"Haha, Boris Johnson! Darüber kann ich nicht lachen" – Seite 1

Katy Derbyshire stammt aus London und lebt seit 1996 in Berlin. Sie übersetzt zeitgenössische deutschsprachige Literatur ins Englische, unter anderem die Texte von Clemens Meyer, Olga Grjasnowa und Heike Geißler. Sie ist Mitgastgeberin bei der "Dead Ladies Show" im Berliner ACUD – und beginnt nun ein Engagement als Verlegerin bei V&Q Books, einem im Aufbau befindlichen englischsprachigen Ableger des deutschen Verlags Voland & Quist.

ZEIT ONLINE: Frau Derbyshire, in Kürze wird der Verlag Voland & Quist offiziell verkünden, dass er ins Vereinigte Königreich expandiert, mit einem Programm ins Englische übersetzter Titel deutschsprachiger Literatur …

Katy Derbyshire: … und perspektivisch hoffentlich auch mit Büchern aus anderen Sprachen – und in Deutschland geschriebener englischsprachiger Literatur.

ZEIT ONLINE: Sie verantworten diese Reihe inhaltlich. Warum dieser Schritt gerade jetzt, wo doch alle sonstigen Zeichen auf eine Ablösung der Insel vom europäischen Festland stehen?

Derbyshire: Na, darum. Für mich ist es so: Ich habe mich entschieden, in Deutschland zu bleiben, ich bin im Jahr 2017 auch deutsche Staatsbürgerin geworden, was emotional nicht ganz ohne war. Daher war mein Gedanke: Wie kann ich als Übersetzerin dafür sorgen, dass es weiterhin eine Bewegung vom Deutschen ins Englische gibt? Wie kann ich auch ein Stück weit beeinflussen, welche deutschen Titel ihren Weg ins Vereinigte Königreich und nach Irland schaffen?

ZEIT ONLINE: Sie nennen das Programm Ihre persönliche "Langzeitantwort auf den Brexit". Inhaltlich haben die ersten drei Bücher, die im September 2020 erscheinen sollen, aber nichts mit dem Thema zu tun. Oder doch?

Derbyshire: Nein, das müssen sie auch nicht. Es geht darum, was an tollen Büchern in Deutschland entsteht. Aber natürlich ergeben sich Bezüge: Lucy Fricke lässt in Töchter zwei Frauen um die 40 einen Roadtrip durch Europa machen und dabei über schreckliche Väter reden – damit können viele Leserinnen etwas anfangen und zugleich ist es wirklich witzig. Da viele Briten den Deutschen ja nicht glauben, dass hier überhaupt Humor existiert, wird da schon mal ein Vorurteil widerlegt. Francis Neniks Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert handelt von einem unbekannten DDR-Autor, der in den Zwanzigerjahren schon Kommunist in Leipzig war und einen super verworrenen Lebensweg hatte. Historical Fiction lesen britische und irische Leser sehr gern, diese hier aber finde ich anspruchsvoller als das Allermeiste.

ZEIT ONLINE: Und der dritte Titel zum Start?

Derbyshire: Sandra Hoffmanns Buch Paula liebe ich einfach, eine sehr persönliche Geschichte über die Beziehung zwischen einer Enkelin und ihrer schwäbischen Oma. Das ist einfach … relatable. Was mir bei allen drei Büchern wichtig ist: dass ihre Geschichten an einem erkennbaren Ort spielen, dass es einen sense of place gibt. Es geht ja, wenn es überhaupt ein konkretes Ziel gibt, ein bisschen darum, den 48 Prozent der Wähler in Großbritannien, die gegen den Brexit gestimmt haben, den Weitblick zu erhalten. Und gern können die Bücher auch die Wirkungen von Geschichte zeigen. Wir werden ja dann auch sehen, welche Wirkungen der Brexit hat.

ZEIT ONLINE: Hat sich im Zuge des Brexits das Interesse an europäischer Festlandsliteratur in Großbritannien verändert?

Derbyshire: Ich hoffe natürlich, dass die Leute sagen: Wir lesen jetzt erst recht europäische Bücher. Und wir gehen erst recht zu Veranstaltungen mit europäischen Autorinnen und Autoren. Diejenigen, bei denen ich zuletzt war, waren jedenfalls sehr gut besucht. Ich hoffe, dass die Leute feiern, was ihnen zunehmend verloren gehen könnte. Und dass sie die persönlichen und kulturellen Verbindungen nun eher noch stärken als Reaktion auf die Abschottung, die in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens stattfindet.

ZEIT ONLINE: Was aber bringt diese Arbeit politisch? Wenn man das Fenster aufhält für die happy few

Derbyshire: … eher unhappy few

ZEIT ONLINE: … die ohnehin schon europäisch denken, bewirkt das doch eigentlich nichts, oder?

