Und die vierte Wand steht noch

Kayfabe. Wenn es ein Wort, das Wort gab, das die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt in diesem Jahr grundiert hat, dann jener Begriff aus dem Kontext des Wrestlings, den Clemens J. Setz in seiner Eröffnungsrede ins Spiel gebracht hat. Die Etymologie des Wortes, so Setz, sei unbekannt, doch sei es die Umschreibung für etwas, was man "Wahrung der 4. Wand" nennen könne. Soll heißen: Ein Wrestler habe auch dann die ihm im Ring auf den Leib geschriebene Rolle weiterzuspielen, wenn er sich im privaten Umfeld bewege; ja selbst, wenn er mit sich allein sei. Im Umkehrschluss stellt sich geradezu selbstverständlich die Frage: Wer scriptet unser Leben und unsere Realität? Und wie durchdringen sich die diversen Wirklichkeitsebenen, die nicht zuletzt dank der zahlreichen medialen Angebote aufgebaut wurden? Die Jury des Lesewettbewerbs um den Bachmannpreis bezog sich in ihren Diskussionen so oft auf Setz' Eröffnungsrede, bis dieser via Moderator Christian Ankowitsch ausrichten ließ, er, Setz, werde zu oft zitiert.

Doch der Bewerb hatte am zweiten Lesungstag noch einmal einen Kayfabe-Moment, der genauso gut eine hochironische Inszenierung hätte sein können (was kurzzeitig vermutet wurde): Die österreichische Schriftstellerin Birgit Birnbacher hatte soeben begonnen, aus ihrem Text Der Schrank vorzulesen, da sank Jurorin Nora Gomringer mit Kreislaufproblemen vom Stuhl. Die Kamera blieb auf Birnbacher, der signalisiert wurde, weiterzulesen, während Gomringer von Sanitätern versorgt wurde. Es dauerte nicht lange, da las Birnbacher den Satz: "Ein Hitzekollaps war das jedenfalls nicht, der ist nicht einfach zusammengeklappt." Das leise Raunen im Publikum konnte sich an dieser Stelle nur erklären, wer im Saal war; in der Fernsehübertragung war von alldem nichts zu bemerken.

Nora Gomringer ging es schon wenige Stunden darauf wieder gut. Und die 1985 geborene Birgit Birnbacher wurde an diesem Sonntag von der Jury mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis bedacht. Eine gute Entscheidung, weil im Zentrum von Birnbachers Beitrag ein zunehmend brisantes Thema auf literarisch subtile Weise ins Zentrum gerückt wird: die schleichende Prekarisierung als Normalzustand. Da ist eine Frau, die in ein Mietshaus in einem eher heruntergekommenen Bezirk zieht und an einer Langzeitstudie über "Lebensverhältnisse und Neue Arbeit" teilnimmt. Die Studie interessiere sich, so heißt es, besonders für selbstständige Arbeit, die nicht zur Vollversicherung reicht. Weniger umständlich ausgedrückt: Es geht um Akademiker in unterbezahlten Jobs; "Neue Arbeit" ist ein Euphemismus für Ausbeutung. Birnbachers Text kommt leicht daher und ist doch in den Details genau gearbeitet. "Die Straßenreinigung fährt anderswo", heißt es über das Wohnviertel, und das sagt bereits alles. Einmal ruft die Mutter an, aus dem besseren Bezirk: "Jetzt bist du sechsunddreißig, sagt meine Mutter am Telefon, was gibt es Neues." Die enttäuschten Erwartungen sind damit formuliert.

Kann man Erfahrungen kritisieren?

Auf einmal steht da ein Schrank im Hausflur. Ein Schrank, der niemandem gehört und der da auch so gar nicht hinpasst, und am Ende stellt die Erzählerin sich vor, wie sie im Abschlussbericht der Langzeitstudie vorkommt als die Frau, die in den Schrank gekrochen ist. Ein Wechselspiel zwischen absurder Realität und eskapistischer Imagination. Aus der Ferne winken Ingeborg Bachmann und, im letzten Satz, Samuel Beckett. Birgit Birnbacher ist studierte Soziologin und hat bis 2018 als Sozialarbeiterin gearbeitet. Sie kennt die Verhältnisse, über die sie schreibt, genau, und sie hat eine Sprache dafür gefunden, wie bereits ihr Debütroman Wir ohne Wal unter Beweis stellte, für den sie im Jahr 2016 den Förderpreis der Jürgen Ponto-Stiftung erhielt.

