Am Mittwochabend werden in Klagenfurt mit der Rede des Schriftstellers Clemens J. Setz die 43. Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnet. Das Wettlesen um den Bachmannpreis hat die literarische Öffentlichkeit schon immer gespalten. Die Forderungen, den Modus zu verändern, die Jury auszutauschen oder den Wettbewerb gleich ganz abzuschaffen, werden Jahr für Jahr aufs Neue formuliert. Aber: Es gibt ihn noch immer. Allen Branchen-, Zeitungs- und Jurykrisen zum Trotz. Mythen halten sich standhaft: Wer am ersten Tag lesen muss, hat keine Chance. Oder: Die Jury kungelt ohnehin schon im Voraus die Sieger aus; der Rest ist Füllmaterial. Und: Selbstverständlich war früher alles besser, die Autoren, die Texte, die Kritiker. Stimmt das? Oder ist das nur der ins nostalgische Licht der Verklärung getauchte Klagenfurtblues? 

1. Der Modus

Streng, unbarmherzig, undemokratisch: ein Autor oder eine Autorin, sieben Jurorinnen und Juroren. Dreißig Minuten Lesezeit, danach wird geurteilt, im Beisein desjenigen, der soeben sich und sein Kunstwerk der Fernsehöffentlichkeit ausgesetzt hat. Die Tage der deutschsprachigen Literatur laufen im Fernsehen, auf 3sat, noch immer in voller Länge von Donnerstag bis Sonntag. Das ist ungewöhnlich und wird, auch angesichts drastisch zusammenschrumpfender Aufmerksamkeitsspannen, als überflüssig und anachronistisch empfunden. So wie der Ablauf selbst auch.

Dass sieben Menschen über einen anderen Menschen in dessen Beisein ein (wenn auch ästhetisch fundiertes) Urteil fällen, ohne dass dieser eine Mensch noch einmal die Möglichkeit hat, zu Wort zu kommen, erscheint als unzeitgemäß. Schließlich kann jeder und jede heute fast überall und jederzeit mitplappern, kommentieren, sich empören – sofern ein Internetanschluss in der Nähe ist. Klagenfurt dagegen ist ganz altmodisch die Konzentration auf das, was einmal als wesentlich galt: das im besten Fall plausibel begründete, schlagfertig geführte Gespräch über Texte. Die Meinungen darüber, was argumentativ schlüssig und was schlagfertig sei, gingen schon immer auseinander. Klagenfurt ist ein Ort der öffentlichen Verletzung, und das in einer Epoche, in der Achtsamkeit als Schlüsselkompetenz gilt und Opfer automatisch Helden sind. Darum heißt ein scharfer Verriss mittlerweile "Bashing".  

2. Die Autoren

Es gehört zu den vielbeschworenen Klagen über den Bachmannpreis, dass die von der Jury eingeladenen Autoren zunehmend unbekannt seien und das Wettlesen mittlerweile zu einem Nachwuchswettbewerb verkommen sei. Ein Blick auf die vergangenen 20 Jahre zeigt, dass diese Behauptung zumindest überwiegend unwahr ist. Nur wenige Schriftsteller sind als etablierte Schriftsteller nach Klagenfurt gereist: Die heutige Büchnerpreisträgerin Terézia Mora gewann den Wettbewerb 1999; im gleichen Jahr erschien ihr Debüt Alle Tage. Andreas Maier gewann im Jahr 2000 den Ernst-Willner-Preis; wenige Monate, bevor sein erster Roman Wäldchestag erfolgreich wurde. Ein etwas unbeholfen durch die Wörtherseekulisse stapfender junger Mann namens Uwe Tellkamp hatte im Jahr 2004 gerade einmal einen wenig beachteten Roman im Leipziger Verlag Faber & Faber veröffentlicht, als er in Klagenfurt reüssierte. Von Berühmtheit war er noch turmweit entfernt.

Ausnahmen bestätigen die Regel: Georg Klein hatte im Jahr 2000 bereits ein gefeiertes Romandebüt (Libidissi) und einen nicht minder beachteten Erzählungsband veröffentlicht, als er als Favorit nach Klagenfurt anreiste und den Preis prompt gewann. Lutz Seiler wiederum, Bachmannpreisgewinner des Jahres 2007, war als Lyriker zwar bereits eine Größe, hatte allerdings noch keine Prosa veröffentlicht. Es ist also bei weitem nicht so, dass die großen Autoren Klagenfurt eher scheuten, vielmehr werden sie dort möglicherweise erst entdeckt. Selbst Rainald Goetz‘ legendäre Stirnschlitzer-Performance 1983 war der Auftritt eines Autors ohne literarisches Werk: Irre erschien erst einige Monate später.

Die Frage ist aber dennoch: Was bringt ein Klagenfurt-Auftritt heute noch im Sinne einer Aufmerksamkeitsökonomie und im Sinne eines Resonanzraums? Früher hatten die Autoren nichts zu verlieren, heute gibt es kaum noch etwas zu gewinnen. Die Zumutung, sich und das eigene Werk der öffentlichen Beurteilung auszusetzen, steht heute in einem weniger vorteilhaften Verhältnis zum Nutzen als in Zeiten, in denen der Preis noch eine über die Branche hinausreichende Strahl- und Wirkungskraft hatte. Nicht wenige Verlage raten ihren Autoren davon ab, nach Klagenfurt zu fahren: Der Ruhm, den es hier zu ernten gibt, ist kurz; die Schmach dagegen ewig.

Im Jahr 2019 ist mit Birgit Birnbacher eine Ponto-Preisträgerin, mit Yannic Han Biao Federer ein Suhrkamp-Autor, mit Katharina Schultens eine hochgeschätzte Lyrikerin, mit Lukas Meschik ein genialisch-unberechenbarer Irrläufer und mit Tom Kummer ein unberechenbarer Irrläufer dabei. Und mit dem jungen Daniel Heitzler, der auf Einladung des Juryvorsitzenden Hubert Winkels liest, ein Autor, zu dem es in der offiziellen Vorstellung heißt: "Er arbeitet als Barkeeper. Bislang keine Veröffentlichungen, Stipendien oder Preise." Das lässt hoffen.