Die italienische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen eine junge Frau, weil diese Menschen vor dem Ertrinken bewahrt hat. Beihilfe zur illegalen Migration heißt das dann. Sie könnte zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt werden. Die Rede ist nicht von Carola Rackete, sondern von Pia Klemp, der zweiten deutschen Kapitänin auf Mittelmeerrettungsschiffen. Seit 2015 war Klemp im Auftrag von Sea-Watch und Jugend rettet im Mittelmeer unterwegs. Jetzt darf sie nicht mehr, ihr Schiff Iuventa ist beschlagnahmt. Doch Pia Klemp hat ein Buch geschrieben – über eine Kapitänin, die hinaus auf das Mittelmeer fährt, um Menschen zu retten. Es heißt Lass uns mit den Toten tanzen.

So wie es klar ist, dass die Geschichten aus dem Mittelmeer erzählt werden müssen, ist auch die Herausforderung klar, der die Autorin Pia Klemp gegenübersteht. Was tun mit der eigenen Betroffenheit, mit dem moralischen Zeigefinger, dem legitimen Anspruch, Mission in eigener Sache zu betreiben? Was will so ein Buch und welche literarischen Mittel tun dem genüge? Wenn eine Sea-Watch-Kapitänin ihre Erfahrungen in Worte fasst, ist das, was dabei herauskommt, immer ein Debattenbeitrag, ein Statement. Klemp hat aber keine Rede gehalten, sondern diese Tatsächlichkeiten zu einem Roman fiktionalisiert, der sich die Frage gefallen lassen muss, ob er als solcher gelungen ist. Oder?

Klemp möchte, das ist dem Text von der ersten Seite an anzumerken, die Erwartung an die engagierte Rede untergraben, indem sie sich selbst als lakonische Erzählerin setzt und als "Arschloch" betitelt. Und den Leserinnen den aus der Arbeit geborenen Zynismus gleich kalt um die Ohren haut. "Tschüss Volk, tschüss hanebüchene Regeln. Wir sind jetzt unser eigener Planet und schwimmen losgelöst vom Gesellschaftsquatsch herum." Damit könnte auch das Fusion Festival gemeint sein. Es ist aber die Abfahrt in Richtung Libyen.

Diese angenervte Attitüde der Kapitänin, die lebenrettend die eigene Misanthropie hochhalten mag, ist einerseits verständlich, andererseits bemüht. Und übertüncht etwas den Plot, in dem wir uns zurechtfinden müssen. Plot: Es fühlt sich falsch an, das Wort anzuwenden. Die Geschichten kennen wir Tagesschau-Glotzer ja ohnehin, die Autorin hat bereits Bewegtbilder produziert: von Schiffen, die ausfahren, von jungen, manchmal etwas zotteligen Menschen, die sich der Rettung verschrieben haben, vom dramatischen Einsatz, von Geflüchteten, die im Blitzlichtgewitter an Land gehen.

Was das Buch dennoch gleich, zunächst einmal nur als Dokument, lesenswert macht, ist die bisher wenig artikulierte Alltags- und Innensicht. Deutlich wird zum Beispiel, während die Kapitänin mit ihrer Crew das erste Schiff seefertig macht und auf die Auslauferlaubnis wartet (und raucht und trinkt), dass in diesem ganzen Komplex vertrackte moralisch-philosophische Fragen stecken. Die Erzählerin des Buches ist reflektiert und benennt die inneren Widersprüche: "Anspannung und der Geruch von Dieselöl liegen in der Luft, zusammen mit der Frage, ob das Vorfreude ist und ob diese sein darf." Zum Glück sind nur wenig später die Rohre verstopft von Kotze. Das alles ist Arbeit. Die erste Rettung wird fast nüchtern zu Protokoll gegeben. 240 Überlebende, keine Toten. "Otta watet durch das abgesoffene Boot und sucht es mit ihren Füßen nach Leichen ab. Vorsichtig schiebt sie sich durch die treibenden Klamotten und Benzinkanister. Das ist jetzt alles Müll, das Boot an sich und das, was noch drauf ist. Am Ende bleibt nichts als Verderb in diesem Meer."

Protagonisten außerhalb der Crew sind im Buch rar, auch weil es um das Management großer Gruppen geht. Es dauert, bis mit Saad und Firas zwei Geflüchtete zu Menschen werden, weil sie nur zu zweit sind auf ihrem Boot und deswegen auch die Leserin ihre Namen erfährt. Der Antagonist, das – ja, doch ­– "feindliche" Italien wird dagegen hübsch plastisch. Die Erzählerin telefoniert und mailt mit Rom, verhandelt, fordert Schiffe an, die wiederum Geflüchtete von ihrem Schiff übernehmen, erbittet Koordinaten – und bekommt schließlich eine Falle gestellt. Die erste Ausfahrt endet mit der Beschlagnahmung des Schiffs und der Anklage gegen die Besatzung. Presse am Pier und Blaulichter in der Nacht, das Geplärre der Küstenwache über Funk. Es ist ein Thriller, herausgegriffen aus dem echten Leben, gerade mal ein Jahr her, ein Ringen der Kräfte, in dem das Böse der Staat ist, die gewählte Ordnung an sich. Trotz aller Systemverzweiflung, die Pia Klemp zu einer Radikalen im besten Sinne macht – an die Unwirklichkeit dieser Konstellation gewöhnt man sich offenbar nicht: "Sollten die nicht eher eine Parade für uns schmeißen?"