"Das Eigenartige, das Rätselhafte ist", hat Toni Morrison 1998 in einem Interview gesagt, "dass ich eigentlich nicht spreche in meinen Büchern: Ich will niemanden belehren, niemandem predigen, weder Hass noch Liebe. Ich will erzählen." Manchmal ist ihr das so gut gelungen, dass es den Leser nachhaltig irritiert. In Sehr blaue Augen, ihrem ersten Roman von 1970, ist Pecolas Vater auf den ersten Blick einfach nur ein Monster, der seine kleine Tochter missbraucht. Dann aber wechselt Morrison die Perspektive und erzählt aus seiner Sicht. Und plötzlich wird dieses Monster für den Leser zum Menschen. Letztlich hat sich Morrison in ihren Büchern aber nicht besonders für das sogenannte Böse interessiert. "Das Gute ist, finde ich, komplizierter und interessanter als das Böse. Ich weiß nicht, was es ist. Aber ich versuche, es herauszufinden." Diese Suche musste sie nun beenden: Toni Morrison, die erste afroamerikanische Literaturnobelpreisträgerin, ist im Alter von 88 Jahren verstorben.

Als Chloe Anthony Wofford wurde sie 1933 in Lorain, Ohio, geboren. Sie wuchs in einer Mittelstandsfamilie auf und ging auf eine Schule, in der schwarze und weiße Kinder bereits gemeinsam unterrichtet wurden. Einmal, so erzählte sie dem New Yorker, lungerte ein weißer Mann an ihrem Haus herum. "Der Mann war betrunken", aber ihr Vater hätte ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber allen Weißen gehabt und ihn verjagt. Ein Misstrauen, das sicherlich übertrieben gewesen wäre, aber "zu sehen, dass mein Vater in der physischen Konfrontation mit einem weißen Mann gewinnen konnte, hat mich begeistert und machte mich zufrieden".

Nach der Schule studierte sie zunächst an der Howard University in Washington, D. C., zur Zeit der Rassentrennung in den USA eine Art Harvard für Afroamerikaner. Ihre Masterarbeit schrieb sie an der Cornell University über den Suizid in den Romanen von William Faulkner und Virginia Woolf. 1958 heiratete sie den aus Jamaika stammenden Architekten Harold Morrison. Die Ehe, aus der zwei Söhne hervorgingen, hielt sechs Jahre. Morrison behielt den Namen ihres damaligen Mannes, zog jedoch die beiden Söhne allein groß. 1964 begann sie als Lektorin für den Verlag Random House zu arbeiten, erst in Syracuse, dann in New York City. Schon währenddessen begann sie, an der Universität zu unterrichten; von 1989 bis 2006 war sie dann Professorin in Princeton. Wenn die Kinder im Bett waren, schrieb sie. An Sehr blaue Augen arbeitete sie fünf Jahre lang, immer abends. Die Zeit zum Schreiben, hat sie einmal gesagt, habe sie sich "gestohlen".

Morrisons frühe Bücher verkauften sich nicht besonders gut. Erst 1983 mit Tar Baby erreichte sie eine große Leserschaft. Nach 19 Jahren Arbeit für Random House konnte sie 1984 dort schließlich aufhören und sich ganz dem Schreiben widmen. Zu diesem Zeitpunkt war Toni Morrison bereits die wichtigste Instanz für afroamerikanische Literatur. Viele Buchprojekte schwarzer Autoren gingen auf ihre Idee zurück oder waren von ihr betreut worden. So hatte sie in den Siebzigerjahren das Black Book mit Texten und Fotos zur afroamerikanischen Kultur gegen Widerstände im Verlag durchgesetzt und die Autobiografie von Muhammad Ali, The Greatest, herausgegeben. Alis Buch macht auch noch einmal deutlich, was Morrison am Herzen lag: ein neues, starkes Selbstbewusstsein der Afroamerikaner in den USA.

Mit ihrer eigenen Literatur wollte sie sich jedoch von ihren schwarzen, meist männlichen Vorgängern absetzen. Von James Baldwin und Ralph Ellison sagte sie, sie hätten in der – durchaus wichtigen – Auseinandersetzung mit den Weißen vor allem für Weiße geschrieben. Ellisons Buch Der unsichtbare Mann kommentierte sie mit der Frage: "Unsichtbar für wen? Für mich nicht." Morrisons eigene Literatur sollte von Schwarzen für Schwarze sein. Dennoch schrieb sie sich ein in den Kanon, der damals vor allem von Weißen geprägt war. Ihr Roman Song of Solomon wurde schon 1977 in die Hauptauswahl für den populären Book of the Month Club aufgenommen. Sie war die erste schwarze Autorin, der das gelungen war. 1988 erhielt sie den Pulitzerpreis für Beloved (Menschenkind). Hier irritierte sie die Leser mit der von einem wahren Vorfall inspirierten Geschichte der entflohenen Sklavin Sethe, die ihre eigene Tochter tötet, um sie vor der Sklaverei zu bewahren. 1993 erhielt sie dann den Nobelpreis für Literatur.

Toni Morrison versetzte die Handlung ihrer Romane stets in die Vergangenheit. Sie tat dies allerdings nicht, um diese Vergangenheit im Sinne einer historistischen Rekonstruktion wieder aufleben zu lassen. Ihre Darstellung der Lebensbedingungen unter den Sklaven in Gnade zum Beispiel, das im Virginia Ende des 17. Jahrhunderts spielt, kommt ohne viele Details aus, weil sich die Geschichte vom Kern der Probleme her entspinnt: Was macht eine schwarze Frau, wenn der Sklavenhalter sie zwar gut behandelt hat, dann aber plötzlich stirbt? Wenn sie weder etwas erben kann, noch sonst irgendwelche Rechte besitzt?

Toni Morrison wollte Figuren aus ihrem Inneren heraus entwickeln. Obwohl all ihre schwarzen Protagonisten in einer von Rassismus, Sklaverei, Sexismus und Gewalt geprägten Welt leben müssen, sind ihre Erzählungen keine bloße Anklage dieser Zustände. Es ging ihr immer auch um die ganze Bandbreite des Lebens, um Liebe, Freundschaft und Verrat und natürlich die sprichwörtliche Lücke, die der Teufel lässt, die Freiheit, die bisweilen auch in Sklaverei und Rassentrennung möglich war. Ohne Zweifel an der Abscheulichkeit und Verurteilenswürdigkeit der Taten zu lassen, sind in Morrisons Büchern auch die Täter Menschen mit einer Geschichte, oft sogar einer Opfergeschichte. Wie sollen wir den anderen verstehen, wie sollen wir Gewalt verhindern, wenn wir diese Geschichten nicht hören? Toni Morrison hat sie erzählt und damit gezeigt, wie literarische Fantasie unseren Horizont, unser Bild vom Menschen verändern kann.