Auch ich bin Toni Morrisons Tochter – Seite 1

Zadie Smith wurde 1975 in London als Tochter einer Jamaikanerin und eines Briten geboren. Ihr erster Roman "White Teeth" machte sie im Jahr 2000 international bekannt. Mit "On Beauty" wurde sie 2005 für den Man Booker Prize nominiert. Sie hat Literatur an der Columbia University und in Harvard unterrichtet und hält seit 2010 eine Professur für Kreatives Schreiben an der New York University. Hier verbeugt sich die Schriftstellerin vor ihrer literarischen Mutter Toni Morrison, die am 5. August im Alter von 88 Jahren verstorben ist.

Ich war sehr jung, als ich Toni Morrisons frühe Romane las, vielleicht ein bisschen zu jung, etwa zehn Jahre alt. In diesem Alter konnte ich ihren Sprachexperimenten oder der Dichte ihrer Metaphern nicht immer folgen, aber viel wichtiger als das war die Tatsache ihres Daseins. Ihre Bücher stapelten sich auf den Regalen im Wohnzimmer, als ob meine Mutter sich selbst davon überzeugen wollte, dass Morrison bei uns einzogen war.

Heute, 2019, ist es schwer zu beschreiben, welch unstillbares Bedürfnis sie befriedigte. So etwas wie Black Girl Magic gab es 1985 in London nicht. Es gab in der Kultur der Mehrheit nicht einmal ein Black Girl Irgendwas, außerhalb der Bereiche Gesang, Tanz und vielleicht Laufen. Auf den Bücherregalen meiner Mutter fanden sich freilich schwarze weibliche Autorinnen, und "Toni" war die größte unter ihnen. Aber kein derartiges Wesen wurde jemals in einer Schulstunde erwähnt, und ich kann mich nicht daran erinnern, eines im Fernsehen, in den Zeitungen oder anderswo gesehen zu haben.

The Bluest Eye, Sula, Song of Solomon und Tar Baby zum ersten Mal zu lesen war deshalb mehr als ein ästhetisches oder psychologisches Experiment. Es war existenziell. Wie viele schwarze Mädchen meiner Generation zwang ich Toni Morrison, dieser einen Person, eine unmögliche Rolle auf: Ich wollte ihren Namen auf einem Buchrücken lesen und diese faule Unterstellung und selbstzufriedene Gewissheit einer vertrauten Verbindung spüren, eines geerbten Vermögens, das jeder angelsächsische, noch so unbelesene oder an Literatur desinteressierte Junge in der Schule spürte, wenn er zum Beispiel die Namen William Shakespeare oder John Keats hörte. Kein Schriftsteller, keine Schriftstellerin sollte solch eine Bürde tragen müssen. Das Besondere an Morrison ist: Sie wollte diese Last nicht nur tragen, sie war dem auch gewachsen. Sie wusste, dass sie für uns nicht nur eine Schriftstellerin sein musste, sondern ein Diskurs, und sie wurde zu einem, indem sie eine eigene Sprache erfand und jeden ihrer Romane als ein Projekt, eine Mission entwarf – nie bloß zur Unterhaltung.

Wie es typisch Keats’sche und Shakespeare’sche Sätze gibt, so prägte auch Morrison ihre Sätze, überreich an zwingenden, sich selbst behauptenden Metaphern, von Nebensätzen durchzogen wie eine Präsidentschaftsrede aus dem 19. Jahrhundert, und stets der Überzeugung verpflichtet, dass eine Erzählsprache, eine uneindeutige, unentschiedene, ambivalente, sich windende Sprache, die aus einer mündlichen Erzählkultur entspringt, eine Art Weisheit zu vermitteln vermag, die sich unterscheidet von oder gar in Opposition steht zu einer, wie sie es ausdrückte, "verkalkten Sprache der Universitäten oder der Gebrauchssprache der Wissenschaften".

