinkt, wenn er keinen Durst hat. Steht auf, wenn er liegen will. Sagt Ja, wenn er Nein meint. Er würgt an den Tabletten, manche spuckt er wieder aus. Dann kommt die Krankenschwester, rügt ihn, als wäre er ein kleines Kind, das nicht aufgegessen hat. Sie nimmt die Tabletten, bringt sie als Pulver wieder zurück, stopft ihm das Pulver mit dem Joghurt hinein. Er schluckt alles hinunter, die Wörter, das Unabänderliche. Heute nicht nach Hause, morgen nicht. In drei Wochen sehen wir weiter. Manchmal, wenn er auch sein Lachen hinunterschluckt und die Hoffnung sich in den letzten Resten Kaffee auflöst, schaut er mich mit traurigen Augen an: Ob ich hier jemals wieder herauskommen werde?

Mein Großvater hört, aber nicht mehr so gut. Seine Ohren schließen sich am Morgen. Das ist wegen des Blutdrucks, sagt der Arzt, der im Zimmer steht und auf seinen Rücken schlägt, um zu hören, ob Wasser in der Lunge ist. Die Schwester schreit mit ihm, ganz laut hallt die Stimme durchs Zimmer. Manche Dinge muss der Arzt zweimal fragen. Haben Sie Schmerzen? Haben Sie Hunger? Können Sie schlucken? Können Sie gehen? Haben Sie Angst?, fragt der Arzt, und erst beim zweiten Mal sagt mein Großvater: Angst? Nein, Angst hab ich keine. Auch keine Angst vor dem Tod?, fragt der Arzt.

Mein Großvater liest. Er sitzt in seinem Sessel und liest ein Buch über Mauthausen. Er hat immer Bücher über den Krieg gelesen, hat sein Leben lang versucht, zu verstehen. Es gab Zeiten, da sprach er viel vom Krieg, erzählte vom Dolomitenkrieg, als wäre er selbst dabei gewesen, als hätte er mit den Soldaten gekämpft, so genau weiß er Bescheid. Was erzählst du schon wieder, sagte die Großmutter dann, was erzählst du da immer vom Krieg. Wie er als Kind einen Blindgänger auf das Revier getragen hat, wie sie Lebensmittelkarten gefunden und einen Berg voller Semmeln gegessen haben. Wir sind im Wohnzimmer gesessen, oder unter dem Kirschbaum, und er hat mir erzählt, wie das war damals. Jetzt spricht er wieder öfter davon, der Krieg verschwindet nie. Er legt das Buch zur Seite und schaut mich an. Wie ist es möglich, dass man Menschen so etwas antut, sagt er, ich kann es einfach nicht verstehen.

Mein Großvater hustet. Er hustet ins Telefon, hat Mühe zu sprechen. Ich hab mich schon wieder verkühlt, sagt er, dabei ist die Lunge befallen, wie alle anderen Organe. Die Metastasen wandern durch seinen Körper, suchen sich immer wieder neue Wege. Er zählt auf, was er jetzt alles essen würde. Krautsalat mit Speck. Sardellen. Mortadella. Ich muss lachen. Wie ähnlich wir uns sind in manchen Dingen. Am liebsten würde er schon einen Tisch reservieren, in dem Gasthaus, wo wir immer seinen Geburtstag feiern. 70, 60, ich kann mich erinnern, beim 50er war ich noch zu klein. Wir machen ein großes Fest, sagt er, alle laden wir ein und bestellen einen riesigen Kuchen.

Ein welkes Blatt, das langsam vergeht

Mein Großvater schaut. Ich habe mir oft vorgestellt, wie er im Zimmer sitzt und aus dem Fenster schaut. Jetzt sitzen wir nebeneinander. Es ist Winter geworden und wir schauen gemeinsam in die Welt, schauen hinauf zur Mut. Die Spitze ist mit Schnee bedeckt. Die Seilbahn fährt langsam den Berg hinauf. Letztes Jahr war ich selbst auf dem Gipfel. Von oben ist der Blick weit, über das ganze Tal, Gebirgsketten, Wolkenfelder. Die Wiesen und Straßen wie ein abstraktes Gemälde. Und die kleinen Häuser, auch das Krankenhaus, sind fast nicht erkennbar. Mein Großvater zeigt auf die Berge, sagt mir die Namen. Er war auf jedem Gipfel, den er vom Zimmer aus sehen kann. Wenn er sich ganz dicht ans Fenster setzt, sieht er nichts mehr vom Krankenhaus, kein Krankenbett, keine Medikamente, nur die Berge mit all ihren Kanten, Erhebungen, mit ihren Wäldern und Schneisen. Wenn man ganz genau schaut, sieht man sogar das Gipfelkreuz, auf dem er so oft schon gestanden ist, ein Lächeln in die Kamera, der Rucksack voller Speck und Wein.

Mein Großvater winkt. Er winkt, wenn wir gehen, und schaut uns lange nach. Er schaut mit großen Augen, wenn meine Großmutter ein Kreuz auf seine Stirn zeichnet, und sagt Dinge, vielleicht ganz andere als in seinem Innersten liegen, das weiß niemand genau. Im Frühling fahren wir nach Wien, sagt er, aber vielleicht meint er nur, seid nicht traurig um mich. In seinen Augen liegt nämlich so etwas, so eine Aufrichtigkeit und Nähe, als wäre jeder Tag unser letzter.

Mein Großvater liegt. Er liegt im Bett wie ein Blatt, zusammengekrümmt, brüchig. Seine Adern ziehen sich wie Blattrippen und Bündel über den Körper. Seine Haut ganz knittrig und fleckig. Das sind die Todesflecken, sagt er, ein welkes Blatt, das langsam vergeht.

Mein Großvater schläft. Er schläft neben mir im Flieger nach Colombo. Sein Kopf ans Fenster gelehnt. Seine Haare, seine Ohren, nur die Hände erkenne ich nicht. So ist er wohl damals gereist, mit seinen Freunden und Reisegruppen, nach Gran Canaria, nach Elba und Sizilien. Meine Großmutter hatte immer Angst vor dem Reisen. Deshalb hat er ihr Postkarten geschrieben, von überall, wo er war. Ich kann ihn fast nicht ansehen. Warum bin ich nie mit ihm irgendwohin gefahren, später, als ich erwachsen war, wir hätten einmal weit weg fahren sollen, nur wir zwei. Jedes Mal, wenn ich hinsehe, bin ich wieder überrascht, würde ich gern hingehen, seine Hand halten, nur kurz. Wir fahren an einen schönen Ort, möchte ich sagen. Nur den Pullover erkenne ich nicht, die Brille erkenne ich nicht, das hält mich davon ab. Erst als er aufwacht und sich zu mir dreht, entfremdet sich sein Gesicht. Er hatte so ruhig ausgesehen und friedlich, als würde er schlafen. Die Haut glatt und zart, die Hände waren ganz kalt. Die Schwestern hatten eine Amaryllis zwischen seine Hände gelegt, die langsam verwelkte. Er hatte sich so sehr an das Leben geklammert, aber vielleicht nur für uns, vielleicht hatte er wirklich keine Angst vor dem Tod.

Mein Großvater ist schön. Wenn er lacht, wenn er singt, wenn er träumt. Wenn seine Augen aufleuchten – sie sind so blau, so wach und jung, wie auf den alten Fotos, die ich von ihm kenne. Wenn das Licht, wenn die Berge sich darin spiegeln, ist er am schönsten.

In Erinnerung an Franz Unterhofer: 3. Jänner 1939 – 30. Dezember 2018