Alle Wünsche erfüllen sich – per Knopfdruck oder gar, bevor sie sich überhaupt ins Bewusstsein übersetzen. Alles scheint ständig nach allen Seiten hin offen, ein großes Wunder, aber auch eine große Verunsicherung. Denn: Was zum Teufel wünschen wir uns eigentlich?

"Es gibt ein Suchinterface. Ich weiß nicht, wonach ich suchen soll", heißt es in einem der superkurzen Eröffnungstexte von Lyophilia, dem neuen zukunftsgerichteten Erzählband der 37-jährigen Dichter-Philosophin Ann Cotten. Und zwei Sätze später: "Nach Relevanz ordnen? Klar." Ein Glück gibt es freundliche Algorithmen, die Cottens Figuren permanent Strukturierungsvorschläge unterbreiten. Ohne derlei Hilfestellungen wäre auch Zladko ziemlich verloren, der Ich-Erzähler in Proteus oder: Die Häuser denen, die drin wohnen, mit über 200 Seiten die längste Erzählung des Bandes und eigentlich schon ein Roman für sich. Zladko ist Musiker, um die 40, pendelt zwischen Wien und Slowenien, und versucht, seine Adoleszenz mittels Alkohol- und Drogenkonsum möglichst lange auszudehnen. Im Grunde genommen verkörpert er das, was man einst "Slacker" nannte, nur eben – ein paar Jahre weiter gedacht – in Gestalt eines Millennials kurz vor der Midlife-Crisis. 

Als "Science-Fiction auf Hegel-Basis" hat Cotten das Buch angekündigt, doch zumindest sein Kernstück liest sich dann doch sehr gegenwartsnah. Vorzeichen einer apokalyptischen Zukunft finden sich lediglich in Nebensätzen: In Bayern explodiert ein Atomkraftwerk und der Rhein überschwemmt den Ruhrpott, was dem Begriff "Klimaflüchtling" ganz neue Bedeutungen verleiht. Derart Welthaltiges blendet der Erzähler allerdings gerne aus, und so erfahren wir kaum weitere Details. Stattdessen verstrickt sich Zladko ganz zeitlos in private Amouren, die vielleicht für eine Art analoge Filterblase stehen, oder eben für die extreme "Löslichkeit" von Identität, Sprache und Bewusstsein, auf die der Titel des Buches verweist.

In Cottens neuem Buch wird das manchmal allzu Lyophile – in der Chemie eine Bezeichnung für leicht lösliche Substanzen – der conditio humana in allerlei gewitzten Varianten nicht bloß durchgespielt, sondern nach Herzenslust zerpflückt, durchgekaut, verworfen und neu zusammengesetzt. Allzeit bereit, sich in allem aufzulösen, was ihm unterkommt, vermischt sich etwa Zladko zunächst mit der faszinierenden, aber leider gebundenen Ganja, dann mit ihrem pansexuellen Emo-Cyberpunk-Sohn Igor, und – da ihn beide an der langen Leine halten – mit der eher einfach gestrickten, aber wenigstens verlässlichen Lore. Allerdings sind diese seifenopernreifen Mehreckskonstellationen, die Bandproben und Musikfestivals, durch die der liebeskummergebeutelte Antiheld stolpert, kaum mehr als schillernde Hintergrundfolie, vor der sich die unendliche Mimesis von Sprache und Begehren in ihren linguistischen, popkulturellen, soziologischen und psychoanalytischen Dimensionen aufdröselt.

Dass sich Cotten in jedem Satz, ja fast schon jedem Wort auf mindestens drei bis vier Deutungsebenen gleichzeitig bewegt, dürfte keine große Überraschung mehr sein seit ihrem skurril-verspielten Versepos Verbannt! oder der ekstatischen Experimentierprosa in Der schaudernde Fächer. Literarisch funktioniert das auch in Lyophilia wunderbar, solange sie das Grundprinzip der Lyophilisation (zu Deutsch: Gefriertrocknung) beherzigt: Was auf seine Essenz reduziert wurde, will wieder gut befeuchtet sein, um Geruch und Geschmack zu entfalten. Das gelingt zum Beispiel meisterlich, als in Proteus Ganja und Zladko in ein Paralleluniversum gesaugt werden, in dem wortwörtlich Denken Welt baut und die Dinge funktionieren, bis man das Vertrauen in sie verliert. Was sich auch als herrliche Spielwiese für allerlei poststrukturalistische Reflexionen erweisen könnte über das Gemachtsein der Welt durch Denken und Sprache, bleibt bei Cotten wohlweislich im Register des Comichaft-Überzogenen. Merke: Es empfiehlt sich ganz und gar nicht, in dieser Parallelwelt "Karamelltsunami" zu denken!