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Ich habe das beste Sommerkleid montiert, den Zauselbart shampooniert, die Glatze poliert und dann mit dem Stift in der Hand das 160 Seiten starke Programmheft studiert: Das letzte Mal, dass ich mich für eine Musikveranstaltung so penibel vorbereitet und in Schale geworfen habe, muss anno 1980 in Bayreuth gewesen sein. Damals hörte ich zum ersten Mal den Ring des Nibelungen, und als braver achtjähriger Nerd kämpfte ich mich vorher durchs gesamte Libretto, hoiohoho, ich sehe die zerfledderten gelben Reclam-Heftchen noch vor mir.

Daran muss ich jetzt denken, während ich auf das Festspielhaus, pardon: die Kulturbrauerei zusteuere … und sehen die Backsteine, aus denen die alte Schultheiss-Brauerei gebaut ist, nicht genauso aus wie die des Bühnengebäudes in Bayreuth?

Das Pop-Kultur Festival, zum fünften Mal in Berlin, ist das Hochamt der – nun ja – Popkultur, ein Weihefestspiel, ein Musikmarathon. Drei Abende, mehr als ein Dutzend Spielstätten, über 100 Konzerte, Filme, Performances, Talks – eine willkommene Gelegenheit, alte Pop-Idolinnen und -Idole mal wieder zu erleben, neue zu entdecken und nebenbei den Tinnitus auf Vordermann zu bringen.

Gut möglich, dass sich dabei die Bayreuth-Assoziation so penetrant breit macht, weil das Festival mit einer Pop-Fassung von Wagners Ring eröffnet wird: eine Kollaboration von 21 Downbeat und Jens Friebe. 21 Downbeat ist die Hausband des ortsansässigen RambaZamba-Theaters, ein inklusives Projekt, bei dem, wie der Name andeutet, mehrere Künstler mit Down-Syndrom mitwirken. Und Jens Friebe hat auf seinem letzten Album schon den Herrn der Ringe auf popkompatible 3 Minuten 33 gesundgeschrumpft, dabei alles Wesentliche gesingsangt und dürfte somit auch für Wagner der richtige Mann sein.

Dieser Ring beginnt mit einem synthetischen Dröhnen, das auf dem Anfangsakkord der Rheingold-Ouvertüre basiert, Es-Dur, wogend, wabernd, dazu skandiert die Band die Eröffnungsstabreime der Rheintöchter: "Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagalaweia!". Damit ist das Konzept des Abends auch schon umrissen: Leitmotive werden zu Riffs heruntergebrochen, bekannte Textstellen sloganisiert, die doch recht verzweigte Handlung in Zwischentexten zusammengefasst. "Wotan hatte sich das nicht gut überlegt. Nun ist es zu spät" (über die offene Handwerkerrechnung für Walhall). "Fricka macht Wotan wegen des Benehmens seiner Kinder zur Sau" (über die Walküren). "Inzestuöse Spannung liegt in der Luft" (über Siegmund und Sieglinde). Das ist in seiner gesunden Respektlosigkeit immer wieder komisch, erinnert manchmal aber auch ungut an parodistische Kleinformate wie Und Gott chillte. Die Bibel in Kurznachrichten oder Theatercomedyformate wie Shakespeares gesammelte Werke in 90 Minuten.

Der vielleicht ergreifendste Song des Abends arbeitet sich dann auch nicht an Wagner ab, sondern an Velvet Underground: Das schwer verliebte Geschwisterpaar Siegmund und Sieglinde singt "Ich bin dein Spiegel". Inzestuöse Spannung liegt in der Luft.