Mykki Blanko in Aktion © Christoph Mangler/​Pop-Kultur

Und noch etwas liegt bei der diesjährigen Pop-Kultur in der milden Spätsommerluft: der Wille zur großen Form, zum Mythos, zum Ritual. An allen Ecken und Enden des Festgeländes offenbart er sich - bei der Hamburger Performerin Nas Tea, die am Eröffnungsabend weißverschleiert vor der türkischen Çaystube im Innenhof steht und die Besucher auffordert, sie einer rituellen Waschung zu unterziehen: "Don’t be afraid. Wash my pain away." Beim Auftritt des queeren Gesamtkunstwerks Mykki Blanco, der durchs Publikum panthert, eine Massentaufe mit seiner Wasserflasche vollzieht und "Hallelujah!" brüllt, als wäre er ein Erweckungsprediger aus dem 18. Jahrhundert.

Und nicht zuletzt bei der visuellen Kampagne des Festivals selbst: Vor zwei Jahren zeigten die Plakate noch Hunde und Katzen, pet content, waren ganz dem Privaten verschrieben. Letztes Jahr waren sie einem ironisch-retroistischen Heimatbild verpflichtet. Dieses Jahr ist der Kosmos das Thema: überall Sternenhimmel, Supernovae, Planeten, C-Beams, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. Ab jetzt, scheint die Botschaft zu sein, werden größere Brötchen gebacken. Ach was, Brote. Der Weltraum ein Hefeteig, der seit 14 Milliarden Jahren expandiert.

Dieser Wille zum Großen, Rituellen ist etwa bei Jauche spürbar, dem Studioprojekt des Nerven-Frontmanns Max Rieger sowie der Produzenten Ralv Milberg und Thomas Zehnle. Während bei der Ring-Version die Zeit rigoros gerafft wurde, wird sie hier unerbittlich gedehnt: Sechs Stunden dauert die Performance, die in der Programmbibel als "ausufernde Messe" charakterisiert wird – drunter machen sie's nicht. Im Schneidersitz (oder ist es full lotus? schwer zu erkennen) sitzen die drei auf der schummrig beleuchteten Probebühne des RambaZamba-Theaters hinter einem schwarzen Vorhang aus Gaze. Vor ihnen ein Altar voll elektronischer Instrumente, Kabel, Effektgeräte. Milberg und Zehnle schrauben bedächtig an Letzteren herum, Rieger intoniert dazu einen anschwellenden, monovokalischen Bocksgesang: Ah! Ein Exorzismus? Aaah! Ein Miroloi? Aaaaaaah! Eine tibetanische Totenklage? Aaaaaaaaaaaaaaah! Oder handelt es sich bei den drei Musikern womöglich um Wiedergänger der Nornen, denen der Schicksalsfaden abhanden gekommen ist, irgendwo muss er doch sein, warte mal, hier?, äh sorry, gestern war er noch da …Zehnle zuppelt an einem Regler, nickt rhythmisch zu einem Puls, den nur er hören kann. Da will man nicht länger stören.

Zuppeln am Regler: Jauche © Camille Blake/​Pop-Kultur

Ein paar Stunden später lausche ich der griechischen Gruppe Iotaphi, die traditionelle Cymbalom-Klänge mit Trip-Hop-Beats kombiniert: Ihre Lieder erzählen von Odysseus, der sich die Ohren mit Wachs verstopfte, um der verführerischen Kraft der Musik zu entgehen, und von Persephone, der zwangsverheirateten Gattin des Hades. Noch ein paar Stunden später stehe ich im Gewölbekeller unterhalb des Brauereigeländes und versuche einer Gruppe Tänzer auszuweichen, die verlorene Seelen darstellen, angeblich befinden wir uns im Fegefeuer und die Performance basiert auf Dantes Göttlicher Komödie. Schön und gut – aber woher, frage ich mich, rührt diese Mythenseligkeit? Ist unsere ganze Popmatrix noch immer so von Homer, Dante, Wagner et al. geprägt, dass wir uns wie die Nibelungen im Bergwerk an ihren Motiven abarbeiten müssen? Befinden wir uns, wie der postmoderne Autor John Barth einmal meinte, in einer Kultur der "Erschöpfung"? Oder ist die Hinwendung zum Mythos eine bewusste Abwendung vom Logos – von jener "instrumentellen Vernunft" also (Horkheimer), die Natur und Mitmenschen zu bloßen Werkzeugen degradiert und Objekten der Ausbeutung gemacht hat? Um nichts weniger geht es schließlich auch beim Ring. Das Gold wird seinem "natürlichen" Ort entrissen und in die Sphäre der Tauschwertlogik überführt. Der Mensch geht seines Urzustands verlustig und wird zum bösen homo oeconomicus. Und die Sprache, wagalaweia!, die Sprache, äh, dings …

Die Gruppe Iotaphi. Woher rührt diese Mythenseligkeit? © Camille Blake/​Pop-Kultur

Während ich so vor mich hindoziere, merke ich, dass ich nach insgesamt zwölf Stunden Musik, Lesung, Diskurs doch ein wenig den Nornenfaden verloren habe. Wie finde ich zurück? Ich flüchte aus dem Hades der Kulturbrauerei zurück ans Licht, das freilich um diese Nachtzeit nur noch ein Natriumdampflicht ist. Gelb wie Nikotin. Gelb wie ein Goldschatz, der in zwanzig Metern Tiefe auf dem Grund des Rheines liegt, und ein paar Kilometer stromaufwärts war gerade ein Chemieunfall. Ich rauche noch eine Zigarette, mache mich auf den Weg nach Hause. Am nächsten Stromzähler ein Plakat, eine Ankündigung für das nächste Dreitagespektakel. Berlin is not Bayreuth, lese ich. Echt jetzt?

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