Erich Mielkes Panzerknacker – Seite 1

Oliver Diederichsen steht in seiner Hamburger Werkstatt und schaut mit einem Endoskop durch ein fingernagelgroßes Loch in das Innere einer Tresortür. Hinter ihm an der Wand stapeln sich Panzerschränke aus verschiedenen Epochen, wuchtiggraue in diversen Größen, manche mehr als eine Tonne schwer, aber auch kleinere, die aussehen wie ein antikes Möbelstück und immer noch 600 Kilo wiegen.

Im Vergleich dazu ist das Modell, das vor Diederichsen auf einem Hubwagen steht, winzig. Ein Möbeltresor, wie er für wenige Hundert Euro im Baumarkt verkauft wird. Und es ist auch keine große Herausforderung, ihn zu knacken. Diederichsen, ein entspannter Typ in Turnschuhen und schwarzer Kapuzenjacke, mit großen, ruhigen Händen, der ganz offensichtlich Spaß an dem hat, was er tut, musste lediglich zwei Schrauben lösen, die das Batteriefach des elektronischen Schlosses an der Tür sicherten. Anschließend konnte er das Fach ein wenig zur Seite schieben, darunter kam eine Öffnung zum Vorschein, durch die das Kabel von der Batterie zum Schloss in der Tür verläuft. Jetzt zieht Diederichsen das Endoskop heraus, biegt sich ein Stück Draht zurecht und pietschert damit kurz in dem Loch herum. Sofort macht es leise klack, die Tür ist offen.

Den kleinen Safe hatte ein Hamburger Ehepaar im Kofferraum seines Autos zu Diederichsens Werkstatt gebracht, sie hatten den Zahlencode vergessen. Alle drei stehen vor dem nun offenen Tresor und schauen hinein. "Nix drin", sagt Diederichsen. "Na, dann kommen auch keine unangenehmen Fragen auf." Wenige Minuten später hat er ihn wieder zusammengebaut und für die beiden Besitzer einen neuen Code eingespeichert. Sie sind erleichtert, Diederichsen bleibt unbewegt. Er hat schon mehrere Tausend Safes geöffnet, meistens "zerstörungsfrei", wie er stolz sagt. Es ist sein Hobby und längst auch sein Beruf.

Mehr noch: Er hat ein ganzes Buch geschrieben, das die Brücke schlägt zwischen der technischen Faszination des Schloss- und Türöffnens ohne passenden Schlüssel und einer Epoche, in der es dabei um mehr ging als um verbummelte Schlüssel, Codes und Diebstahl. In Die geheimen Schlossöffnungswerkzeuge der Abt. VIII, so der prosaische Titel, dokumentiert Diederichsen faszinierend und bedrückend zugleich, wie sich die Staatssicherheit der DDR dem Einbrechen mit wissenschaftlicher Genauigkeit und nahezu grenzenlosen Mitteln widmete. Der DDR-Geheimdienst besaß große Abteilungen, deren einzige Aufgabe es war, Schlösser zu erforschen und Wege zu finden, sie unerkannt zu knacken.

Brachten Firmen neue Schlösser heraus, fertigte die Stasi regelrechte Forschungsarbeiten an. Mit Geld und Akribie suchten die Spezialisten nach Schwachstellen. Anschließend bauten sie Werkzeuge, um diese Schwächen auszunutzen. "Himmelsschlüssel", "Bartheber", "Minisperrhaken" oder ein "KfZ-Öffnungs- und Dekodierwerkzeug 'Trabant'" waren das Ergebnis. Zum schnellen Kopieren von Schlüsseln gab es für die Agenten kleine Dosen mit Suralin – einer Knete, die durch Erhitzen aushärtete. Mit Suralin spielte in der DDR jedes Kind. Dass die auch zum Einbrechen taugte, war dagegen kein Allgemeinwissen.

Ihre gesammelten Informationen fasste die Stasiabteilung "für die politisch-operative Arbeit" in einem streng geheimen "Schlosskatalog" aller in der DDR verfügbaren Schließsysteme zusammen. Politisch-operative Arbeit war der Euphemismus für die Überwachung von Kritikern und Kritikerinnen, Dissidentinnen und Dissidenten. Denn dank dieser Abteilungen konnten Stasileute, ohne ungewollt Spuren zu hinterlassen, in deren Wohnungen einsteigen und sie zum Beispiel verwanzen.

"Die hatten keinerlei Skrupel"

Für die Schulung der Stasi-Einbrecher, lernt man bei Diederichsen auch, wurden ebenso Lehrtafeln angefertigt, samt Foto des Schlosses und Beschreibung des Vorgehens, um es zu öffnen. Und nicht nur für in der DDR übliche Schlösser! In den Unterlagen fand Diederichsen die Analyse des "Magnetschloss Zeiss-Ikon-System M", ein westdeutsches Schloss, das kleine, unsichtbar codierte Magneten nutzte, mit denen der Schlüssel das Schloss entsicherte. Eine damals revolutionäre Technik. Die Stasi knackte es trotzdem.

Es sei beeindruckend, was sie damals alles konnten, sagt Diederichsen heute in seiner Hamburger Werkstatt. "Die waren schon ganz schöne Pfiffikusse." Das klingt bewundernd, aber seine Bewunderung hat schnell Grenzen, wenn es um die ethische Seite der Arbeit dieser Pfiffikusse geht. So begeistert er von der Technik der Stasi ist, so sehr irritiert ihn die mangelnde Moral.