Derbyshire: Es wäre naiv zu glauben, mit Büchern ließe sich die Welt reparieren. Oder dass Romane tief sitzende Weltbilder verändern können. Überzeugte Brexiteers werde ich niemals umstimmen. Aber für die, die sich weiter europäisch fühlen wollen, möchte ich eine literarische Landschaft pflegen, die ihnen das ermöglicht. Und das nicht nur aus geschäftlichen Gründen.

ZEIT ONLINE: Gab es vorab ökonomische Bedenken des deutschen Verlags, den britischen Imprint tatsächlich zu realisieren? Auch solche, die mit einem möglichen harten Brexit zu tun haben?

Derbyshire: Wir haben schon sehr genau geguckt, und es bleibt ein großes Risiko. Aber das hat erst einmal nichts mit einem harten Brexit zu tun, mit Zöllen oder ähnlichem. Wir müssen aber hoffen, dass das Pfund nicht zu weit in den Keller geht, weil wir auch hier auf dem Festland Geld ausgeben, in Euro.

ZEIT ONLINE: Sie selbst haben in der Vergangenheit häufiger zum Geschehen in London getwittert. Als Boris Johnson nun am Mittwoch das Parlament in einen verlängerten Zwangsurlaub schickte, blieben Sie sehr ruhig. Warum?

"Es drückt und drückt und drückt aufs Gemüt"

Katy Derbyshire im Gespräch © Michael Pfister für ZEIT ONLINE

Derbyshire: Das ist ein Stück weit auch Selbstschutz. Ich habe keine Stimme mehr dort, ich darf in Großbritannien nicht mehr wählen nach mehr als 15 Jahren in Deutschland. Zugleich habe ich Angst um meine Familie, die auf ein funktionierendes Gesundheitswesen angewiesen ist. Ich kann nicht rund um die Uhr mit dieser Wut herumlaufen. Ich muss, nein, ich darf hier in Berlin auch mal das Leben genießen. Die Situation mit dem Brexit besteht seit fast drei Jahren, und sie drückt und drückt und drückt aufs Gemüt. Das darf einfach nicht zu viel werden.

ZEIT ONLINE: Überraschen Sie trotzdem noch konkrete Entwicklungen in Großbritannien?

Derbyshire: In dieser Woche natürlich schon. Aber ich weiß auch, dass ich niemandem etwas Neues mitteile, wenn ich mich darüber aufrege. Auch meine Familie muss ich von nichts überzeugen.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie den Brexit entspannter, seit Sie Deutsche sind?

Derbyshire: Natürlich. Es war sehr wichtig zu wissen, dass ich mit meinem Kind hierbleiben kann. Und sehr schön ist es auch, nicht mehr zum Ausländeramt zu müssen. Generell: sicherer Boden unter den Füßen ist wichtig. Dieser schnuckelige kleine deutsche Ausweis: very useful. Und manchmal denke ich auch: Juhuu, ich kann jetzt schwarzfahren! Nicht, dass ich das jemals tun würde.

ZEIT ONLINE: Wie schätzen Sie aus der Berliner Distanz die kulturellen Kräfteverhältnisse im Vereinigten Königreich gerade ein? Auf der einen Seite gibt es ja die #StopTheCoup-Proteste in den großen Städten, in den sozialen Medien scheinen aber ungeduldige Brexiteers die Oberhand zu haben.

Derbyshire: Ich vermag kaum etwas dazu zu sagen, ich sehe nur, dass die Demonstrationen gegen Johnsons Politik nicht so massiv aussehen, wie manche das vielleicht gern hätten. Meine persönliche Erfahrung ist: Wenn Briten in ihren privaten Beziehungen Konfliktpotenzial im Hinblick auf den Brexit sehen, vermeiden sie das Thema – vielleicht rutscht es auch deshalb in die Kommentarspalten.

ZEIT ONLINE: Was könnte eine europäische Öffentlichkeit jetzt noch tun, außer weiter besorgt zuzuschauen?

Derbyshire: Man kann immer wieder signalisieren, dass die Türen noch offen sind, dass Briten hier noch willkommen sind, dass es Zuneigung gibt. Was mich, die ich ja weiterhin oft als Britin wahrgenommen werde, wirklich stört: wenn Leute in Deutschland das alles sehr, sehr witzig finden. Haha, Boris Johnson! Darüber kann ich nicht lachen.

ZEIT ONLINE: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Vereinigten Königreichs?

Derbyshire: Ich möchte natürlich, dass es noch ein zweites Referendum gibt. Hoffentlich sind die jungen Leute, die 2016 noch nicht wählen durften, jetzt 18.

ZEIT ONLINE: Keinerlei Verständnis für diejenigen, die zum Brexit sagen: It’s the will of the people?

Derbyshire: Wenn die Versprechungen eingehalten würden: vielleicht. Aber von einem Tag auf den anderen die Wirtschaft zusammenbrechen zu lassen bei einem harten Brexit, ist sicher nicht the will of the people.