14 Lesungen an insgesamt drei Tagen: Das Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis war und ist nicht nur ein Literaturwettbewerb, sondern stets auch ein Schauplatz der öffentlichen Literaturkritik, des fundierten Gesprächs über Texte. Je schneller die Jury ihre eigenen Kriterien kenntlich und verständlich macht, umso glaubhafter erscheinen ihre Urteile. Die 1993 geborene Ronya Othmann, die am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert, stellte mit ihrem Wettbewerbsbeitrag Vierundsiebzig die Jury vor eine Herausforderung. Othmann erzählt in ihrem Text vom Mord am Volk der jesidischen Kurden durch die Terrororganisation "Islamischer Staat" im Jahr 2014. Schnell wurde deutlich, wenn es nicht schon vorab bekannt war, dass Othmann aus einem autobiografischen Kontext heraus schreibt, zugleich aber die Möglichkeiten der Erzählbarkeit des eigentlich Unsagbaren reflektiert. Erfahrungen, so drückte es der Juryvorsitzende Hubert Winkels aus, könne man nicht kritisieren.

Die Jurymitglieder Hildegard Keller und Michael Wiederstein zogen es vor zu schweigen: "Als Literaturkritikerin bin ich hier still", sagte Keller. Jurorin Insa Wilke, die Othmann für den Wettbewerb vorgeschlagen hatte, sprach von einem "Text, der wie ein Stein in einen hineinfällt." Hubert Winkels wiederum beharrte darauf, dass nicht der Inhalt, wohl aber die Literarisierung und der damit verbundene Versuch der Reindividualisierung des an sich entmenschlichten Prozesses eines Völkermords beschreibbar und auch bewertbar bleiben müsse. Genau das tat die Jury auch: Ronya Othmanns Text, der von manchem als moralische Erpressung empfunden wurde, ging bei den Jurypreisen leer aus. Allerdings vergaben die Zuschauer den via Internetabstimmung ermittelten und mit 7.000 Euro dotierten Publikumspreis an Ronya Orthmann, den diese wiederum via Twitter ihren jesidischen und kurdischen Geschwistern widmete.

Einmal Tom, einmal Kummer

Die Lesung von Birgit Birnbacher © ORF/ORF K/Johannes Puch

Nicht ohne Stolz wurde in Klagenfurt vermerkt, dass drei der vier Jurypreise an österreichische Schriftstellerinnen und Schriftsteller gingen. Den mit 12.500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis sprach die Jury dem 1972 in Vöcklabruck geborenen Leander Fischer zu. Sein Bewerbsbeitrag Nymphenverzeichnis Muster Nummer eins Goldkopf ist ein elegant komponiertes und vokabelreiches Stück über Musik und Fliegenfischen. Im Ernst. Und beides wird hier auch ernst genommen, obwohl der Text Humor hat. Es geht um Obsessionen, um die Schönheit von Fachsprachen und um die Poesie jenes Augenblicks, in dem beides aufeinandertrifft. Der Ich-Erzähler ist Musiklehrer und quält seine Schüler. In seiner Freizeit wiederum lernt er bei einem Mann namens Ernstl die Kunst, die perfekte Fliege, den perfekten Köder herzustellen. Auch Ernstl quält seinen Schüler. Ein Spiel mit Wortassoziationen und das Porträt eines nicht eben sympathischen, aber zerrissenen Charakters. Und auch Literatur in österreichischer Tradition.

Das gilt umso mehr für die 1982 knapp 30 Kilometer von Klagenfurt entfernt geborene Julia Jost, die in Unweit vom Schakaltal in einem fulminanten Vortrag die Topoi Katholizismus, Nationalsozialismus, Bigotterie und Gewalt zusammenbrachte, ohne dabei zur reinen Epigonin großer Vorbilder wie Josef Winkler (der wie stets den Wettbewerb vor Ort verfolgte) zu verkommen. Eine Erzählung mit sarkastischem und bösartigem Witz, in der die Betrachtung eines Klassenfotos aus dem Jahr 1989 der Auslöser der Erinnerung an einen Unfall ist. Am Ende steckt ein verschwundenes Messer, in dessen Griff der SS-Wahlspruch "Meine Ehre heißt Treue" eingraviert ist, im Körper eines Jungen. Der Junge ist tot, aber das Messer wieder da. Julia Jost wurde mit dem Kelag-Preis (10.000 Euro) ausgezeichnet.

