Mr. Reese ist ein bescheidener Mensch, der in vollendetem Fatalismus zu der Einsicht gekommen ist, dass das, was er erreicht hat, genau das ist, was er auch hat erreichen können. Mr. Reese ist alt, sehr alt; seine Rückenschmerzen sind unerträglich geworden. Er hatte einmal Träume, vor langer Zeit. Da war er mit einer Frau in Mexiko, am Meer, aber dann erlag sein Vater einem Herzanfall und Mr. Reese verließ das Haus am Meer und die Frau, übernahm die väterliche Farm in den Bergen von Nevada, lernte die Köchin einer benachbarten Farm kennen und heiratete sie. "Plötzlich", so schließt er seine Lebenserzählung, die gerade einmal zwei Seiten umfasst, "lebte ich als Dreißigjähriger allein mit Mrs. Reese auf der Ranch." Dabei blieb es, über Jahrzehnte hinweg. Pferde, Schafe, die Monotonie des Alltags. Eine Existenz, die darauf angelegt ist, niemandem Schaden zuzufügen. "Man ist ein besserer Mensch, wenn man es versucht." Noch so ein Satz von Mr. Reese.

Das ist die Welt, das sind die Figuren, die Willy Vlautin entwirft. Vlautin, geboren 1967, ist der Leadsänger und Gitarrist der Folkband Richmond Fontaine und gründete im Jahr 2014 gemeinsam mit Amy Boone die Band The Delines. Vlautins Songs und sein Gesang sind melancholisch und getragen, nicht kompliziert, aber auf eine spezielle Weise anrührend. Das 2018 erschienene Richmond-Fontaine-Album Don’t Skip Out On Me (so heißt Ein feiner Typ im Original) ist sogar ein eigens zum Buch komponierter Soundtrack.

Musik und Roman bilden in diesem Fall eine untrennbare Einheit. Ein feiner Typ ist Vlautins fünfter Roman, und auch er ist eine Erzählung von geplatzten oder nie formulierten Träumen, von der Sehnsucht nach einem anderen Leben. In seinem Debütroman Motel Life begibt sich ein Brüderpaar nach einem Unfall auf eine ungewisse Reise. In Northline, Vlautins bislang wohl bestem Buch, schlägt ein schwangeres Mädchen sich durch einen Sumpf aus Perspektivlosigkeit und White Trash. Und in Lean on Pete bricht der 15-jährige Charly Thompson gemeinsam mit seinem einzigen Freund, einem abgehalfterten Rennpferd, zu einer Irrfahrt durch den Mittleren Westen auf.

Standfestigkeit und Schlaghärte

Verlorene, Vertriebene, Gestrandete und Gescheiterte, wohin man schaut. Doch Vlautin ist weder Apokalyptiker noch Zyniker. Er betrachtet seine verzweifelten Helden mit Zuneigung. Und er hat, anders beispielsweise als Cormac McCarthy, mit dem Vlautin verglichen wurde, die Welt nicht an das Böse abgeschrieben: In die Zerrüttetheit, in die Vlautin seine Figuren hineinsetzt, fällt immer noch und immer wieder ein Hoffnungsstrahl; findet sich eine menschliche Geste, eine helfende Hand, eine Insel des Trosts. Das ist bei Vlautin niemals kitschig, aber ehrlich und gradlinig erzählter Ausdruck des Vertrauens in Werte wie Hilfsbereitschaft und Solidarität. Mag der amerikanische Traum im Großen auch ausgeträumt sein – in den kleinen Gesten und in individuellen Erfahrungen blitzt er noch immer auf.

Nach diesem Prinzip funktioniert auch sein neuer Roman: Sieben Jahre ist es her, dass Mr. und Mrs. Reese einen seinerzeit 14-jährigen Jungen namens Horace Hopper auf ihrer Ranch aufgenommen haben. Horace ist ein halber Ureinwohner und ein halber Ire; sein Vater hat sich aus dem Staub gemacht, die Mutter das Interesse an ihrem Sohn früh verloren. Die Töchter der Reeses haben die Farm schon vor Jahren verlassen und sind nicht zurückgekehrt. Horace ist für die Reeses wie ein Sohn und zugleich der geradezu natürliche Erbe, an den Mr. Reese die Ranch in nicht allzu ferner Zukunft übergeben will. Doch Horace hat andere Pläne: Er verlässt die Ranch, um Boxer zu werden, um seine Herkunft hinter sich zu lassen, um der Welt etwas zu beweisen.

Ein feiner Typ ist abwechselnd aus den Perspektiven von Horace und Mr. Reese erzählt. Horace, der sich fortan als Mexikaner ausgibt, ohne Spanisch zu beherrschen, gerät an einen zwielichtigen, schmierigen Trainer, wird in diversen Boxringen verprügelt, beweist aber andererseits Standfestigkeit und Schlaghärte. Doch das, was er sucht, was immer das auch sein mag, findet er nicht. Im Grunde genommen, das ist die bittere Pointe, wird Horace erst dann zum Versager, als er sich selbst und allen anderen überflüssigerweise beweisen will, dass er keiner ist. In den entscheidenden Augenblicken im Ring ergreift ihn Panik. Er ist kein Champion, doch diese Erkenntnis kommt ihm selbst zu spät, als dass es noch ein gutes Ende mit ihm nehmen könnte. Mr. Reese wiederum gibt den Gedanken daran, Horace eines Tages zur Rückkehr bewegen zu können, nicht auf und versucht, den Jungen im Auge zu behalten, auch gegen dessen Willen. Es ist möglich, ein guter Mensch zu sein, wenn man es nur versucht.

Willy Vlautin ist kein raffinierter, kein formal avancierter oder ambitionierter Erzähler. Aber: Wenn Barmherzigkeit eine literarische Kategorie ist, dann ist Vlautin einer ihrer lesenswerten Verfechter.

Willy Vlautin: Ein feiner Typ. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen; Berlin Verlag, München 2019, 334 S., 24,- €