Für sein Buch hat er einen der Schlossknacker von damals getroffen und ihn interviewt. Der erzählte, dass er mal die Spinde einer ganzen Hundertschaft Soldaten aufgebrochen hatte, um denjenigen zu ermitteln, der ein Hakenkreuz in der Toilette der Kaserne hinterlassen hatte. Oder dass sein Dienst eine Kirche verwanzte, um den sogenannten Panzersprenger von Karl-Marx-Stadt zu finden. "Was ich perfide finde: In diesem Bereich gibt es keine ethischen Grundsätze", sagt Diederichsen. "Beichtstühle zu verwanzen, finde ich schon echt hart. Die hatten keinerlei Skrupel."

Diederichsen dokumentiert eben nicht nur die technische Faszination, er dokumentiert auch, was die Arbeit dieser Spezialabteilung darüber hinaus bedeutete. Das Buch zeigt diverse Polaroidfotos, Aufnahmen von ganz normalen Wohnungen in der DDR – solche Bilder machten die Stasi-Einbrecher, um nach der heimlichen Durchsuchung alles wieder an seinen vorherigen Platz räumen zu können. Diese Bilder unterstreichen auf bedrückende Weise, wie alltäglich der Besuch von "Horch & Guck" damals war.

Diederichsens eigene Schlüsselerlebnisse sind weit weniger dramatisch. Eigentlich, so erzählt er, sei er Kaufmann. "Ich hatte einen Weinladen." Irgendwann habe er mal einen Bericht gesehen über das sogenannte Lockpicking. "Ich habe gedacht, das ist mein Ding", sagt er. Lockpicking ist Englisch für Schlösserknacken und beschreibt eine Szene, die sich damit beschäftigt, mit oder ohne Werkzeug jedes Schloss zu öffnen, ohne es dafür beschädigen zu müssen. Seit mehr als 20 Jahren gibt es dieses Hobby auch in Deutschland und wie es sich hierzulande gehört, haben die Interessierten einen Verein gegründet: Sportsfreunde der Sperrtechnik e.V. heißt er und möchte "die Pflege der Sperrtechnik als sportliche Herausforderung" fördern. Natürlich nur legal. "Du darfst nur Schlösser öffnen, die Dir gehören", lautet der zweite Satz der Sportordnung.

Diederichsen ist selbstverständlich seit langer Zeit Mitglied. Und natürlich hat er auch bei den Meisterschaften im Schlossknacken, die der Verein jedes Jahr ausrichtet, Pokale gewonnen. Mehrfach. Schlüssel sind kulturhistorisch interessant, findet Diederichsen, denn sie seien "ein Machtsymbol". Genau das macht für ihn und viele andere Lockpicker die Faszination aus: "Diese Fähigkeit, den Schlüssel nicht zu brauchen, alle Schlösser öffnen zu können, ist ein tolles Gefühl." Begeistert kann er von der großen Zeit der mechanischen Schlösser Mitte des 19. Jahrhunderts erzählen, von dem Erfindergeist jener mechanischen Epoche und von Menschen wie Jeremiah Chubb, Linus Yale oder Alfred Charles Hobbs.

Vorhängeschlösser, Fahrradschlösser, Sicherheitsschlösser – aus dem Hobby wurde ein Beruf, spätestens als er begann, bei dem Schlüsseldienst eines Bekannten mitzuarbeiten. Es sei irgendwie schade gewesen, dass sie damals noch keine Tresore öffnen konnten, sagt Diederichsen, also widmete er sich auch diesen. Und war dabei erneut sein eigener Lehrer, eine Ausbildung zum Tresoröffner gibt es nicht. "Die Schlösser sind ja doch immer wieder dieselben, der technische Aufbau ist immer ähnlich", sagt er. Eine freundliche Untertreibung. Es gehört viel Geduld dazu, viel Wissen, Fingerfertigkeit, spezielles Werkzeug.

Nicht nur in seiner Werkstatt ist daher alles voller alter Tresore. Auch ein Raum in seiner Wohnung ist den Schlössern gewidmet, ihrem Aufbau, ihrer Geschichte. Hunderte stehen dort in Regalen, liegen auf einem kleinen Tisch, hängen an der Wand. Viele Zylinderschlösser, wie sie in Haustüren stecken, vor allem aber Schließsysteme für Tresore, manche so komplex wie Uhrwerke. Und dort steht auch eine kleine, unscheinbare Maschine, ein Elektromotor mit undefinierbaren Spannvorrichtungen. "Die ist von der Stasi", sagt Diederichsen. Die habe sie gebaut, um unterwegs schnell Schlüssel nachmachen zu können.

Und seine eigene Tür? Die hat er gut gesichert. Aber auch nicht gerade wie eine Festung. Es gehe darum, den normalen Einbrecher abzuschrecken, sagt er. Wenn jemand unbedingt hineinkommen wolle, dann schaffe er das auch. Keine Technik sei unüberwindbar, schon gar nicht für einen Geheimdienst. "Da braucht man sich keiner Illusion hinzugeben, was heute dank elektronischer Unterstützung alles möglich ist. Wenn Energie, Geld und Manpower verfügbar sind, ist alles machbar."

Oliver Diederichsen: "Stasi Secret Service Tools: Die geheimen Schlossöffnungswerkzeuge der Abt. VIII". Eigenverlag, Hamburg 2018. 383 Seiten, 69 Euro.