Was den Menschen daran hindert, sein volles Potenzial zu entfalten – das war ihr großes Thema. Aber das vollzog sich nicht etwa unbewusst oder zufällig, das konnte sie sich gar nicht erlauben. Zum Beispiel in The Bluest Eye: Wie soll man über Selbsthass schreiben, ohne sich ihm selbst auszusetzen? Oder ihn zu verteufeln? Oder die Macht des Triumphes genau der Kultur zu überlassen, die dieses Gefühl erst hervorgerufen hat? All das musste durchdacht werden, und sie hat all das durchdacht, als Romanautorin ebenso wie als Kritikerin und Dozentin. Was mich an ihrem letzten Essayband The Source of Self Regard am meisten beeindruckt hat, ist das Niveau an nachhaltiger akademischer Kritik, die sie auf ihre eigenen Romane anwandte, wie eine Architektin, die einen durch ein von ihr selbst entworfenes Gebäude führt, im Bewusstsein all seiner Schönheit, aber auch seines Nutzens.

Toni Morrison stellte sich selbst in den Dienst ihres Volkes, wie es bisher von nur wenigen Schriftstellern gefordert wurde, und sie empfand das als Privileg. Ein Großteil des Projekts bestand darin, schwarze Kultur an sich zu adeln und sie ganz bewusst mit einem Wortschatz zu ummanteln, der ihr zur Ehre gereicht.

Morrison hielt für uns die Stellung

Allen, denen der Zugang zu ihren Gebäuden zu eng erschien, wusste Morrison prominent zu erwidern. Und heute – nicht zuletzt aufgrund ihrer Entschlossenheit, sich nicht von ihrem Projekt abbringen zu lassen – verstehen wir natürlich, dass es gar keine schmalen Eingänge in die Häuser der Geschichte, des Erlebens und der Kultur gibt. Denn wenn es um Erzählweisen, um Sichtweisen geht, ist jedermanns Geschichte grenzenlos. Und auch die jeder schwarzen Frau. Diese unendlichen Weiten hat sie Mädchen wie mir eröffnet, die anderes befürchtet hatten.

Im Jahr 1992 veröffentlichte die in Ghana geborene, legendäre afrobritische Publizistin Margaret Busby, eine gute Freundin meiner Mutter, den ersten Band von Daughters of Africa, in dem selbstverständlich auch ein Text von Morrison erschien, zusammen mit Beiträgen von mehr als 200 anderen Frauen. Sein Titel leitete sich ab von den Worten Maria W. Stewarts, der ersten Afroamerikanerin, die öffentliche Vorlesungen gehalten hatte: "O, ye daughters of Africa, awake! Awake! Arise! No longer sleep nor slumber, but distinguish yourselves. Show forth to the world that ye are endowed with noble and exalted faculties." ("Ihr Töchter Afrikas, wacht auf! Erhebt euch! Schlaft oder schlummert nicht länger! Zeigt, wer ihr seid! Macht der Welt klar, dass ihr begabt seid mit edlen und herausragenden Fähigkeiten.")

Ein Jahr später gewann Morrison den Literaturnobelpreis. Ein Jahr danach ging ich an die Universität, um mich für einen Kurs in Englischer Literatur einzuschreiben, der weder eine einzige Tochter Afrikas, noch irgendwelche seiner Söhne berücksichtigte. Der Wandel ließ auf sich warten, aber Morrison hielt vorn die Stellung, um uns in die Zukunft zu geleiten, wie ein Leuchtfeuer.

In diesem Jahr hat Margaret nun den zweiten Band von Daughters of Africa veröffentlicht, ebenso umfangreich. Viele der darin erscheinenden Autorinnen sind nicht nur Afrikas Töchter, sondern – bildlich gesprochen – Morrisons Töchter, zu denen ich auch mich selbst zähle. Morrison lehnte die Vorstellung einer schmalen Tür ab und beanspruchte für sich die weite Welt. Sie bereicherte unser schriftstellerisches Erbe. Heute kann jedes Kind, ungeachtet seiner Herkunft, Morrison als seine literarische Ahnin ansehen: eine große amerikanische Autorin, die ihm ebenso so zugänglich ist wie allen anderen – und wie jeder andere kanonische Autor. Alle, die lesen, und alle, die schreiben, sind ihr zu Dank verpflichtet für den Raum, den sie geöffnet hat.

Aus dem Englischen von Rabea Weihser

© Zadie Smith 2019. Die englische Fassung dieses Textes ist erschienen im Rahmen der Würdigungen des amerikanischen PEN-Clubs zum Tod von Toni Morrison.