Diese Entwicklung wird verstärkt durch eine eventlastige literarische Kultur, die immer mehr darin besteht, dass Literaturinteressierte von Lesung zu Lesung, von Festival zu Festival eilen, anstatt 20 Stunden alleine im Lesesessel mit dem Buch zu verbringen. Auf diesen Umstand hat Andreas Platthaus bereits 2017 in der FAZ hingewiesen, anlässlich der Besucherrekorde bei den Leseveranstaltungen der Frankfurter Buchmesse, die auf eine seltsame Art mit dem sinkenden Absatz der Branche kontrastierten. Platthaus schrieb damals: "Aber ist das auch noch ein Lesepublikum? Nein, es ist eines, das vorgelesen bekommen möchte, um sich belesen zu fühlen." Und auch hier sind es die Namen, die das Rezeptionsverhalten bestimmen: Man geht aus dem Haus und zahlt Eintritt, um den Bestsellerautor Daniel Kehlmann oder die Nobelpreisträgerin Herta Müller gesehen zu haben. Diese Art der Rezeption gleicht einer Fotosafari, auf der das Großwild die stärkste Gratifikation einbringt. Es geht darum, an der Aura des Autors teilzuhaben, die ästhetische Qualität seiner Werke tritt in den Hintergrund.

An dieser Entwicklung sind auch die Feuilletons beteiligt, die ihre Aufmerksamkeit immer mehr in große Namen investieren. Die Romane von Popmusikern oder Schauspielerinnen würden wohl kaum so umfangreich besprochen werden, wenn es sich bei den Autoren um die Sänger erfolgloser Garagenbands oder Angestellte kleiner Provinzbühnen handeln würde. Das führt dazu, dass die literaturkritische Aufmerksamkeit zuweilen ungerecht verteilt wird: Auf perlentaucher.de verzeichnet Dirk von Lowtzows Aus dem Dachsbau gleich sechs Besprechungen, während etwa eine mitreißende Kurzgeschichtensammlung wie Barbara die Schlampe und andere Leute von Lauren Holmes 2015 mit nur einer schlecht gelaunten Notiz abgespeist wurde. Auch die Feuilletons sind längst Partei im Kampf um die Aufmerksamkeit und auch hier erscheint das Prestige eines bekannten Namens verführerisch. So lässt sich auch die Vorliebe für autorenbezogenen Literaturjournalismus erklären, wie ihn jetzt auch die Spiegel-Gruppe ganz erklärtermaßen fördern will, indem sie den Literatur Spiegel absetzt und durch das neue Format Spiegel Bestseller ersetzt. In Porträts und Interviews, wie sie auch Spiegel Bestseller vermehrt enthalten soll, steht die interessante Person des Stars im Mittelpunkt, und nicht seine möglicherweise uninteressante Prosa. Ausgewählt werden die Objekte dieser Human-interest stories dann wiederum nach ihrer Bekanntheit. So reproduziert sich ein Ruhm, der vor allem an der Buchstabenreihe eines Namens hängt.

Eine Folge der Fixierung auf die Ökonomie des Namens ist, dass die Trennung von Autor und Werk, die man Schülern bereits in der Mittelstufe einbläut, immer mehr ausgehöhlt wird. Während die vollständige Verschmelzung von Kunstwerk und Künstlerin im Bereich der Popmusik längst vollzogen ist, war es bisher der Literatur bedeutsam, bei der Bewertung vor allem die Werke in den Vordergrund zu stellen. Das hat den Vorteil, dass die Bekanntheit des Autors und die Qualität seines Textes nicht so schnell verwechselt werden. Dieser Vorteil wird verspielt, wenn sich der Literaturbetrieb nun auch vollständig der Ökonomie des Namens unterwirft.

Das kann natürlich nicht heißen, dass man eine strenge Trennung von professionellen Literatinnen und Literaten und einer Masse von Amateuren wieder einbetoniert – auch das wäre und war eine Ökonomie des Namens, nur unter anderen Vorzeichen. Allerdings sollte der Literaturbetrieb darüber nachdenken, ob er das Label der Literatur wirklich so leichtfertig vergeben will. Zumindest solange sich der Text des bekannten Fernseh- oder Popstars nicht in einer Blindverkostung durch das Lektorat durchgesetzt hat, das über die ästhetischen Kriterien eines Verlags wacht – ein Verfahren, das man übrigens auch etablierten Autorinnen und Autoren immer mal wieder angedeihen lassen könnte. Noch sind die Verlage die wichtigste Entscheidungsinstanz bei der Vergabe des kulturellen Kapitals, das mit dem Status der Literatur verbunden ist. Wenn sie dieses Kapital aber von der Qualität der Texte abkoppeln und an bekannte Namen heften, werden sie den Status dieser Instanz auf lange Sicht verlieren.