Eine Möwe scheißt in die Sandale

Das Performative, die Präsentation, der Vortrag – all das ist bei einem Vorlesewettbewerb notwendigerweise Bestandteil des Beurteilungsrahmens. Wer weiß, ob die Wienerin Sarah Wipauer mit ihrem Text Raumstation Hirschstetten (Inhalt: "Untote österreichische Blaublüter okkupieren die Raumstation ISS", so der Juror Michael Wiederstein) nicht auch mit einem Preis nach Hause gegangen wäre, wenn ihr Vortrag nicht so ungemein dröge und fehlerhaft gewesen wäre. Andererseits ging aber auch die mit Abstand beste Performance des gesamten Bewerbs leer aus: Tom Kummer, abgestürzter, weil erfundener Interviews überführter ehemaliger Starjournalist, präsentierte sich bereits in seinem düsteren Porträtfilm als nächtlicher Autofahrer durch ein entvölkertes Land. Es folgte ein im dunklen Timbre mit sonorer, knarziger Stimme vorgetragenes Roadmovie von einem Mann, der Tom heißt und Kummer hat und in einer Luxuslimousine VIP-Passagiere chauffiert. Am Armaturenbrett hängt ein Foto seiner verstorbenen Frau; zu Hause schläft sein Sohn. Bei aller zur Schau gestellten Männlichkeit hatten Kummers Auftritt und Text etwas Anrührendes. Vor 15 Jahren hätte Kummer mindestens den Publikumspreis mitgenommen. Doch seiner Lonesome-Rider-Attitüde haftete, da hatte der Juror Klaus Kastberger durchaus recht, eine aufpolierte und wohl aus der Zeit gefallene Mischung aus Film Noir und Neunzigerjahre-Werbefilm an. Kummer kam noch nicht einmal in die Preisvorauswahl, und das war schade.

Stattdessen gewann der 1986 geborene Yannic Han Biao Federer den mit 7.500 Euro dotierten 3sat-Preis. Sein Text kenn ich nicht ist eine bei genauem Hinsehen komplex gebaute, auf mehreren Ebenen funktionierende Geschichte einer gescheiterten Liebe, in der der Erzähler sich, um der Trauer und der inneren Leere zu entkommen, wie ein Gespenst durch Europa treiben lässt. Es passiert nicht sehr viel, außer dass auf allen Metaebenen Texte produziert werden, in denen auch immer wieder ein gewisser Yannic Han Biao Federer vorkommt: "Kenn ich nicht, sage ich." Immerhin glaubte die Jury im letzten Satz des Textes auch den besten Schlusssatz des Wettbewerbs erkannt zu haben: "Am Hafen scheißt mir eine Möwe in die rechte Sandale. Es stinkt und klebt." Es folgte eine ausgiebige Diskussion über Möwen im Allgemeinen und in Cuxhaven im Speziellen.

Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen: Die Jury funktioniert. Einen nicht geringen Anteil daran hat der Vorsitzende Hubert Winkels, der in seiner Doppelrolle als Vermittler und Diskussionsteilnehmer aufging und ganz nebenbei aus dem Stegreif kleine Feuilletons hervorzauberte. Dagegen zeigte sich erneut, dass Nora Gomringer, Bachmannpreisträgerin des Jahres 2015, in ihrer Rolle als Jurorin eine Fehlbesetzung ist. Eine Rolle, in der sie sich auch nicht ansatzweise wohlzufühlen scheint. Das Klagenfurter Wettlesen ist totgesagt worden, schon seit Langem und aus verschiedenen Gründen. In Klagenfurt selbst allerdings strahlt der Wettbewerb noch immer Energie aus. Es ist ein Ort des öffentlichen Gesprächs über Literatur, über Produktions- und Bewertungskriterien. Ein Gespräch, das immer noch wichtig ist, auch wenn möglicherweise immer weniger Menschen daran teilnehmen wollen.