Ein rasendes Requiem – Seite 1

Auf den ersten Seiten dieses Romans mag kaum glauben, ein Buch von Isabel Bogdan in den Händen zu halten, die vor einigen Jahren mit der unterhaltsamen, sprachlich aber ambitionslosen Landhauskomödie Der Pfau debütiert hatte. In Laufen ist alles anders. Der Tonfall, der Satzbau, die Erzählperspektive. Statt das erfolgreiche Bestsellerrezept zu variieren und die gewiss vorhandenen Erwartungen des Publikums zu bestätigen, wagt Bogdan einen Neuanfang. 

Den gediegenen Witz ihres Debüts hat Bogdan durch herzlichen Ingrimm ersetzt. Eine trauernde Erzählerin läuft im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben, möchte körperliche Schmerzen spüren, um die seelischen Qualen zu verdrängen: "Laufen ist super, so schön stumpf, man muss gar nicht denken, ich kann sowieso nur über das Laufen nachdenken und meinen Körper und gar nicht über den anderen Mist, weil das viel zu anstrengend ist, ich laufe mir die Grübelei weg, andere Leute laufen angeblich, weil sie dabei gut nachdenken können, ich kann an gar nichts anderes denken als an meinen Körper, ob er funktioniert, wie er funktioniert, wie das Laufen sich anfühlt, ob ich noch kann, und wenn ja, wie weit, und ob mir gerade etwas wehtut, oder was am meisten wehtut, als wüsste ich nicht, was am meisten wehtut, aber beim Laufen tut endlich der Körper weh, das ist jedenfalls besser, als vor dem Rechner zu sitzen und stundenlang bunte Kügelchen abzuschießen oder Karten zu sortieren und dabei immer an – "

Dieser Gedankenstrich ist wirklich einer, da wird etwas weggestrichen, was die Gedanken dennoch besetzt hält. Und es überrascht nicht, dass die namenlose Erzählerin, die sich ihren Lebensunterhalt als Bratschistin in einem Hamburger Profiorchester verdient, ein gutes Gespür für Zäsuren hat, genauso wie für überraschende Kontrapunkte, Rhythmuswechsel und Motivwiederholungen. Die Musikalität des Textes ist allerdings nicht zu dick aufgetragen, dafür sorgt schon die traurige, wütende, fassungslose und dann wieder gegen all diese Stimmungen ankämpfende Heldin, die eigentlich keine sein möchte. Sie wollte ein normales Leben führen, doch irgendwann war nichts mehr normal: Ihr Partner war erst lustlos, dann depressiv, rang mit sich und der Krankheit, um endgültig zu verzweifeln und sich das Leben zu nehmen. Natürlich glaubt die Erzählerin, mitschuldig am Suizid zu sein, selbst wenn ihr ständig von allen Seiten das Gegenteil gesagt wird, aber sie denkt ständig daran, wie die Beziehung schlecht und schlechter wurde, wie sie ihn betrog und schließlich nicht mal bemerkte, dass er diesen einsamen Entschluss fasste. 

Bachblüten gegen Einsamkeit?

"Ich kann nicht mehr" lautet der erste Satz des Romans, und wie so viele Selbstauskünfte wird auch diese widerlegt, verrückterweise kann dieses Ich dann doch noch ziemlich viel. Die Joggingstrecken an der Alster werden länger, und wo am Anfang noch Leerstellen und Gedankenstriche waren, beginnt eine schmerzhafte Selbstreflexion. Sie durchlebt im Dauerlauf noch einmal eine Liebe, die vielleicht am Ende war, aber nicht so hätte enden dürfen, sie versucht Abstand von dem Unfassbaren zu gewinnen, ohne blindlings zu verdrängen, sie lernt die aufdringliche Hilflosigkeit der eigenen Eltern und das rücksichtslose Gebaren der unsensiblen Schwiegereltern einzuordnen. Bogdan findet für diese Veränderungen sehr anschauliche Beispiele, etwa wenn die Erzählerin davon berichtet, wie schwer, aber auch befreiend es ist, nicht mehr in den Schlafanzügen des toten Mannes zu übernachten, sich vom Geruch des gerade noch Lebenden zu entfernen. 

Unter den vielen grausamen Folgen, die eine Selbsttötung für das familiäre Umfeld bedeutet, ist die Einsamkeit im Leid besonders schwer zu ertragen, und das zeigt sich vor allem im herrlich aggressiven Humor der Protagonistin. "Steht da in dem Apothekerschaufenster im Ernst: 'Bachblüten gegen Einsamkeit'? Ich glaube, es hackt, Bachblüten? Gegen Einsamkeit? Ich hätte glatt Lust, da reinzurennen und ihnen ihre Bachblüten sonst wohin zu schieben, Bachblüten!" So rigoros eingeschränkt die Erzählperspektive, so überraschend vielseitig sind die Erzähltemperaturen in diesem Roman. Wut und Witz verbinden sich, Hoffnungslosigkeit trifft auf Sehnsucht. Daher ist auch Raum für die Nebenfiguren, für Freundin Rike oder Frau Mohl, die Therapeutin, die mal nicht als seltsame Psychotante karikiert wird, sondern wirklich zu helfen weiß.

