Düstere Aussichten für Berlin-Kreuzberg: Da denkt man in der Regel an Wohnungen, die sich keiner mehr leisten kann, an Drogen oder an Gewalt. Immer aber geht es darum, wie sich Menschen gegenseitig ausschließen oder verletzen oder mit Rauschmitteln versorgen: um Menschen, die anderen Menschen gefährlich werden.

Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten, der neue Roman der SchriftstellerinEmma Braslavsky, macht Kreuzberg zum Schauplatz einer ganz anderen Art von Dystopie. Hier sind es Maschinen wie ich, um es mit Ian McEwans aktuellem, ähnlich verortetem Bestseller zu sagen, die im Zentrum der Konflikte, der Ungleichheiten, der Gewalt stehen. Gerade deshalb aber handelt das Buch auch davon, was es heißt, ein Mensch zu sein, was das im besten Fall bedeuten könnte – und wozu es in einem weniger guten Fall führen kann. Zum Beispiel zum Zusammenleben mit Maschinen.

Die Hauptfigur ist Roberta, eine weibliche Recheneinheit, konfiguriert und eingesetzt als Kriminalkommissarin. Sie ermittelt im Fall des Selbstmords von Lennard Fischer, der gerne Schauspieler geworden wäre, der Gedichte schrieb und malte, pleite war und Drogen nahm, der ein Patenkind in Afrika hatte und selbst mit einer "Künstlichen" zusammenwohnte.

Es ist eine besondere Art der Ermittlung: Der Täter steht schließlich bereits fest, Robertas Aufgabe ist es vor allem, Angehörige zu finden, die die Beerdigungskosten übernehmen. Das ist in dieser zeitlich nicht genau bestimmten Zukunft, über die man aber erfährt, dass der spanische Regisseur Pedro Almodóvar (Jahrgang 1949) in ihr "weit über hundert Jahre" wäre, auch deshalb notwendig geworden, weil Selbstmorde sich häufen.

Braslavskys Roman gehört damit zu einer ganzen Reihe in letzter Zeit erschienener Texte, die in der nahen Zukunft spielen. Lyophilia von Ann Cotten, Sina Kaufmanns Helle Materie, Miami Punk von Juan S. Guse, Yoko Tawadas Sendbo-o-te: Die Zeit, in der literarische Neuerscheinungen sich am liebsten mit realistischer Selbstbespiegelung oder Familiengeschichtsschreibung beschäftigten, Zukunftsvisionen weitgehend der Genreliteratur vorbehalten waren, ist vorbei. Jetzt geht es um das, was uns an Veränderungen erwartet oder das bereits begonnen hat, unser Leben zu verändern.

Die Literatur ist darin nicht einmal Avantgarde, sondern angekommen in einer Gesellschaft, deren Blick sich gerade nach vorn richtet. Zum Beispiel in Bezug auf künstliche Intelligenz und künstliche Menschen: In den Kinos erzählt bald I am mother von einem Mädchen, das von einem Roboter großgezogen wird. In großen Zeitungen werden KI-Professuren ausgeschrieben, in der U-Bahn lesen Menschen populärwissenschaftliche Bücher darüber. Und erzählt man Bekannten von den Büchern, sagen die gleich: "Oh ja, davon spricht unsere Personalabteilung auch gerade ständig!"

Warum aber fiktionale Texte darüber lesen? Einiges spricht dafür, dass die Mittel der Literatur tatsächlich besonders geeignet sind, die Menschen von heute in eine wirkliche Beziehung zu Entwürfen des Morgen zu setzen. Zwischen dystopischer Panikmache, unkritischem Fortschrittsglauben und cineastischer Materialschlacht vermitteln sie präzise die Vorstellung einer Welt, in der zum Beispiel das Denken und Fühlen nicht mehr allein dem Menschen vorbehalten ist, in der ihn Maschinen selbst auf diesem Gebiet überholen könnten.