Ágnes Heller ist tot. Die ungarische Philosophin und Soziologin starb im Alter von 90 Jahren im Badeort Balatonalmádi am Plattensee. Dies bestätigte die Ungarische Akademie der Wissenschaften (MTA), deren Mitglied sie war und in deren Ferienheim sie zu ihrem Todeszeitpunkt Urlaub machte. Nach Angaben des Portals 444.hu, das sich auf Augenzeugen berief, schwamm sie in den See hinaus und kehrte nicht mehr zurück.

Heller war eine Schülerin des ungarischen marxistischen Philosophen Georg Lukács. Nach dem ungarischen Volksaufstand von 1956 stellte sie das sozialistische Herrschaftssystem ihrer Heimat Ungarn infrage und wurde zur Dissidentin. 1989 kehrte sie nach Ungarn zurück und wurde zu einer wichtigen und streitbaren Stimme eines modernen Liberalismus. Dies brachte sie in entschiedene Gegnerschaft zur Regierung des seit 2010 amtierenden rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orbáns, den sie als "rechtsorientierten, nationalistischen Demagogen" bezeichnete. Die Regierungspresse warf ihr wiederholt die Verschwendung von Forschungsgeldern vor – dies beruhte jedoch auf keinen Tatsachen.

Leben und Freiheit waren für sie die obersten Werte

Geboren wurde Heller 1929 als Tochter jüdischer Eltern in Budapest. Während ihre übrigen Familienangehörigen im Holocaust ermordet wurden, konnte sie mit ihrer Mutter der Deportation entgehen. Nach dem Krieg begann sie zunächst ein Studium der Physik und Chemie, wechselte jedoch nach einem Vortrag des Philosophen Lukács zur Philosophie und zur ungarischen Literatur. Seit 1947 Mitglied der Kommunistischen Partei, wurde sie nach dem Volksaufstand 1956 ausgeschlossen und verlor ihre Stelle an der Universität. Nach jahrelangen Repressionen emigrierte sie 1977 nach Australien, wo sie eine Soziologieprofessur in Melbourne innehatte. 1986 wurde sie Nachfolgerin von Hannah Arendt auf deren Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York.

Heller beschäftigte sich vor allem mit Geschichts- und Moralphilosophie. Ausgehend von ihren Erfahrungen als Überlebende des Holocaust wollte sie Auschwitz und den Stalinismus verstehen, um "eine neue Welt zu errichten". Wie sie in ihrem Frühwerk Der Mensch der Renaissance (1964/65) ausführte, waren für sie Leben und Freiheit die obersten Werte. Laut Heller stammen alle großen Kulturleistungen "aus den Bedürfnissen, Konflikten und Problemen des täglichen Lebens". In Büchern wie Alltag und Geschichte (1970) oder Das Alltagsleben (1978) – untersuchte sie die Bildung von Individualität im Hinblick auf die entfremdeten Strukturen des Alltags. Zudem verfasste Heller eine umfassende Theorie der menschlichen Bedürfnisse, die den Marxismus so umformuliert, dass er mit dem Anspruch auf Ganzheitlichkeit des Menschen zusammengeht.

Heller wurde 1981 mit dem Hamburger Lessing-Preis und 2011 mit dem Ossietzky-Preis der Stadt Oldenburg geehrt. Auf Deutsch erschienen von ihr unter anderem Theorie der Gefühle (1980), Der Affe auf dem Fahrrad. Eine Lebensgeschichte (1999) und zuletzt, in diesem Jahr, Paradox Europa.

Vor wenigen Wochen hatte DIE ZEIT Gelegenheit, mit Ágnes Heller zu sprechen, das Interview fand anlässlich des 90. Geburtstag von Jürgen Habermas statt.