Dieser Artikel erscheint auf unserer Schriftstellerplattform "Freitext". Am Sonntag schrieb dort bereits der Berliner Autor Jan Brandt über die Spätis. Hier lesen Sie seinen Text. Und hier finden Sie alle "Freitext"-Artikel.

Selten erreichen uns hier in der Provinz derart schreckliche Nachrichten wie jene neulich aus der Bundeshauptstadt. Vorausgeschickt sei folgende Erklärung an alle Berlinerinnen und Berliner, an solche, die sich für Berlinerinnen und Berliner halten, und all jene, die aus Baden-Württemberg nach Berlin zogen, um heruntergekommene Häuser aufzukaufen und vor dem Verfall zu bewahren. Wir in München, abseits der Metropolen und des wahren Lebens, erhalten nur alle heiligen Zeiten wichtige Mitteilungen aus der Republik. Das liegt unter anderem daran, dass wir, anders als etwa Berlin mit seinen zahlreichen Berliner Zeitungen, nur eine einzige süddeutsche Zeitung haben und dazu eine Handvoll kleinerer Anzeigenblätter, die uns mit Berichten aus den Jahreshauptversammlungen der Kaninchenzüchter und Raiffeisenbanken versorgen. Darüber freuen wir uns und sind dankbar.

Auch das Internet funktioniert in München entgegen anderslautenden Verkündigungen aus der Staatskanzlei nur ein Mal pro Woche, meist am Donnerstag. Neiderfüllt schauten wir jahrzehntelang nach Nordosten, Richtung Berlin, wo die Menschen sich Tag für Tag vor Fernsehern versammelten und Filme in Farbe oder sogar HD anschauten. Fabelhafte Welt der Technik. Immerhin werden mittlerweile in ausgewählten Münchner Geschäften Farbfernseher angeboten, allerdings zu horrenden Preisen, was uns natürlich nicht abschreckt, da wir, wie gerade die Berlinerinnen und Berliner wissen, in Geld nur so schwimmen, und zwar jeder Einzelne hier in der Provinz. Ist halt so.

Was ich sagen will: Wir leben vor uns hin in trostloser Abgeschiedenheit, wohlhabend und ahnungslos, und deshalb erschrecken wir einfach unbändig, wenn uns, gerade aus der Megametropole Berlin, das Schlimmste zu Ohren kommt. Wir haben erfahren, dass ein Gerichtsurteil nun dafür sorgt, dass die Kioske am Abend vor Sonn- und Feiertagen spätestens um 24 Uhr schließen müssen und sich Spätis also, wenn wir das richtig interpretieren, am Wochenende in Frühis verwandeln.

Leck mich am Arsch. Wie kann man auf so eine Idee verfallen? Wer denkt sich einen derartigen Irrsinn aus? Ein Irrer? Eine Irrin? Spontan haben wir in Giesing – das ist ein winziger Stadtteil Münchens, teilweise noch ohne Strom und Kanalisation – eine Lichterkette gebildet, und zwar bis fünf Uhr morgens. Dem Späti zu Ehren.

Natürlich würden wir uns von unserer kleinen Stadt am Fluss aus und in den zerrissenen Lederhosen und ausgebleichten Baumwollhemden, die wir ständig tragen, niemals anmaßen, Berlinerinnen und Berlinern einen Rat zu erteilen. Und wenn wir es hier dennoch tun, dann aus einer bescheidenen Form von Solidarität heraus und aufgrund unserer katholischen Erziehung, die uns lehrt, Mitgefühl gerade mit den Allergebeuteltsten zu zeigen.

Liebe Berlinerinnen und Berliner, Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt, die niemals schläft, traut euch was und trotzt den menschenfeindlichen Entscheidungen verirrter Richter und versenkt eure nutzlosen Ladenschlussgesetze in der Spree. Geht auf die Straße – falls ihr da nicht eh schon seid –, verweigert den Genussverächtern die Gefolgschaft, solidarisiert euch mit jedem einzelnen Spätibetreiber und zeigt, was ihr könnt. Sauft einen Kiosk leer und dann den nächsten und immer so fort, bis Diedaoben kapieren, wie grausam die Schließung eines Spätis die Existenz jeder Berlinerin und jedes Berliners bedrohen würde. Ihr dürft, verzeiht das offene Wort, nicht aufhören zu saufen. Beweist den selbst ernannten Gesundheitsaposteln und deren Wasserträgern, dass eine Zerschlagung dieser seit Jahrhunderten bestehenden Tradition das Gefüge von vier bis sechs Millionen Menschen im Kern erschüttern und im übelsten Fall zum Einsturz bringen könnte. Das will niemand. Auch wir nicht, Freundinnen und Freunde in Berlin, die wir zwar nie rauskommen aus unserer Ecke, die wir aber, vielleicht wie sonst kein Volk auf Erden, die Angst vor dem Verlust von Saufstätten elementar nachvollziehen können. Ach, nichts wünschten wir uns sehnlicher als wenigstens zwei oder drei Spätis in unserem Städtchen. Eine Anlaufstelle im tiefen Finstern, einen Halt nach einem langen, leeren Tag.

Wir rufen Bärli! Bärli!

Wie ihr wisst, werden bei uns die Bürgersteige um achtzehn Uhr dreißig hochgeklappt, die meisten bereits um siebzehn Uhr und einige am Morgen gar nicht erst aufgeklappt, weil sich der Aufwand mangels Leben nicht lohnt. Wir sind so tot in München und ihr seid so lebenslustig in Berlin. Ja, wir beneiden euch über die Maßen.

In manch eisiger Nacht treffen sich ein paar Versprengte am Lagerfeuer und rufen Bärli!, Bärli! zum schwarzen Himmel empor. Das ist unser Kosewort für eure Stadt. Zugegeben, unter uns leben viele Sprachgestörte, die kein N aussprechen können, ihnen bleibt nichts anderes übrig, als Bärli zu rufen, obwohl sie vom Herzen her und aus Respekt gern den vollständigen Namen eurer Stadt bejubeln möchten. Sie sagen auch immer Müche statt München, aber sie können ja nichts dafür, und wir verzeihen ihnen. Schließlich sprechen wir alle eine unverständliche Sprache, vielleicht, denk ich oft, ist dies einer der Hauptgründe, warum wir niemals metropolisch werden und dazu verdammt sind, in unserem Nest am Rand der Welt für immer zu verharren.

Das darf euch niemals passieren! Der Späti ist die Freiheitsstatue eurer riesig großen, unerreichbaren Stadt. Ihr müsst um sie kämpfen, um die Stadt und die Statue, um die Freiheit und das Große. Begreift die Zeichen der Zeit und lasst euch nicht von Populisten an die Wand drängen. Ihr seid das Volk! Jetzt ist der Späti! Ihr schafft das!

Bald ist wieder Oktober. Und dann, ja dann werden wir für euch auf die Barrikaden gehen, auf Bierbänke und Biertische, und wir werden nicht eher aufhören zu saufen, bis ihr unsere Fahnen riechen könnt, Berlinerinnen und Berliner, auf dem Kurfürstendamm und Unter den Linden und am Prenzlauer Berg erst recht. Wir nehmen das Koma in Kauf, für euch, unsere Freunde!

Da Späti däaf net stäam!