"Holbrooke? Yes, I knew him. I can't get his voice out of my head." Ich krieg den Klang seiner Stimme nicht aus dem Kopf: So beginnt das grandiose neue Buch "Our Man. Richard Holbrooke and the End of the American Century" des amerikanischen Reporters George Packer. Nur auf den ersten Blick sieht es wie eine Biografie des verstorbenen US-Diplomaten Holbrooke aus, tatsächlich erzählt Packer entlang dessen Lebens eine viel größere Geschichte: Die USA, so Packers These, haben ihre Rolle als Macht des Guten in der Welt lange vor der Präsidentschaft Donald Trumps aufgegeben.

Packer hat diesem Nonfiction-Buch eine literarische Form gegeben: "Our Man" ist wie ein Roman erzählt, doch nichts ist erfunden. Grundlage des Sachbuches sind Holbrookes private Aufzeichnungen, die dessen Witwe Kati Marton dem Autor überlassen hat, und rund 250 Interviews, die Packer für "Our Man" mit Weggefährten Holbrookes geführt hat, der den Präsidenten Carter, Clinton und Obama als Spitzendiplomat diente. "Our Man" ist im Verlag Knopf erschienen und liegt bislang nur in englischer Sprache vor.

ZEIT ONLINE: Mister Packer, bei dem Namen Richard Holbrooke werden sogar amerikanische Leser zunächst stutzen. Seine große Stunde liegt lange zurück, er hat 1995 das Abkommen von Dayton verhandelt, das den Krieg in Bosnien beendete. Was war so besonders an diesem Mann, dass Sie ihm nun ein 600-seitiges Buch widmen?

George Packer: Holbrooke verkörperte Amerika. Er war ein lauter, idealistischer, egozentrischer Mann, der fand, er müsse stets im Mittelpunkt stehen. Wo er auch war, wurde Geschichte geschrieben. All diese Attribute könnte man auch auf die US-Außenpolitik anwenden, jedenfalls in der Zeitspanne von Holbrookes Leben.

ZEIT ONLINE: Holbrooke wurde 1941 geboren, dem Jahr des Kriegseintritts der USA in den Zweiten Weltkrieg.

George Packer war lange Jahre Staff Writer des "New Yorker" und schreibt mittlerweile für "The Atlantic". Für sein vorangegangenes Buch "Die Abwicklung" hat er im Jahr 2013 den National Book Award for Nonfiction erhalten. © Guillermo Riveros

Packer: Im selben Jahr erfand der TIME-Verleger Henry Luce den Begriff "amerikanisches Jahrhundert". Die USA erkannten da erst an, dass sie eine Supermacht sind und dass damit ein Führungsanspruch in der Welt verbunden ist. Um die Zeit von Holbrookes Tod im Jahr 2010 haben wir diesen Anspruch jedoch aufgegeben. Die Entwicklung begann bereits während der Präsidentschaft Obamas und hat sich unter Trump nur weiter beschleunigt.

ZEIT ONLINE: Wenn wir heute über Holbrooke reden, reden wir also über ein untergegangenes Amerika?

Packer: Letztlich ja. So blind Holbrooke etwa für seine persönlichen Makel war, so blind sind die USA für ihre Fehler. Dieses Land ist nicht besonders gut darin, Selbstkritik zu üben. Ebenso aber ließe sich behaupten, die phänomenale Energie, die Zuversicht und Zugewandtheit, mit der Holbrooke Krisen auf der Welt entgegentrat, seien auch Qualitäten des amerikanischen Einflusses auf diese gewesen. Es gab bei uns einmal eine Großzügigkeit und einen Willen, wider unsere nationalen Eigeninteressen zu handeln. Und so, glaubte Holbrooke, sollte Amerika sein.

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben ihn als Vertreter des liberalen Internationalismus. Diese außenpolitische Doktrin besagt, dass die USA sich als eine Supermacht verstehen sollten, die in erster Linie die Kooperation mit anderen Staaten suchen soll – damit es allen besser ginge. Exakt das Gegenteil tut die heutige US-Außenpolitik.

Packer: Richtig. Wohlstand, Frieden, Stabilität und Freiheit in der Welt, sagen liberale Internationalisten, hängen von der Bereitschaft der USA ab, sich nicht wie eine übliche Großmacht aufzuführen. Also nicht rücksichtslos zu handeln und sich zu nehmen, was man will. Sondern sich stattdessen dem internationalen Regelwerk zu unterwerfen, dass die USA nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs selbst mitgeschaffen hat. Diese Haltung ist ganz sicher auch etwas naiv, weil sie davon ausgeht, dass andere Länder stets das Gleiche wollen wie wir. Doch das trifft nur teilweise zu. Insbesondere dann tut es das nicht, wenn Nationalismen ins Spiel kommen.

ZEIT ONLINE: Mit Trump sitzt heute selbst ein Nationalist im Weißen Haus. Oder, netter formuliert, ein außenpolitischer Realist: Der schaut auch mal weg, wenn Verbündete etwas tun, was amerikanischen Idealen nicht entspricht. Regimekritiker ermorden zum Beispiel.

Packer: Das ist das Gegenteil von Holbrookes Haltung. Der glaubte leidenschaftlich an das Befreiende der Demokratie, und zwar in einem Maße, wie es vielleicht nur jemand kann, dessen Eltern vor Hitler und Stalin in die USA geflüchtet waren. Ein Realist wie Henry Kissinger, der so etwas wie Holbrookes Frenemy war, ein Freund und Widersacher zugleich, sagte hingegen: Wir sollten uns nicht in die Angelegenheiten anderer einmischen, sonst könnten die das im Gegenzug auch bei uns versuchen.

ZEIT ONLINE: Sie datieren den Beginn des Niedergangs der USA als Supermacht auf das Jahr 1998 und das Impeachmentverfahren gegen Bill Clinton im Zuge der Lewinsky-Affäre. Nur ein paar Jahre zuvor war die Sowjetunion implodiert und in den USA das "Ende der Geschichte" ausgerufen worden. Was ist zwischenzeitlich schiefgegangen?

Packer: Wir Amerikaner sind zu selbstsicher geworden. So wie Großmächte und Imperien sich oft verhalten nach einem Sieg, und als solchen hatten wir den Zusammenbruch des Ostblocks ja empfunden. Wir dachten, wir bräuchten nur mit dem Finger zu schnipsen und alle Probleme auf der Welt würden verschwinden, selbst die hartnäckigsten. Der Nahostkonflikt etwa.