Es gibt kein Happy End, natürlich nicht. Und es hört auch nicht mit Harvey Weinstein auf. Weder das Buch She Said von Jodi Kantor und Megan Twohey, den Investigativreporterinnen der New York Times, die als Erste über die mutmaßlichen Straftaten des einstigen Filmproduzenten Weinstein berichteten. Noch die Serie von Enthüllungen über mächtige Männer und das, was sie Frauen angetan haben sollen.

Das Buch She Said, das am 10. September in den USA erschienen ist und von einer Rezensentin in Kantors und Twoheys eigener Zeitung bereits mit Carl Bernsteins und Bob Woodwards epochemachendem Watergate-Enthüllungsbuch All The President’s Men verglichen wurde, endet mit einer quälend langen Beschreibung dessen, was der Schritt in die Öffentlichkeit für ein mutmaßliches Opfer sexueller Gewalt bedeuten kann. Als sich die damals 51-jährige Christine Blasey Ford dazu entschloss, im September 2018 darüber auszusagen, was der von US-Präsident Donald Trump da erst zum Verfassungsrichter nominierte Jurist Brett Kavanaugh ihr 36 Jahre zuvor angetan haben soll, als beide noch Teenager waren, wusste sie: Ihr bisheriges Leben als geachtete, aber in der breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Psychologieprofessorin an der Palo Alto University in Kalifornien würde abrupt aufhören.

Sie würde nicht nur die Geschehnisse jenes fernen Sommer 1982, in dem Brett Kavanaugh sie sexuell missbraucht haben soll, noch einmal in ihren eigenen Schilderungen durchleben müssen. Halb Amerika würde ihr dabei live im Fernsehen zusehen, bei ihrem Erscheinen vor dem für den Nominierungsprozess zuständigen US-Senatsausschuss. Und es kam, wie es die parteipolitischen Machtverhältnisse vorher hatten erahnen lassen: Brett Kavanaugh wurde ungeachtet der Aussagen Christine Blasey Fords zum Richter am US Supreme Court bestellt, mit den Stimmen der republikanischen Mehrheit im Senat.

Die Story, die eine Bewegung entzündete

Kantor und Twohey berichten in ihrem Buch aus nächster Nähe von dem Entscheidungsprozess Fords. Die beiden Reporterinnen, deren erste Story über Harvey Weinstein am 5. Oktober 2017 erschienen war, arbeiteten knapp ein Jahr später längst schon an der nächsten Story, eben an der Christine Blasey Fords und Brett Kavanaughs. So ist der Beruf der Reporterin.

Der Untertitel von She Said deutet an, dass das Verhältnis zwischen Medien und mutmaßlichen Opfern sexualisierter Gewalt ein komplexes ist: Breaking the Sexual Harassment Story That Helped Ignite a Movement – die Bewegung, die gemeint ist, das ist #MeToo, und die Berichte Kantors und Twoheys über Weinstein haben diese Bewegung keineswegs ausgelöst, sondern sie erst richtig "entzündet".

Das Twitter-Hashtag hatte Jahre zuvor schon existiert. Und so sehr Journalisten geneigt sind, #MeToo eben als Medienereignis aufzufassen, lässt sich der durch das Hashtag bezeichnete historische Moment auch so erzählen: Es ging mindestens ursprünglich darum, die klassischen Medien zu umgehen und durch soziale Netzwerke zu leisten, was Erstere lange nicht leisten konnten oder wollten. Die Aktivistin Tarana Burke hatte das Hashtag MeToo gerade deshalb geschaffen, weil vor den Weinstein-Enthüllungen im Oktober 2017 kaum Berichte über sexuelle Gewalt gegen Frauen veröffentlicht worden waren. Sei es, weil Anschuldigungen juristisch nicht eindeutig beweisbar waren und Medienberichte darüber also durch mutmaßliche Täter anfechtbar gewesen waren; sei es, weil sie als schmutzige Wäsche missverstanden worden waren.

Im Fall des Comedians Louis C.K. etwa waren es Kolleginnen, die auf Twitter als Erstes über dessen Übergriffe berichteten; im Fall von Bill Cosby trat gar ein Stand-up-Set des Komikers Hannibal Buress die Lawine los. Die Liste der Shitty Media Men, die dann auch Mediengrößen wie Leon Wieseltier und Lorin Stein in Bedrängnis brachte, hatte ihren Ursprung als Google Doc, das junge Journalistinnen vor Männern in der Branche warnen sollte, die ihre Positionen missbrauchten.

#MeToo produzierte eben nicht nur Enthüllungen im herkömmlichen journalistischen Sinne. Es war nicht so, als habe vorher niemand von den mutmaßlichen Taten gewusst, und ein ahnungsloses Leserinnenpublikum wäre dann durch eine oder mehrere Storys in Zeitungen aufgeklärt worden. Die Vorwürfe gegen Cosby waren weidlich bekannt, die gegen Louis C.K. ebenfalls. Kevin Spaceys Besuche in den Schwulenclubs der südlichen Westküste waren notorisch. Die Causa Weinstein schockierte angeblich sogar Weinsteins Umfeld, dabei war sie bereits im Jahr 2013 Gegenstand eines Witzes bei der Oscar-Verleihung gewesen. Abermillionen Zuschauende hatten am Fernseher zugesehen, wie Seth MacFarlane den Nominierten in der Kategorie Beste Nebendarstellerin dazu gratulierte, "nicht mehr so zu tun müssen, als fühlten sie sich zu Harvey Weinstein hingezogen", im Saal wurde gelacht. Dieser Moment demonstrierte wie kaum ein anderer symbolisch die kollektive Leugnung von Tatsachen – und deren Auflösung in diesem Fall in beklommenes Gelächter. Genau dagegen wendete sich das Hashtag MeToo. Er zeigte individuelle Verhaltensmuster von Tätern auf, ebenso wie den gesellschaftlichen Umgang damit, das Wegschauen, Ertragen, letztlich Leugnen.

Das Buch She Said leistet nun einen wichtigen Beitrag zum Verständnis dieses historischen Moments. Die Autorinnen Kantor und Twohey treten darin zunächst einen Schritt zurück. Sie erzählen, wie ihre Recherche, die lange Monate dauerte, zustande kam; welche Strukturen das System Weinstein so lange unsichtbar machten und damit dessen Handeln ermöglichten; und sie positionieren den Fall Weinstein in der jüngeren amerikanischen Geschichte.