Das Telefon klingelt, unknown number, nach dem Abheben meldet sich eine weibliche Stimme vom Band, die so sachlich-distanziert klingt wie eine automatisierte Haltestellenansage in der U-Bahn. "Dies ist ein im Voraus bezahlter Anruf. Der Anruf kommt von … Nico Walker … einem Insassen in einem Bundesgefängnis. Sollten Sie den Anruf nicht annehmen wollen, legen Sie auf. Um den Anrufer zu sprechen, drücken Sie die Taste 5." Nico Walker ist Häftling in der Federal Correctional Institution in Ashland, Kentucky. Er darf mit zuvor abgeklärten Nummern telefonieren, genau 15 Minuten lang, bevor das Gespräch abgebrochen wird.

Selbstverständlich drückt man die Taste 5. Man will doch hören, was dieser Nico Walker zu sagen hat, der 2005 im Alter von 20 Jahren als Sanitäter der US Army in den Irakkrieg zog, 2006 zurück ins schmucklose Ohio kam, heroinabhängig wurde, elf Banken überfiel, 2012 zu elf Jahren Gefängnis verurteilt wurde – und anschließend hinter Gittern einen Roman über seine Erlebnisse schrieb, der in den USA gefeiert wurde und nun auch auf Deutsch erschienen ist, Cherry. Walker ist heute gerade mal 34, doch seine Lebensgeschichte ist so voll von verheerenden Entscheidungen und Abzweigungen, klingt so sehr bereits wie ein Thriller-Plot, dass die entscheidende Frage scheint: Warum hat er diese Geschichte überhaupt noch fiktionalisiert?

Knack, am anderen Ende der Leitung meldet sich eine Stimme, die jugendlicher als Mitte 30 klingt und einen angenehm unausgeschlafen klingenden Ton hat. "Schon okay, gar nicht mal so schlecht …", sagt Walker auf die Eingangsfrage, wie es ihm so gehe. Er habe die gleichen Probleme wie jeder andere Mensch auch, sagt er. Man wundert sich kurz, wie das denn sein kann, wenn jemand im Gefängnis einsitzt, weil er Banküberfälle begangen hat. Bis Walker mit seinem leicht verschleppten Singsang-Ton hinzufügt: "Ich bin da nicht anders, ich mache mir eben Gedanken, wie es meiner Familie und meinen Freunden geht."

Die Zeit vergeht ohne Ziel

Er hat sich nicht immer Gedanken gemacht, als Jugendlicher war Walker über Jahre hinweg so ziemlich alles egal. Nach dem Ende der Schulzeit schrieb er sich an der Uni ein, weil man das so machte und seine Mittelklasse-Eltern sich einen Sohn wie ihn leisten konnten, der keinen detaillierten Plan von all dem hatte, was man schlicht Leben nennt. Walker rauchte Gras mit Freunden, manchmal vertickte er welches, manchmal nahm er härtere Drogen. Er stieg in ein, zwei Häuser ein, ließ ein bisschen was mitgehen, sagt er. So ging die Zeit herum, viel zu schnell und doch ohne Ziel.

Dass sich so jemand dann mit 19 Jahren entschließt, für sein Land in den Krieg zu ziehen, hat mit dem für Deutsche oftmals so befremdlichen Patriotismus in den USA zu tun. Der macht es nicht unwahrscheinlich, dass ein junger Mann im Fernsehen sieht, wie gleichaltrige Amerikaner und Amerikanerinnen in Helmand sterben, und das als Aufforderung begreift, nicht tatenlos zuzuschauen. Heute, sagt Walker am Telefon, würde er sich anders entscheiden. "Es ist ein sinnloses Spiel, aber ich denke immer wieder darüber nach, welche Entscheidungen ich hätte treffen müssen, damit ich jetzt nicht hier sein müsste." Hier, das ist, nur zur Erinnerung: im Gefängnis.

Keine Banken zu überfallen nach der Rückkehr aus dem Irak: Das klingt wie eine offensichtliche Antwort auf die Selbstbefragung nach den Entscheidungen, die man so im Leben trifft. Die Banküberfälle in Walkers Geschichte sind jedoch nur das letzte Glied in einer ganzen Kette. "Es geht alles daraufhin zurück, dass ich nicht noch einmal zur Armee gehen würde", sagt Walker. Während der Gedanke für den Bruchteil einer Sekunde in der Luft hängt, plappert die Frauenstimme vom Band dazwischen: "Dieser Anruf kommt aus einem Bundesgefängnis." Das passiert alle fünf Minuten. Walker schnauft amüsiert ins Telefon – als ob diese Stimme ihn, der seit sieben Jahren nicht mehr in Freiheit lebt, auch noch daran erinnern müsste.

Die Armee, sagt Walker, hätte "eine Gewalt" in sein Leben gebracht. Er sagt nicht nur Gewalt, sondern eine Gewalt, um zu verdeutlichen, dass es nicht nur die Kampfeinsätze im Irak waren und die Sprengfallen, von denen man als US-Soldat dort permanent bedroht war. "Ich habe das, glaube ich, inzwischen abgelegt", sagt Walker, "aber in mir hatte sich wahnsinnig viel Aggression aufgestaut."