Einstmals schmückten unter der Sonne glänzende Schlösser und Burgen die Landschaften. Inzwischen trifft man dort, wo sie standen, auf "restholzbestände" und "halbtrockenrasen". Echtes Leben macht sich vor allem noch im Untergrund bemerkbar, wo "Endogene[] kräfte[]" wirken, kaum sichtbare, geheime Strömungen, zu denen uns erst Wulf Kirstens Gedichte Zugang verschaffen. Den neuesten Band Erdanziehung des Peter-Huchel-Preisträgers, eine Sammlung der lyrischen Werke aus den Jahren 2011 bis 2018, kann man als eine poetische Tiefenbohrung sehen. Was die freilegt, sind historische und biografische Schichten. Darunter immer wieder Bilder des Kriegs: von Panzern in Sümpfen, selbst gebauten Bunkern und Gräberfeldern. Überall vernimmt der Leser "zermahlenes erdenweh".

Angestimmt wird von dem 1934 in Klipphausen geborenen Dichter jedoch kein Lamento über die Vergänglichkeit allen Seins. Vielmehr weiß er um die konservierende Macht der Poesie. Seien es die Geschichten der Ahnen, der im Fernen verhallende Gesang der Zikaden oder weltverlorene Bahnstationen im Nirgendwo – Kirstens Verse bewahren, was allzu schnell verloren zu gehen droht, und knüpfen an eine ästhetisch höchst verspielte Gedenk- und Erinnerungskultur an, die schon seit geraumer Zeit die Literatur durchdringt. Man denke in der Prosa an Werke von Judith Schalanskys oder Sven Tillich oder in der Lyrik an Uwe Kolbe, Silke Scheuermann oder José F. A. Oliver. Auf Lichtgeschwindigkeit und Informationsflut der digitalen Spätmoderne antworten diese Autorinnen mit der Souveränität des gesetzten Wortes. Kirsten formuliert seine Kulturkritik nun sogar dezidiert in einer Miniatur über die Stille aus, die für ihn den Ausgangspunkt des poetischen Schreibens darstellt. Denn sie sei ein "summen", woraus sich erst die "textur", also das Gedicht bilde. Doch "wer", so die Skepsis an der Gegenwart der anderen, "noch wollte / und sollte das überirdische hören, wo / alle ohren verstöpselt, alle blicke / weltab gerichtet auf smartphones, / die dazu verhelfen, nicht mehr gewahr / zu werden die sie umfangende welt"?

Manch einem mag es wie Nachahmung der Alten vorkommen, wenn Kirsten inmitten der Beschleunigungsgesellschaft um die zeitlosen Momente ringt, ja, versucht, einen einfachen und unverstellten Ton für abgelegene oder vergessene Räume zu finden. Man kann sein Bemühen aber auch als ganz gegenwärtige Kunst der Besinnung verstehen. Indem er nach dem Echten und Wahren strebt – zwei Kategorien, die wieder im Kommen sind! –, sinnt er auf eine Lyrik der Vitalität und Erfahrungssättigkeit. Er will das unmittelbare Gefühl, das pure Leben oder, wie er es selbst festhält, "die alltäglichen banalitäten, / die es zu fermentieren gilt, / in poetische rede" kleiden.

Auf den ersten Blick altmodisch gleichen seine Texte somit einem frischen Wind durch sterile Zimmer – auch weil sein ästhetischer Ansatz in Opposition zu zumindest einem Teil der zeitgenössischen Lyrik steht, der sich deutlich in einer akademischen Denktradition verortet. Gedichte nehmen bei avancierten Dichtern wie Ulf Stolterfoht oder Stefan Schmitzer nicht selten den Charakter von Oberseminaren über Sprachkritik, Poststrukturalismus oder Diskursanalyse an. Klug ist deren Kunst, aber mitunter trocken. Diese Avantgarde hat zweifelsohne ihre Berechtigung. Dass indes wieder mehr und mehr Autoren – neben Kirsten wären beispielsweise Albert Ostermaier, Mirko Bonné oder Christine Langer zu erwähnen – wieder die affektive Dimension der Dichtung stärken, ist eine Wohltat. Sie feiern das Ästhetische an sich, die Schönheit, die Poesie so zart wie berauschend einzufangen weiß. Der ironische Blick auf die Welt liegt ihnen fern. Stattdessen fragen ihre Texte mit Inbrunst nach den existenziellen Urgründen des Daseins: der Natur, der Liebe, der Feier des Augenblicks. Kirstens stimmungsvolle Verse über das "land unterm licht" oder den "nachlaß des tages, der schon / nach herbst schmeckt", verdichten das Leben im unverblümten Genuss an der Sprache – genau so, als müsste man jeden Duft und jeden Eindruck noch einmal ganz in sich aufnehmen, bevor im sich anbahnenden Morgen schon wieder eine neue Saat aufgeht.

Wulf Kirsten: "Erdanziehung", S. Fischer, 96 Seiten, 22 Euro.