"Wir haben uns auf den Ausdruck 'Erleichterungsvögeln' geeinigt"

Die Kunst dieser dauerlaufenden Nachdenkprosa besteht darin, erzählerisch nicht zum Stillstand zu kommen, die Hauptfigur aus ihren Trauerspiralen zu befreien, eben doch so etwas wie eine Geschichte zu entwickeln, ohne sich dabei einen ausgeklügelten und damit unangemessenen Plot auszudenken. Diese Gratwanderung – eigentlich müsste es heißen: dieses Gratjogging – gelingt Bogdan, indem sie der traurigen Heldin nicht nur eine innere Heilung, sondern auch eine äußere Entwicklung zugesteht. Beim Laufen lernt sie einen Mann kennen, sie merkt sich zwar nicht gleich seinen Namen, trifft ihn aber bald wieder, geht mit ihm aus, zögert, weil die Trauer ja nicht verschwunden ist, und freut sich doch, in seinem Bett zu landen. Dabei scheint die körperliche Nähe wichtiger zu sein als der Sex, was die Freundin Rike zur sympathisch rotzigen Frage veranlasst, "ob das ein Verzweiflungsfick war". Die joggende Witwe, die eines vor allem nicht sein möchte, nämlich Witwe, könnte beleidigt und empört reagieren, aber gerade die sarkastische Direktheit hilft ihr. So kann sie die folgenden Gedanken zu einer Pointe führen, die über den Text hinausweist: "Es war auch bestimmt ein bisschen Verzweiflung mit drin, aber nicht nur, wir haben uns auf den Ausdruck "Erleichterungsvögeln" geeinigt, das klingt gleich viel besser. So sollten Männer mal über Frauen reden, da wäre aber was los."

Das Verhältnis der Geschlechter ist in diesem rasenden Requiem ohnehin auf völlig andere Weise beschrieben als in vielen jüngst veröffentlichten Romanen von Autorinnen, in denen Männern vor allem als rücksichtslose Unterdrücker, Ausbeuter und Frauenverächter auftreten, beispielsweise in Karen Köhlers naivem Klagegesang Miroloi oder Sibylle Bergs Hassfantasie GRM. Interessanterweise handelt es sich bei diesen Romanen um feministische Dystopien, die aber in ihrer Schwarz-weiß-Malerei nur wenig über die etwas komplizierteren Geschlechterverhältnisse der Gegenwart aussagen.

Eine Überlebenssuada

Isabel Bogdan hingegen bietet keine monokausalen Welterklärungen auf zighundert Seiten. Sie schildert aus einer dezidiert weiblichen Perspektive im bewusst schmalen Format einen realistischen Alltag, in dem es eben sehr unterschiedliche Männer- und Frauenfiguren gibt, aus deren Verhalten sich nur schwer Pauschalurteile ableiten lassen.

So kommt der Roman auch zu völlig anderen Schlüssen im Nachdenken über das Zusammenleben der Geschlechter und beeindruckt schließlich mit Selbstkritik, vor allem wenn es um leichtfertige Projektionen geht: "Der junge Vater legt seiner Frau einen Pullover um die Schultern, gemeinsam schieben sie den Kinderwagen vom Sportplatz, ich habe etwas im Auge, bestimmt eine kleine Fliege, was weiß denn ich, wahrscheinlich zicken sie sich zu Hause an, womöglich wollen sie das Kind gar nicht, wahrscheinlich zwingt er sie zum Laufen, und sie hat überhaupt keinen Bock darauf, wahrscheinlich sagt er ihr, sie sei zu fett, wahrscheinlich, was weiß denn ich, was wahrscheinlich ist, wahrscheinlich habe ich eine Meise und keine Ahnung, und bestimmt sind sie sehr nett zueinander und lieben ihre Kinder von Herzen, und ich sollte aufhören, mir anderer Leuts Beziehungen auszumalen."  

Warum auch einen Satz mit einem Punkt enden lassen, wenn er mit einem Komma weitergeführt werden kann, auch gegen alle Grammatikregeln. Isabel Bogdan hat für den Gedankenstrom ihrer Überlebenssuada die passende Sprache gefunden, nämlich eine Mündlichkeit, die zugleich so artifiziell ist, dass niemand auf die Idee kommt, hier werde im ausufernden Selbstgespräch einfach mal ein großer Schmerz weggeplaudert. Gerade weil das Buch sprachlich einiges wagt, verkommen die anrührenden Momente nicht zum Kitsch. Möglicherweise wird diese Autorin beim nächsten Prosawerk erneut eine andere Tonlage anschlagen, das Publikum abermals überraschen. Das wäre eine noch größere Herausforderung. Allerdings wäre es Isabel Bogdan zuzutrauen, jedenfalls ist Laufen ein Versprechen. Es geht nämlich immer auch anders, lautet die doppelte Botschaft dieses Romans, im Leben wie in der Literatur.

Isabel Bodgan: "Laufen", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2o19, 208 S., 16,99 €